Dabei wollen auch andere aus der grünen Führung Außenminister und Vizekanzler einer künftigen Regierung werden. Grüne, die noch zur Ironie fähig sind, behaupten, das sei inzwischen die Hauptfrage, mit der sich die Führung beschäftige. Die Vorsitzenden Reinhard Bütikofer und Claudia Roth sind im innerparteilichen Machtkampf schon ins Hintertreffen geraten. Um so ambitionierter bleiben die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Fritz Kuhn. Dass die Partei davon profitieren würde, ist nicht zu sehen. Die grünen Themen boomen im Weltmaßstab. Die Grünen boomen nicht. Diesem gefährlichen Paradox scheint sich die Partei zu ergeben. Auch Trittin hat darauf keine Antwort.

Annähernd zwei Jahrzehnte dauerte es, bis sich die Grünen von einer pazifistischen Oppositionspartei in eine interventionistische Regierungspartei verwandelt hatten. Trittin gehörte nicht zu den Vorkämpfern dieser Entwicklung. Immer sprang er spät, wenn auch nie zu spät, auf den fahrenden Zug grüner Realpolitik. Erst war er Gegner einer Regierungsbeteiligung, bis er sich 1990 plötzlich als Schlüsselfigur einer rot-grünen Koalition in Hannover wiederfand. Bis ins Wahljahr 1998 lehnte er die deutsche Beteiligung an Kampfeinsätzen strikt ab. Doch auch da erwies sich die Machtoption als Hebel für den Gesinnungswandel. Als Minister im Kabinett Schröder stimmte er der Kosovo-Intervention zu. Es habe "zwei falsche Alternativen" gegeben: der Vertreibung eines ganzen Volkes tatenlos zuzusehen oder ohne UN-Mandat zu intervenieren. "Wir haben uns für die weniger falsche Alternative entschieden", erklärt er heute.

Ohne den Druck der Regierungsbeteiligung ist die grüne Haltung zu den Militäreinsätzen nicht nur weniger bedeutsam, es ist auch schwieriger, die Partei immer wieder zu überzeugen: Die unklaren Stabilisierungsaussichten für Afghanistan, die zivilen Opfer, der Verdacht, deutsche Tornados könnten an den Bombenangriffen beteiligt sein, lassen die grüne Mehrheit schwanken.

Er kann die Zustimmung begründen, die Enthaltung aber auch

Nun wäre die Stunde gekommen, in der der Taktiker Trittin jenseits aller Taktik für seine Position kämpfen könnte. Mit seiner Autorität und der Überzeugung, die Deutschen dürften sich – Tornados hin oder her – ihrer Verantwortung für Afghanistan nicht entziehen, könnte er den Ausschlag geben. Stattdessen sitzt der Exminister vergangene Woche in der Sonne eines Hamburger Straßenlokals und räsoniert, er könne sowohl die Zustimmung wie die Enthaltung schlüssig begründen - wie ein guter Advokat.

Hat der Mann Überzeugungen? Eher kalkuliert er doch Argumentationsspielräume, wägt Mehrheiten ab, rechnet Wahrscheinlichkeiten und Risiken durch. So ist er weit gekommen. Seit er mit Fischers Zustimmung Parteichef wurde, handelte er mit ihm die Kompromisse aus und organisierte die nötigen linken Stimmen. Andere, wie Ludger Volmer oder Angelika Beer, die sich im Laufe der Jahre daran versucht haben, als Linke die Zustimmung für realpolitische Kursentscheidungen zu sichern, sind am Opportunismus, den diese Aufgabe erfordert, politisch zugrunde gegangen. Nur Trittin, der Virtuoseste, hat überlebt. Doch nun will er über die Funktion eines Mehrheitsbeschaffers hinaus. Er will die Partei führen. Wie schwer das ist, wird sich am Wochenende wieder zeigen, wenn er "die Linke im Boot halten, seriös bleiben und auch noch den Helden des Parteitags spielen" will, lästert ein Führungsmitglied.