Manchmal wartet die Liebe an ungemütlichen Orten. Weert Jensen hat es im Mai 2003 in einem Drive-in von Mc-Donald’s kurz vor der dänischen Grenze erwischt. Eigentlich wollte er nur einen Milchshake und einen Hamburger bestellen, dann hörte er die Stimme seiner heutigen Frau Jasmin durch den Lautsprecher. Schon in diesem Moment ahnte er, so sagt er heute: »Die oder keine ist die Frau meines Lebens.«

Eine erste Einladung zum Essen schlug sie ab, also setzte Jensen sein Werben fort und stellte sich wieder und wieder bei McDonald’s in die Schlange. Er bestellte Hamburger, bezahlte und legte schließlich einen Zettel mit seiner Telefonnummer dazu. Irgendwann rief Jasmin zurück. Zwei Monate später zog sie bei ihm ein. So begann eine Liebesgeschichte, die den 32 Jahre alten Verkaufsfahrer für Tiefkühlkost und seine 24-jährige Frau Anfang des Monats schließlich vor den Altar einer kleinen Kirche nahe ihres Heimatortes Klixbüll führte.

Warum wollten sie überhaupt noch den kirchlichen Segen nach der Geburt von zwei Söhnen und vier Jahren in einer gemeinsamen Wohnung? Die Frage stellte sich eigentlich nicht, die Ehe schien eine Selbstverständlichkeit. Dabei sind beide Scheidungskinder, sie haben erlebt, wie Beziehungen zerbrechen. Darum haben sie einander versprochen, es besser zu machen als die Eltern. Sie wollten eine Trauung vor einem Altar, um ihre Ehe mit einem Ausrufezeichen zu versehen. »Wir wollten zeigen«, sagt Weert Jensen, »dass das eine Bindung für immer ist.«

So starten viele, die in diesen Tagen heiraten. Obwohl fast jede zweite Ehe geschieden wird, steht zu Beginn der Wunsch nach einem unmissverständlichen Bekenntnis. Oft ist dies gerade das Motiv: Je mehr Paare ringsum auseinandergehen, desto größer ist die Sehnsucht nach der dauerhaften Liebe und der Wunsch, es viel besser zu machen, auch mit einem großen Fest. Hochzeiten werden zelebriert und inszeniert wie nie zuvor: Große Kaufhäuser wie das Berliner KaDeWe weiten ihre Hochzeitssortimente aus, etliche Illustrierte wie Braut und Bräutigam, Hochzeit-Magazin und Weddingstyle beschäftigen sich ausschließlich mit Hochzeitsthemen. ProSieben strahlt an jedem Werktag um 15 Uhr eine einstündige Sendung mit dem Titel Frank – der Weddingplaner aus. Es gebe eine neue Lust auf die Ehe, behauptet Moderator Frank Matthée.

Tatsächlich geht die Zahl der Eheschließungen seit Jahren leicht zurück, rund 373.000 waren es im vergangenen Jahr, ein Drittel weniger als in den siebziger Jahren. Das ist allerdings immer noch eine hohe Zahl, gemessen daran, dass die Zahl der jungen Leute im klassischen Heiratsalter viel kleiner als früher ist und der gesellschaftliche und ökonomische Druck zum Heiraten nachgelassen hat. »Es ist wie im Biedermeier«, sagt Matthée, »wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse unsicher werden, steigt die Sehnsucht nach dem Nest.« Die meisten begeisterten Briefe bekomme er von 15- bis 19-jährigen, die ihn am liebsten jetzt schon für ihre Hochzeit buchen möchten, egal, wann sie denn stattfindet.

Die Globalisierung, der mit ihr verbundene Zwang zu Mobilität und Flexibilität erschwert zwar dauerhafte Bindungen, gleichzeitig aber verstärkt er die Sehnsucht danach. Hinzu kommt, dass viele Paare einfach Lust auf eine riesige Hochzeitsparty haben. Bei 67 Prozent spiele die Freude an einem rauschenden Fest eine große Rolle, fanden kürzlich die Mainzer Soziologen Norbert Schneider und Heiko Rüger in einer Umfrage unter 377 Ehepaaren heraus, die zwischen 1999 und 2005 geheiratet hatten. Immerhin sieben Prozent gaben zu, nur zu heiraten, weil der Partner es unbedingt wolle.

