Die Wirklichkeit sieht aus wie gemalt, und die Gegend, aus der der Künstler stammte, wird seinen Bildern immer ähnlicher. Wer heute Mitteldeutschland bereist, die Leipziger Tieflandsbucht durchquerend ins Vogtländische, dem begegnen dauernd diese neoromantisch qualmenden Mattheuer-Schornsteine, diese kompakten Mattheuer-Wolken und scharf gezeichneten Mattheuer-Horizonte. Die Schnellstraßen scheinen allesamt dem berühmten Aufbruchspanorama Hinter den sieben Bergen nachempfunden. Diese Autokolonnen! Diese sanft gewellten Felder! Und während der Himmel grau oder türkis oder cobaltblau über den Betrachter hinwegzieht, fühlt er sich als Teil eines Zukunftsszenarios, das er schon lange kennt.

Wolfgang Mattheuer, der philosophischste unter den zeitgenössischen deutschen Malern, hat uns unsere Epoche sehen gelehrt. Er erneuerte das Genre der Landschaftsmalerei – nicht indem er unsere schöne neue heruntergekommene Welt mit ihrem Gewand aus Beton, ihrem Herzen aus Müll getreulich kopierte, sondern indem er Landschaft metaphorisierte. So malte er einen Fortschritt, in dessen Verlauf das Menschengemachte das Naturwüchsige unaufhaltsam durchwuchert. "Natürlich bleibt nichts, nichts bleibt natürlich", heißt es in einem Gedicht Volker Brauns, das man am besten begreift, wenn man Mattheuers Bilder betrachtet: wo qualmende Schlote blühende Bäume überragen, wo Leute an Ästen sägen, auf denen sie sitzen, wo ausgekohlte Tagebaue in Caspar-David-Friedrichscher Manier verdämmern, wo geflügelte Schrebergartenbewohner aus ihrem engen Wochenendidyll zur Sonne hinaufstreben, wo ein abgestürzter Ikarus am Straßenrand liegt und von Bustouristen wie eine Sehenswürdigkeit beglotzt wird.

Als subversiver Landvermesser seiner sächsisch-thüringischen Heimat hat Mattheuer – geboren 1927 in Reichenbach, gestorben 2004 in Leipzig – unsere Wahrnehmung dieser Gegend beeinflusst. Nun präsentiert ihn eine Leipziger Ausstellung unter der Überschrift Abend, Hügel, Wälder, Liebe. Der andere Mattheuer als Naturmaler jenseits der großen Ideengemälde; doch auch auf der grünen Wiese erweist er sich als Gelehrter, ein pictor doctus, dessen Werk aufs Engste mit der kritischen DDR-Literatur der siebziger und achtziger Jahre verbunden ist.

Vor allem die apokalyptische Landschaftslyrik, wo beschädigte äußere Natur als beschädigte innere Natur des Menschen erscheint, steht mit Mattheuers Werken in enger Verbindung. Man kann ja das düstere Tagebaubild Oh, Caspar David… nicht betrachten, ohne sogleich an Brauns Niederlausitzer Tagebaupoem BurghammerV zu denken. Wenn wir die aufgerissene Erde unterm gewittrigen Abendhimmel sehen, hören wir automatisch die brüchigen Trauerverse auf das "mitteldeutsche Loch", erleben wir Mattheuer als korrespondierendes Mitglied der Sächsischen Dichterschule. Er malte, was Lyriker wie Heinz Czechowski, Rainer Kirsch, Reiner Kunze, Bernd K. Tragelehn, auch Günter Kunert und Sarah Kirsch seit Ende der Sechziger beschrieben: eine von Ingenieuren durchgearbeitete, von der Partei beackerte, von Maschinen um und um gewendete Provinz, deren Vorrat an Utopie schnell aufgebraucht war. In den Worten Mattheuers: "Wo kommt er her, der Weg / mit Rändern / zerfressen und mit Abfall plombiert. / Mit Dornenhecken, die blühen zu ihrer Zeit, / mit abgestellten Träumen, / Hoffnungsschutt und verrostetem Wollen. / Wo führt er hin? / Wie wird er beschaffen sein / hinterm Horizont?"

Der Maler schrieb nämlich auch Gedichte, die nun anlässlich der Ausstellung rezitiert werden. Sein Dichten war aber keineswegs Hybris eines in allen Sparten dilettierenden Gesamtkünstlers, sondern Ausdruck seiner bohrenden Beschäftigung mit den Gegenständen. Wenn wir Goethe einen Dichter und Denker nennen, war Mattheuer ein Maler und Denker, dem im Schöpfungsprozess die Lektüre ebenso wichtig schien wie das Naturstudium, die schriftliche Selbstvergewisserung ebenso wie die Gartenarbeit. Er brauche die Natur wie Brot, hat er einmal gesagt und schwärmte vom Rasenmähen und Blumengießen im Reichenbacher Garten. Bei solch grobem Tun erholte er sich von der Anstrengung des Malens, das er oft als quälend empfand, weil er nach Art des Genies immer wieder zu scheitern fürchtete. An dieser Furcht, die sich proportional zu seiner Begeisterung für noch unzerstörte, harmonische Kulturlandschaft steigerte, lässt er den Leser seiner brillanten Essays teilhaben. Sie funktionieren nach Mattheuers bewährtem zeichnerischen Prinzip, aus der Anschauung heraus zur Reflexion zu gelangen. Einmal betrachtet er sich selbst, auf einem vogtländischen Hügel sitzend, im Anblick der dunkelgrün bewaldeten Flur schwelgend: "Und ich fühle mich elend werden." Wie soll er diese Fülle abbilden? Dann lieber in dürren Worten beschreiben! "Meine dürren Worte verletzen mich weniger als dürre Striche und Farben."