Ihre spätere Lebensaufgabe wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Sieben Säuglinge hatten vor ihr darin geschlafen, von denen fünf das Kindesalter nicht überlebt hatten – eine traurige Bürde, die auf der Familie lastete. Dazu kamen Existenzsorgen, bis der Vater, ein Zimmermann, beschloss, von Ost nach West auszuwandern. Da war sie acht Jahre alt und konnte noch nicht wissen, dass dies ihr Thema werden sollte: die Suche nach Heimat und einem Ort, an dem man bleiben und "mit der Einkaufstasche in der Hand von Laden zu Laden gehen kann". Denn solche alltäglichen Dinge wurden ihr und den Menschen, denen sie sich zugehörig fühlte, immer wieder verwehrt. Ein geschichtliches Erbe, dessen innere und äußere Auswirkungen sie einmal so beschrieb: "Wir können nicht vor uns selbst davonlaufen. Sie finden uns, wohin immer wir rennen."

Also versuchte sie gar nicht erst zu flüchten, sondern wurde zur Kämpferin in eigener Sache. Mut und Willenskraft galten bald als ihre Stärken; eine gewisse Starrköpfigkeit als Manko, das sie selbst so verteidigte: "Ich gehe unbeirrt meinen Weg und akzeptiere die Tatsachen." Sie ergänzte: "Ja, man muss Kompromisse schließen. Aber die richtigen Kompromisse. Man darf den Glauben an seine Grundsätze nicht verlieren, selbst wenn man sich manchmal aus verschiedenen Gründen nicht ganz an sie hält."

Gesagt, getan. Oder, um es genau zu nehmen, oft mehr getan als nur gesagt, frei nach ihrem Credo: "Ich will mein Bestes tun und alles, was in meiner Kraft steht." Einiges davon ist unvergessen. Zum Beispiel versuchte sie eine blutige Fehde zu verhindern, indem sie sich im Schutz der Nacht und zudem verkleidet ins gegnerische Lager begab, um geheim zu verhandeln. Solche Chuzpe beeindruckte Freund und Feind, wenn auch die Aktion – mit einem passenden Bild gesprochen – im Sand verlief. Mehr Erfolg hatte sie danach mit großen sozialen Pionierprojekten.

Wer so beseelt ist von seiner Mission, nimmt es vermutlich in Kauf, dass das Privatleben oft zu kurz kommt. Mit 19 Jahren hatte sie bereits geheiratet und brachte schnell zwei Kinder zur Welt. Um die Kleinen versorgen zu können, schlug sie sich notfalls auch als Wäscherin durch, wenn es grad keinen besseren Job gab wie Lehrerin oder Bibliothekarin. 28 Jahre hielt die Ehe immerhin den beruflich bedingten Trennungsphasen stand, dann war endgültig Schluss.

Sechs Jahre später – und damit lange vor ihr – starb ihr Mann. Die erwachsene Tochter zog es in ein Leben in Gemeinschaft; der Sohn machte Karriere im Musikbusiness. Und sie? Widmete sich fortan vollends ihrer Aufgabe, ihrer Vision. In einem Alter, in dem andere Frauen den Enkeln Märchen vorlesen und zum Kaffeekränzchen gehen, gelang ihr der Sprung nach ganz oben. Anfangs war das nicht ihre Absicht, doch als die Wahl auf sie fiel, nahm sie gewissenhaft an.

Beobachter berichteten zwar, sie wirke krank und müde; doch der Eindruck verflog, sobald sie ein Rednerpult betrat. Das Reden war ihr vielleicht größtes Talent, schon als 16-Jährige hatte sie es, auf einer Seifenkiste stehend, geübt. Nie sprach sie in vorformulierten Floskeln, sondern aus dem Stegreif und aus innerer Überzeugung. Gern zitierte sie ihre älteste Schwester: "Die Hauptsache ist, dass man sich nie aufregt; bleibe immer ruhig und kühl!" Und sie verriet: "Diesen Ratschlag erhielt ich, als ich von zu Hause fortlief. Ich wende ihn nun an, um zu Hause bleiben zu können."

Wer war's?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 37:

Johann Amos Comenius (Jan Komenský) wurde 1592 in Nivnice, Tschechien, geboren. Der Lehrer, Schulreformer und Philosoph war Priester der Böhmischen Brüderunität und wurde 1648 zu deren Bischof gewählt. Comenius gilt als Vater der modernen Pädagogik, sein Hauptwerk sah er jedoch in einer allgemeinen Wissenslehre, der "Pansophie". 1670 starb er in Amsterdam. Der zitierte Philosoph ist Gottfried Wilhelm Leibniz