Das große China zeigt der Welt manch Verstörendes: Holterdiepolter-Wachstum, Industriespionage, gegängelte Freiheit. Aber in ihrer Außenpolitik verdient die Volksrepublik Lob: Statt im Bewusstsein neuer Stärke aufzutrumpfen, bewegt sich der Koloss mit großem Einfühlungsvermögen für die Empfindlichkeiten der Nachbarn. Wie schafft das eine Führung, die doch im internationalen Geschäft wenig geübt ist? Der Frage gehen in der von der Universität London herausgegebenen China Quarterly (Juni 2007) zwei amerikanische Forscher nach, Bonnie S. Glaser vom Center for Strategic and International Studies in Washington und Evan S. Medeiros von der Rand Corporation. Unter dem Titel The Changing Ecology of Foreign Policy-Making in China untersuchen sie, wie der Slogan vom "friedlichen Aufstieg" Eingang in die offizielle Politik Chinas fand, binnen Kurzem aber wieder daraus verschwand. Es ist ein Lehrbeispiel für Chinas außenpolitisches Sensorium.

In Asien sind Slogans ein beliebtes Mittel, um politische Programme zu transportieren. Den Anstoß zu dem Schlagwort vom "friedlichen Aufstieg" gab die Reise eines ehemaligen hohen Parteikaders in die USA Ende 2002. Zheng Bijan, eine Art chinesischer Egon Bahr, war betroffen von dem Unbehagen, mit dem viele Amerikaner den Machtzuwachs Chinas verfolgten. Nach seiner Rückkehr empfahl er dem heimischen Zentralkomitee, in außenpolitischen Grundsatzerklärungen die Friedlichkeit der chinesischen Entwicklung hervorzuheben. China werde – anders als "Aufsteiger" wie einst Deutschland oder Japan – weder die internationale Ordnung infrage stellen noch seine Nachbarn bedrohen. Ende 2003 wurde das Konzept von höchster Stelle abgesegnet: Präsident Hu Jintao bezog sich darauf vor Mitgliedern des Politbüros, es schmückte Auslandsreden des Premiers wie des Verteidigungsministers. Aber nur wenig später verschwand der "friedliche Aufstieg", das Politbüro hatten den Begriff im April 2004 verworfen. Warum? Die beiden Autoren geben nicht vor, die ganze Wahrheit zu wissen, aber sie tasten sich an sie heran. Und darin liegt der Reiz ihrer Recherche. Offenbar waren es kritische Stimmen innerhalb und außerhalb des Apparats, die die Führung veranlassten, den Slogan fallen zu lassen.

Die einen sahen darin einen Ausdruck von Schwäche, mit nachteiligen Auswirkungen auf die Unterstützung für die eigene Rüstungspolitik oder die Abschreckung taiwanesischer Unabhängigkeitsbestrebungen. Andere mutmaßten umgekehrt, das Wort "Aufstieg" könne wegen des damit assoziierten Machtzuwachses Chinas anderswo Besorgnis auslösen. Eine dritte Gruppe fand es schon deshalb unangebracht, weil angesichts der immensen Probleme des Landes von Aufstieg noch lange keine Rede sein könne. Eine vierte fürchtete, der Nationalismus im Lande werde unnötig angestachelt.

Glaser und Medeiros ziehen aus dem Vorfall zwei Lehren. Die eine sei das Entstehen einer "außenpolitischen Klasse" Chinas, zu der auch Forschungsinstitute und universitäre Wissenschaftler zählen. Die andere: Der Abschied vom Begriff des "friedlichen Aufstiegs" war lediglich semantisch, die Substanz bleibt erhalten: China versichert, dass es trotz seines neuen Gewichts die Interessen seiner Nachbarn und die anderer Mächte nicht bedroht. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall des "friedlichen Aufstiegs" unterstreicht die große Sorgfalt, mit der die Führung des Landes darauf achtet, dass ihre außenpolitischen Signale nicht missverstanden werden können. Christoph Bertram