Man hat den Redner schon oft erlebt, seine peitschende Rhetorik, die gepresste Tonlage, den ruckartig vor- und zurückwippenden Oberkörper. Doch etwas ist anders auf diesem ersten Parteitag der Grünen nach ihrem Machtverlust. Joschka Fischer fehlt. Noch ist der Redner rot-grüner Minister. Doch gelingt es ihm schon mühelos, sich in den selbstgewissen, angriffslustigen Oppositionspolitiker aus früheren Jahren zurückzuverwandeln. Seine Rede ist die Demonstration seines Führungswillens. Sie übertönt den Schock der Niederlage und die beginnende grüne Desorientierung. Auf diesen Moment hat Jürgen Trittin lange gewartet. Der Parteitag wird ihn feiern.

Dabei hätten manche Grüne ihn gerne mit Fischer von der Bühne geschoben. Wenn Joschka aufhöre, sei es nur konsequent, dass ihn Trittin, sein langjähriger Kumpan und Antipode, begleite, hatte Antje Vollmer bissig angeregt. Er dachte nicht daran. Ein Jahrzehnt lang war er nicht über Platz zwei in der Hierarchie hinausgekommen. Nun war der Weg frei an die Spitze der Partei.

Am kommenden Samstag kann Jürgen Trittin seinen Anspruch untermauern. In Göttingen tagt der Sonderparteitag der Grünen zum Afghanistaneinsatz, den die Parteibasis ihrer Führung aufgezwungen hat. Ob die Grünen auch weiterhin schonungslos offen und deshalb beispielhaft eine der kontroversesten Fragen der deutschen Politik debattieren und verantwortlich entscheiden, dafür trägt Trittin, seit Fischer nicht mehr da ist, die Hauptverantwortung.

Zwar begann für Trittin die Oppositionszeit mit einer Niederlage bei der Wahl zum Fraktionsvorsitz, doch sagt die nominelle Führungsstruktur wenig über die innerparteilichen Machtverhältnisse. Auch Fischer brauchte kein Parteiamt, um die Grünen zu dominieren. So weit ist Trittin noch nicht, auch wenn er sich inzwischen an den vier Spitzen der offiziellen Hierarchie vorbeigeschoben hat. "Er ist ein Faktor" lautet die euphemistische Beschreibung seiner Rolle.

Es überrascht, wie spielend Trittin seinen wiedergewonnenen Oppositionsgestus mit Treue zur rot-grünen Regierungspolitik kombiniert. "Es kann keine Rede davon sein, wir würden den außenpolitischen Kurs von Rot-Grün verlassen", weist er den Verdacht zurück, die Partei verabschiede sich aus der schwer gewordenen rot-grünen Verantwortung. Zwei neue Mandate, für den Kongo- und den Libanoneinsatz, führt Trittin an. Den Isaf-Einsatz in Afghanistan habe die Partei in der Opposition dreimal verlängert.

Das war nicht selbstverständlich. Eher schien nach dem Ende von Rot-Grün eine außenpolitische Wende rückwärts programmiert. Dass sie bislang ausgeblieben ist, daran hat Trittin großen Anteil. "Ihr denunziert grüne Außenpolitik", warf er auf dem Parteitag im Herbst vergangenen Jahres den Kritikern des Afghanistan-Engagements vor. Sicher, die rot-grüne Außenpolitik hat in der Partei viele Verteidiger. Aber Trittins Stimme und sein Einfluss im linken Lager geben den Ausschlag. Wer in der historisch umkämpften Frage von Krieg und Frieden bei den Grünen Mehrheiten organisieren kann, dessen Autorität reicht in der Partei weit darüber hinaus.

Dabei wollen auch andere aus der grünen Führung Außenminister und Vizekanzler einer künftigen Regierung werden. Grüne, die noch zur Ironie fähig sind, behaupten, das sei inzwischen die Hauptfrage, mit der sich die Führung beschäftige. Die Vorsitzenden Reinhard Bütikofer und Claudia Roth sind im innerparteilichen Machtkampf schon ins Hintertreffen geraten. Um so ambitionierter bleiben die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Fritz Kuhn. Dass die Partei davon profitieren würde, ist nicht zu sehen. Die grünen Themen boomen im Weltmaßstab. Die Grünen boomen nicht. Diesem gefährlichen Paradox scheint sich die Partei zu ergeben. Auch Trittin hat darauf keine Antwort.

Annähernd zwei Jahrzehnte dauerte es, bis sich die Grünen von einer pazifistischen Oppositionspartei in eine interventionistische Regierungspartei verwandelt hatten. Trittin gehörte nicht zu den Vorkämpfern dieser Entwicklung. Immer sprang er spät, wenn auch nie zu spät, auf den fahrenden Zug grüner Realpolitik. Erst war er Gegner einer Regierungsbeteiligung, bis er sich 1990 plötzlich als Schlüsselfigur einer rot-grünen Koalition in Hannover wiederfand. Bis ins Wahljahr 1998 lehnte er die deutsche Beteiligung an Kampfeinsätzen strikt ab. Doch auch da erwies sich die Machtoption als Hebel für den Gesinnungswandel. Als Minister im Kabinett Schröder stimmte er der Kosovo-Intervention zu. Es habe "zwei falsche Alternativen" gegeben: der Vertreibung eines ganzen Volkes tatenlos zuzusehen oder ohne UN-Mandat zu intervenieren. "Wir haben uns für die weniger falsche Alternative entschieden", erklärt er heute.

