Ich traf eine Klassenkameradin. Klassenkameradin, nennt man das heute überhaupt noch so? Jedenfalls, an old gal from high school und ich gingen die Leute aus unserer ehemaligen Klasse durch. "Einer von uns", sagte sie, "ein Einziger, ist richtig reich geworden." Es handele sich um Heinz, der allerdings schon vor dem Abitur abgegangen war. Heinz ist keine Leuchte gewesen, aber er bemühte sich. Außerdem war Heinz schon mit 14 ein homme à femmes, allerdings ein relativ glückloser. Einmal hat er sich vor einer Klassenkameradin entblößt. Auch da bemühte er sich.

Die Freundin sagte: "Heinz ist Pornoproduzent geworden, einer von den ganz großen. Sag bloß, du hast noch nicht davon gehört." Soweit ich weiß, sind die meisten Chefsessel in der Sexindustrie von Frauen besetzt, ständig sieht man in Talkshows Pornoproduzentinnen oder Erotikladenkettenbesitzerinnen. Dies scheint der einzige Wirtschaftszweig in Deutschland zu sein, wo Frauen in den Vorständen überrepräsentiert sind. Ich sagte: "Dass unser alter Heinz einen typischen Frauenberuf ergriffen hat, wundert mich nicht."

Zur Sexindustrie habe ich, wie zu den meisten Themen, eine Laisser-faire-Haltung. Der Hauptvorwurf lautet ja, dass die Menschen auf das Sexuelle reduziert werden und dass körperliche Dinge eine viel zu große Rolle spielen. Den Vorwurf begreife ich nicht. Soweit ich weiß, ist das bei der Sexualität doch generell der Fall. Wer nicht will, dass das Körperliche eine große Rolle spielt, sollte von der Sexualität generell die Finger lassen.

Das mit dem Reduzieren auf einen einzigen Aspekt wird, nach meiner Erfahrung, leider in den meisten Industriezweigen gemacht, als Autor zum Beispiel werde ich von den Redakteuren und Lesern ständig auf meine Texte reduziert, obwohl ich als Persönlichkeit weiß Gott facettenreicher bin als dieses Zeug, das ich schreibe.

Was an der Sexindustrie aber nie kritisiert wird, ist die Tatsache, dass männliche Darsteller deutlich schlechter bezahlt werden als die Darstellerinnen, das Menschenrecht "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" gilt dort nicht. Ich weiß, dass es in anderen Branchen umgekehrt läuft, beim Boxen oder beim Fußball verdienen Frauen im Durchschnitt weniger. Die Sexindustrie ist das Simbabwe der Wirtschaft. Normalerweise werden schwarze Menschen von weißen Menschen diskriminiert. In Simbabwe aber hat der Diktator die weißen Farmer enteignet, weil sie weiß sind. Das Diskriminieren ist andersherum aber auch nicht richtig, oder?

Bekanntermaßen sagen ehemalige Sexfilmdarsteller immer: "Ich war jung, ich brauchte das Geld." Das begreife ich ebenfalls nicht. Junge Menschen kommen doch durchweg mit weniger Geld aus als ältere. Wir Älteren hätten viel bessere Gründe, in der Sexindustrie zu arbeiten, wir brauchen das Geld tatsächlich, vor allem wenn die Kinder studieren oder arbeitslos sind.

Mir ist aufgefallen, dass ältere Menschen praktisch nur in der Zeitschrift Playboy Geld verdienen können, indem sie sich entkleidet zeigen, der bekannteste Fall ist Uschi Glas. Auch da ist es aber wieder so, dass nur die Frauen das Geld bekommen. Um für ihre Talente angemessen entlohnt zu werden, mussten Heiner Lauterbach, Sascha Hehn und Konstantin Wecker jedenfalls nach vielversprechenden Anfängen die Sexindustrie verlassen und anderswo ihr Glück suchen. Insofern bin ich froh, dass ich, nach kurzem Zögern, zum Ausleben meines Exhibitionismus die ZEIT gewählt habe.

Zu hören unter www.zeit.de/audio