Am Ende der Trauermesse habe ich nur noch einen Wunsch: als Italienerin zu sterben. Als berühmte Italienerin. Von einem ganzen Volk glücklich betrauert, mit Weihrauch, Ave Maria und der Mutter aller Kunstflugstaffeln, der Frecce Tricolori, den dreifarbigen Pfeilen der italienischen Luftwaffe. Genau in jenem Augenblick donnern die Flugzeuge über unsere Köpfe hinweg, als der Sarg von Luciano Pavarotti aus dem Dom getragen wird. Die Sonne hüllt sich in Weihrauchdunst, der Applaus rollt wie Meeresbrandung über die Piazza Grande hinweg, und alle weinen wie die Kinder: Finanzgeneräle in goldbetressten Uniformen, Leibwächter in schwarzen Anzügen, italienische Fernsehsternstäubchen, schärpengeschmückte Bürgermeister. Die Journalisten schluchzen, bis sie Schluckauf bekommen, die Menge ruft Lu-cia-no, Lu-cia-no, addio, Lu-cia-no.

Fast ein Staatsbegräbnis. Die Moderatorin von Tele 5 hatte das schon mittags festgestellt, als sie die Vorbereitungen für die Beerdigung live von der Piazza Grande kommentierte. Da war in der emilianischen Tageszeitung Il Resto del Carlino schon längst die Rede von einem Königsbegräbnis. Und davon, dass Modena sich in diesen Tagen im Auge des weltumspannenden Pavarotti-Orkans befände, der via CNN und BBC bis auf die Kurilen ziehen würde.

Am Vormittag noch hatte ich vor dem Dom in der Schlange der Trauernden gestanden, die ihm die letzte Ehre erweisen wollten. Nessun Dorma fiel aus den Lautsprechern, und Pavarotti lächelte von einer Leinwand, auf der »Addio Maestro« zu lesen war. Neben mir warteten tätowierte Mädchen mit Prinzesstaillen und bemerkenswertem Bauchansatz. Unermüdlich prüften sie die Kamerafunktion ihrer Mobiltelefone, bis ein Ordner sagte, es sei verboten, Fotos vom toten Pavarotti zu machen. Rodolfo-Doppelgänger mit messerscharf geschnittenen Bärten und breiten Kreuzen nestelten nervös an ihren Hemdkragen, Väter mit spuckenden Babys auf dem Arm drängelten sich an eleganten weißhaarigen Männern vorbei, deren nachtblaue Leinenanzüge keine einzige Falte warfen. Alle waren ernst und sprachen selbst dann nur ganz leise, wenn ihnen eines der am Rande lauernden Kamerateams ein Mikrofon hinhielt. Bescheiden! Großzügig! Einzigartig! sei Pavarotti gewesen, flüsterte das Trauervolk, Modenas größter Sohn, der unsterblichste Emilianer, ein großer Italiener, Santo subito. Ein Familienbegräbnis. Mit 50000 Verwandten.

Ich dachte daran, wie ich Pavarotti einmal interviewt hatte, in einer Zeit, als er schon längst nur noch ein Popstar war – auch wenn ihn die Italiener immer noch voller Liebe und Bewunderung il divo nannten, weil sie das Recht auf Launen, Eigenwillen und gefärbte Haare nicht nur Frauen, sondern auch Männern zugestehen. Ich hatte ihn im Hotel Palace in Meran getroffen, jenem Hotel, in das er stets zum Abspecken fuhr. Ich wusste, dass mein Interview ein Rädchen in der großen Pavarotti-&-Friends-Verwertungsmaschine sein sollte, blickte in sein stark geschminktes Gesicht und stellte kleine Schlaumeier-Fragen, etwa, was er zum Mittagessen gegessen habe oder ob es ihn schmerze, wenn man ihn als singenden Großunternehmer bezeichne, und inwiefern Nicoletta sein Leben verändert habe. Er antwortete mir auf alle Fragen mit der Aufrichtigkeit eines Kindes, und ich weiß noch, dass ich mich danach schämte.

Und jetzt lag er da, in dem Sarg aus Ahornholz, auf einem Podest aus rotem Theatersamt, mit wächsernem Gesicht und seltsam schmal, und ich bekreuzigte mich, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin. Weil ich dazugehören wollte. Zu Italien, jener seltsam zänkischen Familie, in Schmerz und Freude vereint, die um ihren Lu-ciano trauerte. Um einen, der es geschafft hatte, ohne seine Ursprünge zu verleugnen, einen, der Italien zur Ehre gereicht hatte – anders als Berlusconi etwa, der sich stets im Ausland blamiert hatte, anders als all die italienischen Politiker, die nun alle zur Trauermesse angereist waren, Ministerpräsident Prodi, Kulturminister Rutelli, der Verteidigungsminister Parisi, Vittorio Sgarbi, das Enfant terrible der italienischen Kultur.

Die ganze Piazza war nun voller Trauernder, die sich die Wartezeit bis zur Trauerfeier damit vertrieben, auf den Stufen zu sitzen und ein Panino zu essen. Und wenn das Vincerò aus Nessun Dorma ertönte, applaudierten alle, weinten und aßen weiter ihre Panini. Unter den Arkaden stand die Weltpresse: Japanerinnen, die nicht wussten, wo sie ihren Rollenkoffer lassen sollten, wenn die Messe beginnt, Amerikanerinnen, die schon eine Stunde vor der Beerdigung die wichtigsten Zitate aus der Rede des Bischofs durchgaben: Er drückte seinen Glauben durch den Gesang aus. Okay? Das reicht. Mehr Zitate brauchen wir nicht! Und Al-Jazeera-Journalisten, die sich darum stritten, wer die Panini bezahlen darf.