Was wissen wir Österreichtouristen über die hohen Regionen der Alpen? Dass die Tiroler lustig sind, singen wir seit Kindertagen. Dass sie aber auch Genießer sind, ist relativ neu. Früher hieß es immer, dass oberhalb der Baumgrenze keine bemerkenswerte Gastronomie existiere. Aber auch das hat sich im Laufe der Zeit als Halbwahrheit herausgestellt. Almen sind sogar so etwas wie ein verlorenes Paradies, weil dort oben, wohin man meistens nur über eine mautpflichtige Kurvenfahrt gelangt, der Stadtmensch endlich die natürliche Lebensweise findet, von der er träumt, seit er vernetzt, verkabelt und durchleuchtet wird wie ein vergrippter Schwan.

Hoffnungsvoll richtet er sich in 1600 Meter Höhe in einer der komplett ausgestatteten Holzhütten ein. Umringt von einem Schutzgürtel aus Kuhfladen, sitzt er vor dieser Hütte im Abendsonnenschein und blickt versonnen auf nahe Nadelhölzer und ferne Gipfel, wobei er unweigerlich die Überlegung anstellt, ob er in dieser göttlichen Stille nicht besser lebt als in seinem Stadtschloss.

Die Milch, mit der er seinen Tee vermischt, stammt von glücklichen Kühen, das Brot schmeckt herzhaft nach Anis, und die riesige Portion frisch gefangener Krebse, die ihm ein Almwirt gestern Abend auf den Tisch stellte, hatte zwar einen unangenehm muffigen Geschmack, aber wo sonst müht man sich so freundlich um den Gast? Tief atmet er die köstliche Höhenluft ein und findet sie würzig. Dass er für ein Stück Seife und die Tageszeitung über die mautpflichtige Straße hinunter ins Tal fahren muss, stört ihn erst nach drei Tagen.

Als am vierten Tag die Idylle auf der Alm durch die Ankunft einer Großfamilie jäh gestört wird, welche als erste Handlung ein qualmendes Lagerfeuer vor ihrer Hütte entfacht, um Kartoffeln in der Folie zu backen, sehnt sich der Naturfreund wieder so nach der Anonymität der Großstadt, dass er sein Auto belädt und das Paradies verlässt.

Auf dem Weg dorthin landet er bald in Stumm im Zillertal vor dem Landgasthof Linde. Es ist ein Wirtshaus wie aus dem Reiseprospekt: uralt, ländlich, proper, einladend. Unterm Dach sitzt der Falke, im Keller lagern Fässer – wie sich ein Genießer halt ein Tiroler Wirtshaus vorstellt.

Tatsächlich fehlen weder die hübschen Damen im Dirndl noch der schmucke Juniorchef. Der Vater steckt seine Nase in alles, was der Linde nützt, der Bruder treibt seine Kälber auf die Alm, damit an aromatischem Fleisch kein Mangel herrsche, Christina Ebster verwahrt den Kellerschlüssel, und ein Schwarm von dunkelhaarigen Schönheiten kümmert sich um die Gäste. Der Reisende bestellt ein Zimmer für die Nacht und die erste Flasche Wein in die Gaststube.