Aber wozu überhaupt noch die Ehe? Ist sie nicht längst ein Auslaufmodell, das die Förderung durch Staat und Steuerzahler nicht mehr verdient? Wer Kinder, gesellschaftliche Anerkennung und wirtschaftliche Sicherheit will, braucht dafür heute keinen Trauschein mehr. Warum also? Oder ist gerade das der Reiz? Niemand tritt mehr in den Stand der Ehe, weil er den Erwartungen von Eltern oder Erbtanten, von Nachbarn oder Vorgesetzten entsprechen will. Verheißt diese Freiwilligkeit mehr Glück?

Noch immer heiraten vier von fünf Deutschen mindestens einmal in ihrem Leben, auch ein Scheitern hält viele nicht von weiteren Versuchen ab: Jedes sechste Brautpaar besteht aus zwei Wiederholungstätern. Noch immer wachsen drei von vier Kindern in klassischen Familien mit beiden leiblichen Eltern auf. Doch stammte im Jahr 2006 fast jedes dritte neugeborene Baby von unverheirateten Paaren ab, elf Prozent mehr als acht Jahre zuvor. Am stärksten macht sich dieser Trend in Ostdeutschland bemerkbar: In Mecklenburg-Vorpommern liegt der Anteil der nichtehelichen Neugeborenen bei 63 Prozent.

Ist die Institution der Ehe in einer Gesellschaft noch relevant, in der Menschen, die als Paar auftreten wollen, längst nicht mehr als Gatte und Gattin definiert sein müssen? In der Singles in eheähnlichen und Homosexuelle in »eingetragenen Partnerschaften« leben, in der also Paare keine Eheleute, aber auch Eheleute mitunter keine Paare mehr sind?

Die Politik reagiert auf diesen Wandel, indem sie die Spielregeln für das Zusammenleben von Ehepartnern ändert. Bisher staunte die Öffentlichkeit vor allem über Gesetze für Familien, vom neuen Elterngeld bis hin zum Kita-Ausbau. Doch auch die Reform des Unterhaltsrechts wird das Leben von Millionen Menschen verändern. Das neue Gesetz von Justizministerin Brigitte Zypries setzt vor allem Frauen unter Druck, nach einer Scheidung schnell eine Arbeit aufzunehmen. Wenn der Exmann eine neue Familie zu versorgen hat und das Geld nicht für alle Mitglieder der alten und der neuen Familien reicht, haben nach dieser Reform die Kinder aus beiden Ehen Vorrang vor dem Unterhalt der ersten Frau. Das wiederum wird langfristig nicht nur das Verhalten bereits geschiedener Mütter ändern, sondern auch von Frauen (und manchmal Männern), die nicht riskieren wollen, im Falle einer Scheidung ohne Beruf dazustehen.

Und die nächste Reform ist angedacht: SPD und Teile der CDU wollen die Steuervorteile für die kinderlose Ein-Verdiener-Ehe verringern zugunsten von Steuersenkungen für Eltern; das sogenannte Ehegattensplitting würde demnach durch ein Familiensplitting ersetzt. Wenn alle Reformansätze im Bundestag verabschiedet sind, hat die Regierung Merkel die traditionsreiche Rolle der Ehefrau und Mutter praktisch abgeschafft. Warum noch heiraten? Der Grund, im Fall der Fälle bei einer Scheidung lebenslang versorgt zu sein, fällt dann weg.

Berlin-Mitte, Standesamt. Rainer Ahnert klickt auf seinem Bildschirm ein Foto an, das ihn und ein sich küssendes Brautpaar in einem großen gläsernen Fahrstuhl zeigt. Im Hintergrund glitzern Korallen. »Eine Unterwasserhochzeit«, erklärt Ahnert. »Tolle Sache. Wird sehr gut angenommen.« Ahnert ist der Erfinder der amtlichen Erlebnishochzeiten in Deutschland. Er kam Ende der siebziger Jahre begeistert nach einem Las-Vegas-Besuch auf die Idee, standesamtliche Trauungen an ungewöhnlichen Orten anzubieten. Das Amt berechnet dafür eine Zusatzgebühr von 55 Euro pro Hochzeit.

