Kürzlich kam die Tochter und verlangte, angeleitet von der Deutschlehrerin, nach der Emilia Galotti . Ob wir die hätten? Keine Frage, da stand sie, die dunkelblaue dreibändige Lessing-Ausgabe der gesammelten Werke. Die Tochter war enttäuscht. Ein so schweres, umfängliches Ding in die Hand zu nehmen, hatte sie keine Lust, sie wollte sich lieber das Reclam-Bändchen besorgen.

Gesamtausgaben sind zwiespältig. Einerseits der ganze Stolz ihrer Herausgeber, Verleger und schließlich Besitzer, sind sie andererseits nicht selten Särge in Leinen und Leder, um die man pietätvoll einen Bogen schlägt. Man ist dann herzlich froh, wenn man das vergilbte Rowohlt-Taschenbüchlein von Bölls Roman Und sagte kein einziges Wort entdeckt, das wenig wiegt und schnell gelesen ist, während man andernfalls in der riesigen »Kölner Ausgabe« des Böllschen Gesamtwerks herumsuchen müsste. Und nicht immer ist klar, wo mit der Suche zu beginnen wäre. Selten steht auf den Bänden, was drin ist, und mal befindet sich das Inhaltsverzeichnis im ersten, mal im letzten Band.

Der Vorteil des Lesens besteht ja nicht zuletzt darin, dass es an keinen Ort gebunden ist. Licht braucht man, das in der Tat, aber Licht gibt es in der S-Bahn und im Sessel, am Strand und beim Zahnarzt, im Wald und auf der Heide. Aber leicht sollte er sein, der Gegenstand der Lektüre, so leicht, dass er nicht in den Magen oder in die Finger drückt, je nachdem, wie man zu lesen gewohnt ist. Gesamtausgaben hingegen sind meist schwere Brocken, die gut auf Stehpulten lagern oder auf den Tischen der Lesesäle. Es bedarf des forschenden Vorsatzes in Tateinheit mit starkem Bildungswillen, um sich ihnen zu nähern. Der flanierende Leser scheut den Anblick ihres soldatisch uniformen Erscheinungsbildes. Er fühlt sich im Voraus von ihnen erschlagen.

Deutschland ist das Land der Gesamtausgaben. Es gibt kaum einen namhaften Dichter oder Denker, von dem wir nicht mindestens eine hätten, und das ist auch ein Grund zum Stolz. Denn unzweifelhaft sind historisch-kritische, kommentierte Ausgaben die Grundlage aller Wissenschaft und der Pflege des geistigen Erbes. Seltsam aber, dass auch lebende Autoren, deren letzte Zeile noch gar nicht geschrieben ist, zur Gesamtausgabe drängen. Von Siegfried Lenz gibt es eine, von Dieter Wellershoff, von Günter Grass, von Cees Nooteboom, und dieser Tage kam ein weiterer Band der vielbändigen Eckhard-Henscheid-Gesamtausgabe auf den Tisch: rund 900 Seiten Buchkritiken, Radiosendungen, Aufsätze, Reden, Glückwünsche, Vor- und Nachworte.

Auch wer der Tatsache, dass Henscheid längst ein Klassiker ist, unerschrocken ins Auge blickt, wird sich doch fragen, ob nicht das eine oder andere Reclam-Heftchen besser gewesen wäre. Möbelhäuser dekorieren zuweilen ihre Schrankwände mit Ausgaben in Leinen und Leder, und wenn man eine herausnimmt, staunt man, wie leicht sie sind, nämlich hohl. Ulrich Greiner