Bremerhaven, Fischereihafen. Eine Stahlbauhalle am Kai. Vor dem Hallentor ragt ein rohes Stahlgerüst 30 Meter in die Höhe. Ein paar Container sind eingehängt, ein Aufzugschacht ist eingebaut. Es wird gebohrt, geschraubt, nachgemessen. Es könnte sich um die Aufbauten eines Schiffes handeln. Wären da nur die schlanken, knallrot lackierten Beine nicht, auf denen die Konstruktion steht.

Wenn alles mitspielt, das Wetter, das Eis und nicht zuletzt die Financiers, dann wird aus dem stählernen Segment demnächst die "Neumayer III", die nach dem deutschen Polarforscher Georg von Neumayer (1826 bis 1909) benannte neue deutsche Antarktisstation. Noch wird montiert. Für den Rohbau ist der Bremerhavener Anlagenbauer J. H. Kramer zuständig, die Inneneinrichtung liefert der Isolierspezialist Kaefer. Jetzt besteht die erste und letzte Chance, einen Eindruck von der Polarstation zu bekommen, bevor sie im November im ewigen Eis verschwindet. Bundesforschungsministerin Annette Schavan war Anfang September da, um ihr liebes (und vermutlich weit über 26 Millionen Euro teures) Kind zu besuchen und zu verkünden, dass sie es dereinst in der Antarktis besuchen will. Und vergangenen Samstag organisierte das Alfred-Wegener-Institut (AWI), Betreiber der Neumayer III, einen Tag der offenen Tür. Im November bringt ein eisgängiges dänisches Versorgungsschiff die insgesamt 4000 Tonnen schwere Station – wieder in ihre Einzelteile zerlegt – ins eisige Königin-Maud-Land. Im anbrechenden antarktischen Sommer soll gebaut werden.

Der Neubau wurde notwendig, weil die Vorgängerstation Neumayer II im Wortsinne plattgemacht wird. Die jetzige Antarktisherberge besteht aus zwei voluminösen Stahlröhren. Diese liegen gerade mal 15 Jahre im Ekström-Schelfeis. Weil es dort viel schneit, sind sie mittlerweile von einer gut zwölf Meter dicken, viele Tonnen schweren Schneeschicht bedeckt. Von der anfänglichen eliptischen Form ist nichts mehr übrig. Die Röhren sind abgeplattet und wie Bananen gekrümmt. Mit lautem Knall verabschieden sich immer wieder Bolzen. In ein paar Jahren wird man die Station ganz aufgeben müssen. Die künftigen Insassen der Neumayer III dagegen werden über das Schneetreiben lachen. Denn ihre neue Station, die ein bisschen an ein Ufo erinnert, hat ja Beine. Und kann – klettern. Bei Bedarf hebt sie die Füße hydraulisch gesteuert an, man schaufelt Schnee darunter, sie stellt sich auf den Schneeberg – und steigt so eigenen Fußes aus dem Schnee. Wenn das wie geplant funktioniert, wird Neumayer III nicht mehr im Schnee versinken. Ein im Grundriss 68 mal 34 Meter messendes Stahlbauwerk, das klettern kann – hört sich kompliziert an, ist es auch. Doch Bauen in der Antarktis ist ohnehin alles andere als trivial. Da sind nicht nur die extremen Temperaturbedingungen (plus vier bis minus 50 Grad), der viele Schnee, der starke Wind. Es existiert gelegentlich nicht mal solider Baugrund. So wirkt das Schelfeis bei der deutschen Station wenig Vertrauen erweckend; eher wie zäher Pudding: Es fließt.

Für Neumayer III muss zunächst eine acht Meter tiefe Baugrube ausgehoben werden. "Das dürfte der problematischste Augenblick sein", sagt AWI-Projektleiter Saad El Naggar. "Wind kann die Grube gleich wieder zuwehen – eine Sisyphusarbeit." In der Grube werden die 16 Beine der Station auf Fundamente gestellt, und schnell kommt ein Deckel drauf. Die Grube, in die ein Aufzug führt, soll künftig als Garage für Kettenfahrzeuge und Motorschlitten dienen.

Das gesamte System wird über die roten Beine sowie seitliche, ebenfalls hydraulisch steuerbare Abstützungen fixiert – und so in der Waage gehalten. Bei starkem Wind zum Beispiel oder bei langsamem Absacken der Station kann der "Maschinist" der Neumayer III nachregulieren, damit den Wissenschaftlern nicht die Reagenzgläser vom Labortisch rollen.

Am Grubendeckel werden Werkstatt, Hydraulikzentrale, Fitnessräume und Lebensmittellager aufgehängt. Die eigentliche Station ruht ebenfalls auf Stützen, sechs Meter über dem Schnee. Windkanaltests haben gezeigt, dass dieser Platz nötig ist, damit der Wind den Schnee unter der Station optimal hindurch- und fortweht. Oben verteilen sich über zwei Etagen Aufenthaltsräume, Küche, Krankenstation und OP, Doppel- und Mehrbettzimmer, Labors und eine Sauna. Alles ist in genormten Containern untergebracht, die dick isoliert werden. Steht einmal der Rohbau, wird eine 120 Millimeter dicke Hülle darüber gestülpt, in den klassischen AWI-Farben blau-weiß-rot angemalt. Aufs Dach kommt noch eine Kammer, in der die Helium-Messballons aufgeblasen werden. Daneben ist Platz für weitere Messeinrichtungen, Antennen – und natürlich eine Fahne.