Der Dschihad spricht jetzt auch deutsch und hört auf Namen wie Fritz und Daniel. Das ist nicht nur für die deutsche Mehrheitsgesellschaft ein Schock. Für die Islamverbände hierzulande hatte die Nachricht, dass zwei deutsche Konvertiten daran gehindert wurden, in Deutschland verheerende Anschläge zu begehen, eine ebenso bittere wie heikle Seite. Unter den hiesigen Muslimen machen Neubekehrte schätzungsweise höchstens zwei bis drei Prozent aus. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil Moscheegemeinden keine Mitgliedslisten führen. Doch im Zentralrat der Muslime, dessen Vorsitzender Ayyub Axel Köhler auch den neuen Koordinationsrat der Muslime (KRM) anführt – Innenminister Schäubles Gegenüber in der Deutschen Islamkonferenz –, haben auffällig viele Konvertierte das Sagen.

Vielleicht fällt darum die Stellungnahme des KRM zu den abgewehrten Anschlägen so merkwürdig klamm und schmallippig aus. Man verurteilt zwar den "erneuten Versuch des Missbrauchs der friedlichen und friedliebenden Religion des Islams für extremistische und terroristische Interessen". Und appelliert, "jeglichen extremistischen Ideologien eine deutliche Absage zu erteilen und ihnen keinen Platz in Moscheen zu gewähren". Doch die größte Sorge des KRM ist offenbar, dass durch die Terroristen "alle Muslime unter Generalverdacht" geraten könnten. Pflichtschuldig Distanz markieren und flugs in die Opferrolle abtauchen – so wird das peinliche Thema schnell entsorgt. Der Ball wird ins Feld der Nichtmuslime geschlagen, die bitte ihre Vorurteile im Blick behalten sollen: "Die Vorstellung, dass insbesondere Konvertiten anfällig für extremistische Positionen sind", so Köhler, "weise ich entschieden zurück."

Konvertiten suchen den echten, unverdünnten Stoff

Hat Köhler nicht recht? Die große Mehrheit der Konvertiten hierzulande findet schließlich durch die weltliche Liebe zum Islam – meist deutsche Frauen, die einem Muslim heiraten. Und viele der Wortführer des deutschen Islams – neben Köhler etwa der frühere deutsche Botschafter Murad Winfried Hofmann oder der Berliner Imam Mohammed Herzog – sind spirituelle Sucher, keine politischen Islamisten. Sie haben in den glücklichen Tagen den Glauben gewechselt, als die deutsche Orientromantik – eine alte Tradition von Goethe über Friedrich Rückert und Karl May bis zu Annemarie Schimmel – noch nicht vom Qaida-Terror überschattet war. Sie sind Konservative, aber zweifellos keine Extremisten: Wer konvertiert, hat meist kein Interesse an Reform und Erneuerung. Man wechselt den Glauben nicht, um sich gleich wieder mit Zweifeln und Ambivalenz herumzuschlagen. Man sucht den echten, unverdünnten Stoff.

Viele von ihnen sind enttäuschte Christen, die im Islam den "reineren" Monotheismus fanden. Keine umständlichen theologischen Konstruktionen wie die Dreifaltigkeit, keine haarspalterischen Debatten über die Natur Jesu als "wahrer Sohn und Mensch zugleich". Und vor allem keine Ursünde, keine Kreuzigung, keine Auferstehung, keine Erlösung. Die Schöpfung ist gut und gerechtfertigt, wie sie von Allah erschaffen wurde. Der Koran ist das unverfälscht erhaltene Wort Gottes. Halte dich an die fünf Säulen und die sechs Glaubensgrundsätze, und du bist auf der sicheren Seite.

Doch in diese heile Welt des orientalistischen Gottsuchertums sind nun Fritz und Daniel eingebrochen, Deutschlands erste echte homegrown terrorists. Sie haben mit dem Islam Handfesteres vor als die früheren islamophilen Deutschen, die in der untergegangenen Welt des West-östlichen Diwans Erlösung suchten.