Ohne den Druck der Regierungsbeteiligung ist die grüne Haltung zu den Militäreinsätzen nicht nur weniger bedeutsam, es ist auch schwieriger, die Partei immer wieder zu überzeugen: Die unklaren Stabilisierungsaussichten für Afghanistan, die zivilen Opfer, der Verdacht, deutsche Tornados könnten an den Bombenangriffen beteiligt sein, lassen die grüne Mehrheit schwanken.

Er kann die Zustimmung begründen, die Enthaltung aber auch

Nun wäre die Stunde gekommen, in der der Taktiker Trittin jenseits aller Taktik für seine Position kämpfen könnte. Mit seiner Autorität und der Überzeugung, die Deutschen dürften sich – Tornados hin oder her – ihrer Verantwortung für Afghanistan nicht entziehen, könnte er den Ausschlag geben. Stattdessen sitzt der Exminister vergangene Woche in der Sonne eines Hamburger Straßenlokals und räsoniert, er könne sowohl die Zustimmung wie die Enthaltung schlüssig begründen - wie ein guter Advokat.

Hat der Mann Überzeugungen? Eher kalkuliert er doch Argumentationsspielräume, wägt Mehrheiten ab, rechnet Wahrscheinlichkeiten und Risiken durch. So ist er weit gekommen. Seit er mit Fischers Zustimmung Parteichef wurde, handelte er mit ihm die Kompromisse aus und organisierte die nötigen linken Stimmen. Andere, wie Ludger Volmer oder Angelika Beer, die sich im Laufe der Jahre daran versucht haben, als Linke die Zustimmung für realpolitische Kursentscheidungen zu sichern, sind am Opportunismus, den diese Aufgabe erfordert, politisch zugrunde gegangen. Nur Trittin, der Virtuoseste, hat überlebt. Doch nun will er über die Funktion eines Mehrheitsbeschaffers hinaus. Er will die Partei führen. Wie schwer das ist, wird sich am Wochenende wieder zeigen, wenn er "die Linke im Boot halten, seriös bleiben und auch noch den Helden des Parteitags spielen" will, lästert ein Führungsmitglied.

Leidenschaft ist bei ihm eine Funktion seines Kalküls

Professionalität, Intelligenz, rhetorische Brillanz, nichts davon wird man Trittin absprechen. Er hat die längste Erfahrung, war Landes- und Bundesminister, dazu Parteichef vor der rot-grünen Koalition. Nur einer der leidenschaftlich seine Überzeugungen vertritt, war er nie. Leidenschaft ist bei ihm eine Funktion seines Kalküls.

Das ist die etwas unheimliche Seite des Jürgen Trittin. Die Partei hat sie oft erfahren. Doch jetzt erzielt er bei den Wahlen zum Parteirat ein Spitzenergebnis. Es sind längst nicht mehr nur die Linken, die ihn schätzen. Nach Joschkas Regime wendet sich die Partei offenbar dem zu, dessen Autorität und Selbstgewissheit Fischer am nächsten kommen. Die vergrübelte Reflektiertheit Bütikofers oder die herzenslinke Emotionalität einer Claudia Roth passen nicht mehr zu den Führungserwartungen. Dabei strebt Trittin ja nicht in den Vorsitz. Bestimmende Figur der Partei zu sein würde ihm reichen. Und Schlüsselfigur einer künftigen Regierung.

Wie die Grünen 1990 aus dem Bundestag flogen, um vier Jahre später wiederzukommen, wünscht er sich jetzt, "dass uns das mit der Regierungsbeteiligung genauso gelingt". Er redet viel über mögliche und unmögliche Konstellationen. Aber das wirkt, als stelle Trittin gerade erst die Figuren aufs Brett. Unmöglich, unter den realistischen Optionen seine Präferenz herauszuhören: "Ich empfehle ganz nüchtern, sich zu fragen, wo Macht und Inhalte besser zusammenpassen." Gut, eine Ampel sei denkbar, Schwarz-Gelb-Grün auf keinen Fall. Mit der Linkspartei sehe er die "größten programmatischen Überschneidungen", provoziert er ein bisschen und gibt dann doch Entwarnung: Noch sei die Linke nicht regierungsfähig. Bereitet Trittin dennoch die Linksoption vor oder will er ablenken von der entgegengesetzten Variante, Schwarz-Grün? "Die Grünen", mahnt er, "dürfen nicht schwarz-grün etikettiert werden." Das verschrecke rot-grüne Wechselwähler. Aber wissen zu wollen, was das am Tag nach der Wahl bedeutet, wäre vermessen.

Bei den zwei großen Zäsuren der grünen Geschichte – in der Pazifismus- und der Machtfrage – gehörte Jürgen Trittin zu den Nachzüglern. Doch als Trittbrettfahrer ist er jetzt ans Ende gekommen. Nun wartet eine Hauptrolle mit allen Risiken. Gerhard Schröder, so hat Trittin einmal gesagt, war kein Rot-Grüner. Nur deshalb konnte er Bundeskanzler von Rot-Grün werden. Auf Trittin abgewandelt hieße das: Nur einer mit großem Einfluss, der nicht im leisesten Verdacht steht, ein Schwarz-Grüner zu sein, könnte in seiner Partei Schwarz-Grün durchsetzen.

Er würde sicher sehr leidenschaftlich plädieren.