Ganz sonderbar ist eine Stelle im 33. Kapitel der berühmten Brautleute Manzonis ( Alessandro Manzoni: Die Brautleute ; deutsch von Burkhart Kroeber; dtv, München 2003; 928 Seiten, 15,– €). Nach anderthalb Jahren, die er als Seidenspinner im Bergamaskischen verbracht hat, wandert der junge Renzo zurück in seine Heimat, an den Comer See, damals hatten er und seine Braut von dort fliehen müssen, nun sucht er sie. Seit Monaten wütet die Pest in Oberitalien, und vom Engadin her sind durch seine Heimat Söldnerheere gezogen und haben zusätzlich die Gegend verwüstet. Er findet sein Dorf fast menschenleer, ein guter Bekannter sitzt wahnsinnig geworden vor seiner ruinierten Hütte, sein eignes kleines Haus ist voller Ratten.

Seine Leidenschaft war ein schöner Wein- und Obstgarten gewesen, dorthin geht er jetzt. Weinstöcke, Maulbeerbäume, Obstbäume, alles ist ausgerissen, abgehackt, "Spuren des früheren Anbaus waren noch zu sehen: junge Reblinge in lückenhaften Reihen… da und dort Schösslinge oder Triebe von Maulbeer-, Feigen-, Pfirsich-, Kirsch- oder Pflaumenbäumen", schreibt Manzoni, all das sei aber erstickt unter einer neuen und dichten Vegetation, die sich ohne Hilfe einer Menschenhand inzwischen entwickelt habe, "es war ein Dickicht von Brennnesseln, Farnen, Lolch, Quecke, Melde, wildem Hafer, grünem Amarant, Löwenzahn, Sauerampfer, Borstenhirse… es war ein Wirrwarr von Stengeln… ein Wust von Blättern, Blüten und Früchten in zahllosen Formen, Farben und Größen: Ähren, Rispen, Büschel, Dolden, weiße, rote, gelbe, blaue Körbchen…" – ewig lange anderthalb Seiten geht das so, alles andre Erzählen ist ausgesetzt und wie vergessen.

Manzoni merkt das dann selber, er schreibt, Renzo habe den Garten gar nicht erst betreten, wahrscheinlich sei er nicht einmal so lange stehen geblieben, wie er, Manzoni, gebraucht habe, "um diese kleine Studie zu zeichnen". Er entschuldigt sich also quasi, aber das ist alles, er gibt keine Gründe an. Dieser einst so schöne und jetzt ganz verunkrautete Garten, in seinem dennoch fast leuchtenden Glanz, ist kein Bild, keine Metapher für irgendetwas; er ist einfach dieser Garten, nichts weiter, und ist dies mehr und mehr gerade in dem Maße, in dem seine Beschreibung gar nicht mehr aufhört.

Später, wenn es dann weitergegangen ist mit der Erzählung (Renzo findet seine Braut, und reichlich fließen nun jene wohltuenden Tränen, die eine Erzählung uns und den ihren entlockt, wenn ihre Schönheit endlich die Schmerzen löst, die sie vorher so kunstvoll gemacht hat), später geht einem dann auf, dass wohl gerade diese sonderbaren Stellen, die doch auch gar nicht sein müssten, die Bücher, in denen sie nun doch sind, so unwiderstehlich machen. Sie müssten nicht sein und dürfen doch nicht fehlen.

Immer wieder hat Alessandro Manzoni so einen gewaltigen metaphysischen Schwung, und wenn wir uns einmal mitreißen ließen davon (mitschleifen ließen, sollte ich besser sagen, denn wer von uns hat schon noch jenen alten Schwung), dann könnten wir nun fast sagen, dass jener Garten doch so etwas wie ein Bild ist, gerade darum, weil er (oder dass er beschrieben ist, aber wie trennt man das) ebenso wenig da sein müsste, wie er fehlen dürfte – ein Bild jetzt für das ganze Buch, das ja gar nicht da sein müsste, aber jetzt, wo wir’s zum Glück haben, zeigt, wie sehr es uns fehlen würde. Fehlt es eigentlich auch denen, die es nicht kennen? Also das geht nun wirklich zu weit ins Metaphysische, das lassen wir auf sich beruhen. Rolf Vollmann