Eine Trauung im Aquadom, einem begehbaren Großaquarium im Zentrum Berlins, ist das derzeit spektakulärste Angebot. Beliebt sind aber auch Hochzeiten im Berliner Zoo, wo sich die Hochzeitsgesellschaft meist vor dem Nilpferdgehege versammelt. Inzwischen organisiert allein das Standesamt Mitte 500 Außenhochzeiten pro Jahr, immerhin eine von 24 Hochzeiten in Berlin. Die meisten anderen Großstädte haben inzwischen ähnliche Angebote.

Heiraten 2007 – das bedeutet meistens weniger Illusionen, aber dafür größeren Aufwand als früher. Das liegt auch daran, dass Brautleute heute im Durchschnitt älter sind als früher, oft besser verdienen und mehr für ihre Feier ausgeben können. Außerdem sind die Frauen häufiger berufstätig, sie haben weniger Zeit, aber dafür ein eigenes Einkommen. So wird die Organisation der Feste gern an Profis delegiert. Dienstleister wie die Firma Weddix aus München organisieren Junggesellenabende, besorgen Fähnchen für das Auto, auf denen »just married« steht, und bieten sogar Textbausteine für den Heiratsantrag an. In allen Großstädten arbeiten mittlerweile sogenannte wedding planner, branchenüblich ist ein Honorar von zehn Prozent des Gesamtbudgets. Bei 50 Gästen, so ein Profi, kalkuliere man mit einem Budget von 15.000 Euro, also 1500 Euro Honorar.

Bei den Planungen regiert die Vernunft. Oft leben die Brautleute schon seit Jahren in einer festen Beziehung, und jetzt will man »noch einmal blühen«, wie es die Hamburger Pastorin Anne Gidion formuliert . Nicht selten sitzt ein drei- oder vierjähriges Kleinkind in der Kirche in der ersten Reihe, häufig drängten sogar die Kinder selbst das Elternpaar, doch noch vor den Altar zu treten.

An diesem Freitag Vormittag traut der Standesbeamte Rainer Ahnert Julia und Robert Güther. Das Paar, beide Juristen, sagt von sich: »Wir sind eher konservativ.« Er trägt einen Anzug, sie ein gepunktetes Etuikleid mit Hut. Vor jedem Paar, ob reich oder arm hält der Standesbeamte die gleiche Ansprache, die im Ton eher jovial als feierlich ist. Er endet mit den Worten: »Wir drücken die Daumen, dass keiner von Ihnen noch mal wankelmütig wird.« Vor dem Standesbeamten sind alle gleich, zumindest zieht es Linke und Rechte, Arme und Reiche dorthin. Früher hätten linke Paare eine Hochzeit vielleicht spießig gefunden. Doch hier verbindet alle Brautleute, dass sie den Gang zum Standesamt nach mehreren Jahren Liebesbeziehung einfach als Selbstverständlichkeit betrachten, die keiner großen Erklärungen bedarf. Warum heiraten – diese Frage beantworten sie mit einer Gegenfrage: Warum nicht?

Die sozialen Unterschiede verschwinden mittlerweile auch vor dem Scheidungsrichter: Die Auflösung einer Ehe ist längst nicht mehr ein Privileg der Gebildeten und Gutverdienenden, die Scheidungsraten sind in den verschiedenen Einkommensgruppen nahezu gleich. Allerdings heiratet und trennt man sich in Deutschland aus sehr unterschiedlichen Motiven.

Die Soziologen Schneider und Rüger haben vier ungefähr gleich große Bevölkerungsgruppen ermittelt, die die Ehe entweder als »nützlich« oder als »sinnentleert« betrachten, eine liberale oder auch eine kirchlich-konservative Sicht auf das Paarleben haben. Vor allem ein Ergebnis betonen die Forscher: »Die romantische Liebe als Heiratsmotiv wird überschätzt.«

Wichtiger sind einerseits Traditionen und andererseits ganz praktische Erwägungen. Zum Beispiel merken Väter, dass Auslandsreisen mit Kindern einfacher sind, wenn in der Familie alle denselben Namen haben und niemand in ihnen einen Entführer vermutet. Das bedeute aber nicht, dass die Liebe unwichtig geworden sei, sagt Schneider. »Sie entscheidet darüber, ob zwei Menschen ein Paar werden und ob sie zusammenleben.«

