Georges Moustaki, 73, ist der Meister der leisen Töne im französischen Chanson. Geboren in Alexandria als Sohn jüdisch-griechischer Eltern, ging er Anfang der fünfziger Jahre nach Paris, wo er bis heute lebt. Er freundete sich mit Edith Piaf an, für die er unter anderem "Milord" schrieb. Die Großen des Chansons, wie Yves Montand und Juliette Gréco, sangen seine Lieder. Moustaki, bis heute ein begeisterter Motorradfahrer, gibt am 5. Oktober ein Konzert in München.

Oft wenn ich träume, weiß ich nicht, ob es ein Traum ist oder die Realität. Ich mag die Grenze zwischen beidem nicht. Manchmal erwachte ich mitten in der Nacht, schrieb nieder, was ich geträumt hatte, oder nahm es auf und ging dann wieder schlafen. Wenn ich morgens aufstand, hatte ich schon vergessen, was ich geträumt hatte, so konnte ich mir die Aufnahme anhören wie etwas vollkommen Neues. Diese Lieder waren hinterher tatsächlich vorhanden. Sie verschwanden nicht mit den Träumen. Sie überschritten die Grenze. Das passierte mir vielleicht drei, vier Mal.

Bei Les Mille Routes zum Beispiel. Dieses Lied entstand in den siebziger Jahren aus einem Traum. Das Bild der 1000 Straßen bedeutete, dass die Leute aus allen Himmelsrichtungen zusammenkamen, aber nicht im Gleichschritt marschierten, sondern jeder in seinem eigenen Rhythmus. Damals gab es eine ganz andere Philosophie, jeder kam und ging auf seine Art, in seinem Rhythmus. Es war ein Traum von Gemeinsamkeit und Brüderlichkeit. Dieser Traum lag damals in der Luft.

Als ich in den fünfziger Jahren aus Ägypten nach Paris kam, veränderte sich mein Leben radikal. Ich war ein wohlbehütetes Kind, hatte gerade Abitur gemacht. Ich war noch unerfahren, naiv, aber ich hielt mich schon für einen Mann. Mein Vater akzeptierte, dass ich mit 17 Jahren mein Elternhaus verließ und mein eigenes Leben leben wollte. Allein. Ohne Vorgaben. Ich wollte meine eigene Richtung finden.

Bis heute folge ich am liebsten einfach dem Lauf der Dinge, so wie sie vor mir erscheinen. Ich habe kein Programm, ich hatte schon damals keins. Ich weiß nicht, wie man entscheidet. Um nicht zu sagen: Ich hasse es, zu entscheiden.

Meist lasse ich die Dinge einfach geschehen. Manchmal entscheide ich natürlich auch etwas. Im Restaurant muss ich auswählen. Aber im Leben, glaube ich, gibt es keine zwei Dinge, zwischen denen man sich entscheiden muss. Versuch, das eine Wahre zu finden. Jean-Paul Sartre hat gesagt: Die Entscheidung ist ein Irrtum. Jede Wahl ist ein Irrtum. Er kam mir mit diesem Satz sehr nahe.