Was tun mit Pakistan? Wer die Spuren islamistischer Terroristen verfolgt, landet früher oder später meist irgendwo zwischen Karatschi, Lahore und Quetta. Die mutmaßlichen deutschen Attentäter, Fritz G., Adem Y. und Daniel S., hatten Verbindungen zu Pakistan genauso wie die britischen Selbstmordattentäter, die am 7. Juli 2005 in London 57 Menschen in den Tod rissen. Der britische Geheimdienst schätzt, dass in den vergangenen Jahren 4000 islamistische Extremisten, die in pakistanischen Terrorcamps ausgebildet wurden, nach Großbritannien gekommen sind, genauer: zurückgekommen, denn die meisten von ihnen sind britische Staatsbürger. Pünktlich zum sechsten Jahrestag des 11. September meldete sich Osama bin Laden via Videobotschaft zu Wort, vermutlich aus einem Versteck in den Bergen Wasiristans. Was also tun mit Pakistan?

Lange hieß die Antwort: "Freie Hand dem General. Er wird es schon richten." Seit sich der pakistanische Machthaber Pervez Musharraf unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf die Seite Amerikas geschlagen hatte, war er zu einem bevorzugten Partner im Kampf gegen den Terror geworden. Präsident George W. Bush nannte Musharraf öffentlich mehrmals "my buddy" – seinen Kameraden. Doch buddy Pervez ist in arge Schwierigkeiten geraten. Nach acht Jahren unumschränkter Herrschaft hat er es sich mit allen Seiten verscherzt. Säkulare wie Islamisten wollen ihn aus dem Amt jagen, die einen im Namen der Demokratie, die anderen im Namen des Islams. Die USA rücken von ihm ab. Sie drängen Musharraf, seine Macht mit Benasir Bhutto, der Vorsitzenden der Pakistan Peoples Party, der größten Volkspartei des Landes, zu teilen. Ein solches Abkommen, das ist allen Beteiligten klar, wird das Ende Musharrafs einleiten. Eine Regierungsbeteiligung Benasirs soll zunächst Druck aus dem Kessel nehmen. Danach soll gewählt werden, frei und fair. Davon erhofft man sich eine dauerhafte Beruhigung, denn es war Musharrafs zunehmende autoritäre Herrschaft, die in den vergangenen Monaten mehr und mehr Menschen auf die Straße trieb.

Was aber, wenn so viel Zeit nicht bleibt? Was ist, wenn aus Pakistan heraus ein größerer Anschlag auf Amerika erfolgt, ein Szenario, das die US-Geheimdienste für möglich halten? "Al-Qaida ist heute besser positioniert, um den Westen anzugreifen" – so der ernüchternde Titel eines fünfseitigen Dokuments des amerikanischen Nationalen Anti-Terrorismus-Zentrums. "Wir sehen mehr Training, mehr Geld und mehr Kommunikation", kommentierte John Kringen, der stellvertretende CIA-Direktor, "al-Qaida hat sich vor allem in Pakistans gesetzlosen Gegenden gut eingenistet." Wenn es einen Anschlag gibt, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Spuren in die pakistanisch-afghanische Grenzregion geben.

Nun gibt es viele Gründe, den amerikanischen Geheimdiensten zu misstrauen – der Irakkrieg ist nur einer davon –, und doch ist den Deutschen vergangene Woche klar geworden, welche Gefahr auch ihnen droht. Die drei mutmaßlichen Attentäter hätten mit den Grundstoffen, die sie angesammelt hatten, eine Sprengwirkung von 550 TNT entwickeln können. Hunderte Menschen hätten sterben können. Nach Angaben des Verfassungsschutzes haben die drei jungen Männer Befehle aus einem Terrorcamp in Pakistan erhalten. Wie hätte die deutsche Bundesregierung im Falle eines erfolgten Attentates reagieren sollen? So wie es der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama im vergangenen August ankündigte? "Wenn wir schlüssige Hinweise auf Zielpersonen haben und Präsident Musharraf nicht handelt, dann werden wir es tun. Ich werde nicht zögern, militärische Gewalt anzuwenden, um Terroristen zu beseitigen, die eine direkte Bedrohung Amerikas darstellen." Obama würde also den Krieg auch nach Pakistan tragen. Sollte das auch die deutsche Position sein?

Amerika verteilte Schulbücher, die zum Heiligen Krieg aufriefen

Musharraf kann die Terrorgefahr vermutlich nicht abwenden. Auch Benasir Bhutto ist als Frontfrau im Kampf gegen den Terror nicht vertrauenswürdig. Während ihrer zweiten Amtszeit als Ministerpräsidentin (1993 bis 1996) sind die Taliban von Pakistan erst "erfunden" worden. Auch Nawas Scharif, der Exilführer der Muslim League, der zweiten großen Volkspartei, ist kein Hoffnungsträger. Als er Ministerpräsident war, versuchte er die Scharia in Pakistan einzuführen. Wohin man in der politischen Landschaft Pakistans auch blickt, es gibt wenig Aussicht auf Besserung. Das Personal, das jetzt an die Macht drängt, ist das alte. Die Pakistaner sehen die Gesichter wieder, die sie vor dem Putsch Musharrafs im Oktober 1999 gesehen haben. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Doch gibt es vorerst keine Alternativen zu den Bhuttos und Scharifs. Gerade darum ist es ratsam, den Blick abzuwenden und jenseits der aktuellen Machtspiele grundsätzliche Fragen zu stellen.