Der Mord am neunjährigen Mitja aus Leipzig ist ein Klassiker des Schreckens. Als hätte eine finstere Macht beschlossen, Fritz Langs alten düsteren Kinothriller M – Eine Stadt sucht einen Mörder Wirklichkeit werden zu lassen. Ein pädophiler Sexualstraftäter trifft auf ein Schulkind, bringt es vom Nachhauseweg ab, kauft ihm eine Kleinigkeit, lockt es fort, missbraucht es – und bringt es um. Die ganze Stadt jagt den Täter. Und findet ihn.

Die Stadt, die den Kindermörder Uwe Kolbig im Februar dieses Jahres eine Woche lang jagte , war Leipzig. Sein Foto füllte die Bildschirme und die Zeitungen. Helikopter und Suchhunde waren ihm auf der Spur. Ein Kriminalbeamter würde die Fahndung nach Mitjas Mörder später im Prozess als "unser Lebenswerk" bezeichnen. Nirgends konnte der Flüchtige bleiben. Keine ruhige Minute, kein Essen, kein Wasser. Schließlich stürzte Kolbig sich nachts vor eine Straßenbahn der Linie 11 und blieb schwer verletzt liegen. "Wie heißen Sie?", fragten die Polizisten den Mann auf den Schienen, und er flüsterte: "Ich bin der, den ihr sucht."

Jetzt sitzt der Gesuchte grau im großen Sitzungssaal 115 des Landgerichts Leipzig. Hinter ihm haben sich bewaffnete Beamte aufgebaut, von denen nicht klar ist, ob sie dem Schutze der Bevölkerung dienen oder eine Art Drohkulisse gegen das gesunde Volksempfinden darstellen. Die Pressefotografen und Kameras haben sich um eine Einblickschneise auf Kolbig geschlagen, und der Sender N24 überträgt pausenlos live aus dem noch leeren Sitzungssaal.

"Geh nicht mit fremden Männern!", sagen die Mütter zu ihren Kindern. "Lass dich nicht ansprechen! Lass dich nicht einladen!" Doch genau das hat Mitja getan: Er ist mitgegangen am Nachmittag des 22. Februar 2007, als er gegen 16.30 Uhr aus der Kindertagesstätte Sonnenhügel kam. Zu seiner Trambahnhaltestelle sind es bloß zehn Minuten. Auf dem Weg muss er sich Kolbig angeschlossen haben. Mitja ist ein zutrauliches Kind, das wenig Distanz hält, er spricht fremde Leute an, fragt nach der Uhrzeit und ist auch schon nach Hause getrampt. Mit Kolbig zusammen besteigt er die Straßenbahn der Linie 11, die Überwachungskamera ist defekt, doch wie durch ein Wunder schaltet sie sich ausgerechnet in dem Moment, als der Mann und das Kind schäkernd nebeneinandersitzen, wieder ein. Und zeichnet die Szene auf. Die Bilder werden Kolbig später überführen.

Um 17 Uhr betreten Kolbig und Mitja einige Stationen weiter eine Konditorei. Die Verkäuferin kennt den Jungen vom Sehen. Doch diesmal ist er nicht allein. "Wer war bei ihm?", fragt der Vorsitzende Johann Jagenlauf die Zeugin aus der Bäckerei. "Der Herr da", antwortet die und weist auf den Angeklagten. Mitja, der weder ängstlich noch beklommen wirkte, habe sich einen Kuchen aussuchen dürfen, der Mann habe sich abseits gehalten und schließlich bezahlt. Dass Mitja sich von Kunden etwas spendieren ließ, kam öfter vor, und dieser Begleiter sah alles andere als bösartig aus. Könnte der Vater sein, denkt die Verkäuferin bei sich. Sie blickt den beiden noch eine Zeit lang nach. Die Letzte, die das Kind lebend sieht.

Kolbig hat zu Beginn des Prozesses seinen Verteidiger ein schriftliches Geständnis verlesen lassen. Darin hat er zugegeben, er habe mit Mitja Analverkehr gehabt und ihn später erstickt. Diese Aussage wird von den rechtsmedizinischen Befunden bestätigt. Doch was sich zwischen ihm und seinem Opfer genau abgespielt hat, darüber schweigt der Angeklagte. Sicher ist, dass er Mitja in seine Wohnung mitnahm, wo der den Kuchen aß und fernsah. Dass er sich eine ganze Zeit lang ungezwungen in Kolbigs Wohnung bewegt haben muss, beweisen die kindlichen Fingerabdrücke, die überall gefunden wurden. Kolbig will sich noch zwei Stunden lang in der Küche Mut angetrunken haben, bevor er über Mitja herfiel.

An jenem 22. Februar, als Kolbig den Neunjährigen mit nach Hause nimmt, ist er an seiner persönlichen Endstation angekommen. Seine Hoffnungen sind zunichte, er hat nichts mehr zu verlieren. Hinter ihm liegen 43 Lebensjahre, in denen er einen erbitterten Kampf geführt hat – gegen sich selbst, seine Neigungen, seine Defizite. Jetzt ist er gescheitert. Und dass er einen Krieg verloren hat, sieht man ihm auch im Prozess an. Zerstört sitzt er neben seinem Verteidiger Malte Heise, der hier nur noch pastorale Funktionen erfüllen kann.

Schon als 16-Jähriger wird Uwe Kolbig auffällig, als er sich an einer Fünfjährigen vergreift. Ein Jahr später verurteilt ihn das Kreisgericht Bitterfeld wegen dreifachen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Jugendstrafe von einem Jahr. Ein Psychiater stellt bei dem Halbwüchsigen eine "pädophile Fixierung" fest, die neben einer normalen Heterosexualität existiert. Außerdem konsumiert Kolbig – damals Maurer – Bier in großen Mengen, seine Taten begeht er immer in alkoholisiertem Zustand. 1982 missbraucht Kolbig eine Sechsjährige, 1984 hat er Analverkehr mit einer Zwölfjährigen. Er wird zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt mit anschließender Unterbringung in der Psychiatrie. Erst als er nach seiner Entlassung eine Küchenhilfe aus der Klinik heiratet, stabilisiert sich sein Leben. 25 Jahre ist er alt, die Frau zwölf Jahre älter und ein mütterlicher Typ, der Kolbig Halt gibt. Unter ihren Fittichen gelingt es ihm sogar, seinen Alkoholkonsum zu kontrollieren. Er macht den Führerschein, arbeitet zeitweise als Fahrer und lässt sich acht Jahre nichts zuschulden kommen.

Mit seiner Familie war Kolbig glücklich. Doch das hielt nur kurz an

1996 wird Kolbig arbeitslos, er lässt sich gehen und trinkt wieder. Im August 1997 überfällt er einen elfjährigen Angler und versucht, ihn zu vergewaltigen. Der Junge schreit, und Kolbig wird gefasst, 2,9 Promille hat er im Blut. Er wird vom Berliner Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber untersucht, der feststellt, dass Kolbig zu einer befriedigenden Sexualität mit erwachsenen Frauen durchaus imstande und seinen pädosexuellen Bedürfnissen keineswegs hilflos ausgeliefert ist. Er hält den Delinquenten allerdings für weiterhin gefährlich, sollte der seinen Alkoholmissbrauch – den sicheren Vorboten der Sexualstraftaten – nicht in den Griff bekommen. Kolbig wird zu zwei Jahren Gefängnis und einer Entzugstherapie im Maßregelvollzug Leipzig verurteilt.