Jan-Hendrik Olbertz (CDU), Kultusminister von Sachsen-Anhalt, gilt als einer der versiertesten Bildungspolitiker im Land. Doch wenn das Wort "Kapazitätsverordnung" fällt, wird Olbertz kurz ruhig. Dann sagt er: "Ich will ehrlich sein. Bis in den letzten Winkelzug verstehe ich die auch nicht." Es ist ein Wortungetüm, dessen bürokratisch-abschreckender Klang noch eine Untertreibung ist für die verworrene Komplexität, die es umschreibt: Die sogenannte KapVO ist ein besonders grausames Relikt der Bildungsexpansion der Siebziger , ein Stück Planwirtschaft, das es bis in die Gegenwart von Exzellenzinitiative und Bologna-Reform geschafft hat.

Sie soll, gespickt mit mathematischen Formeln, festlegen, wie viele Studenten pro Professor jede einzelne Hochschule in Deutschland in jedem ihrer zulassungsbeschränkten Studiengänge aufnehmen muss. Bei ihrer Erwähnung bekommen einige von Olbertz’ Kollegen kalte Füße und stehen für Interviews nicht mehr zur Verfügung. Denn wirklich verstanden hat die KapVO kaum einer, einmal abgesehen von ein paar Ministerialbeamten in jedem Bundesland, die für ihre Ausführung zuständig sind.

Und genau das ist das Problem: Ihre Unverständlichkeit hat die Kapazitätsverordnung lange vor Angriffen geschützt. So konnte sie in aller Ruhe ihre schädliche Wirkung entfalten. Erst recht, seit an fast allen großen Universitäten die Studiengänge so überlaufen sind, dass die Einführung flächendeckender NCs erforderlich war . Christoph Markschies, Präsident der Berliner Humboldt-Universität, sagt: "Die KapVO ist überflüssig. Wenn sie abgeschafft wird, knallen hier die Champagnerkorken."

Am besten lässt sich das an einem Beispiel nachvollziehen. Man stelle sich das Magisterstudium Germanistik an einer beliebigen deutschen Massen-Uni vor, inklusive überfüllter Hörsäle und überquellender Seminarräume. Am liebsten würde die Uni-Präsidentin einfach 20 Prozent weniger Erstsemester zulassen, doch das darf sie nicht, denn das Wissenschaftsministerium schreibt ihr die Zahl der Studienplätze vor. Um trotzdem auf die berechtigten Proteste der Studenten einzugehen, wagt die Präsidentin den Konflikt und schafft eine neue Germanistikprofessur – auf Kosten der Anglistik, die einen Lehrstuhl verliert. Doch der ganze Ärger ist umsonst, denn jetzt greift die Kapazitätsverordnung: Mehr Germanistikprofessoren bedeuten automatisch mehr Germanistikstudenten, die KapVO legt das so fest – und die Studenten leiden weiter.

Markschies spricht von einer "Strangulation der Hochschulen". Der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) drückt sich nüchterner aus: "Die bundesweit einheitliche Festschreibung von Betreuungsrelationen ist nicht mehr vermittelbar und nicht mehr zeitgemäß."

Denn genau darum ging es bislang: Einheitlichkeit. Das Bundesverfassungsgericht hatte in einem berühmten Urteil vor über drei Jahrzehnten festgestellt, dass prinzipiell jeder Studienbewerber Anspruch auf einen Studienplatz habe. Um diesem Ziel möglichst nahezukommen, entschied das höchste deutsche Gericht, müssten die Hochschulen ihre Kapazitäten voll ausnutzen, und das gehe nur, wenn überall die gleichen Studienbedingungen herrschten und sich keiner auf Kosten der anderen besserstelle.