Warum noch heiraten? Neuerdings treibt diese Frage auch solch skeptische Geister wie etwa die Autorin Felicitas von Lovenberg um, deren neues Buch den Titel Comeback der Vernunftehe trägt. Von Lovenberg verweist darin auf praktische Vorteile wie Sozialpunkte, die vor Kündigung schützen, und auf Chefs, die im Zweifel doch lieber den verheirateten Mitarbeiter befördern. Gleichzeitig warnt die Autorin, dass eine Ehe die Paare bequem und einfallslos mache: Ein Heiratsantrag sei womöglich das größte Kompliment, das ein Mann einer Frau machen könne, aber häufig auch das letzte.

Auch unter Wissenschaftlern wird das Thema heiß diskutiert. Offenbar fasziniert sie der Gedanke: Weniger die Gefühle bestimmen, wen wir heiraten und wie lange wir mit einem Partner zusammenbleiben. Viel entscheidender ist möglicherweise die Abwägung von Kosten und Nutzen. So glauben die Kölner Soziologen Michael Wagner und Bernd Weiß zu wissen, warum die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung mit zunehmendem Alter der Brautleute deutlich sinkt: Nicht Weisheit und Lebenserfahrung schweißen die reiferen Paare zusammen, sondern vor allem das Wissen um die schwindende Attraktivität und damit den Mangel an Alternativen. Wagner und Weiß haben vor einigen Jahren eine Studie über die größten Scheidungsrisiken vorgelegt, mit der sie die These vom kühlen Kalkül untermauerten: Kaum etwas verringere die Scheidungswahrscheinlichkeit so sehr wie eine gemeinsame Wohnung, ein gemeinsames Haus. Eine Immobilie verbinde noch mehr als gemeinsame Kinder.

Selbst die Gästezahl bei der Trauung bleibt demnach nicht ohne Wirkung: Je größer die Party, desto geringer das Trennungsrisiko. Offenbar wirkt die Scham gegenüber Freunden und Verwandten als Barriere. Die Zufriedenheit mit dem Partner hingegen, das zeigt eine aktuelle Studie des Soziologenteams, ist nicht so wichtig, wie man annehmen könnte. »Es gibt sehr unzufriedene Paare, die ihre Partner trotzdem nicht verlassen, weil die Ausstiegsbarrieren hoch sind, und umgekehrt relativ zufriedene Partner, die gehen«, hat Wagner herausgefunden.

Über die finanziellen Folgen entscheidet die Politik, etwa mit dem Unterhaltsrecht. Je höher die finanziellen Pflichten nach einer Trennung sind, desto mehr Eheleute werden davor zurückschrecken, es so weit kommen zu lassen. Nur: Ist der Schutz der Ehe, den das Grundgesetz in Artikel 6 vorschreibt, überhaupt noch zeitgemäß? Geht es den Staat überhaupt etwas an, wie zwei erwachsene Eheleute ihr Leben miteinander gestalten?

Hans Bertram, Professor für Soziologie an der Berliner Humboldt-Universität und Hauptautor des jährlichen Familienberichts, plädiert für weniger Einmischung der Politik. »Die Probleme unserer Familien in Deutschland rühren auch daher, dass wir die Ehe seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts verstaatlicht haben.« Der Gang zum Standesamt habe so viele rechtliche Folgen, dass er auf junge Männer oft abschreckend wirke. Dabei seien Gesetze, die das Kindeswohl schützten, völlig ausreichend. »Die Menschen würden auch so feste, auf Dauer angelegte Partnerschaften eingehen«, sagt Bertram. Bekanntlich seien schon Adam und Eva irgendwie miteinander ausgekommen.

Im Nachkriegsdeutschland misstraute man dieser Liberalität. Bis 1958 verbot ein Gesetz den Frauen, ohne Zustimmung ihres Mannes berufstätig zu sein. Noch in den Sechzigern galt die nachlässige Haushaltsführung der Ehefrau als Scheidungsgrund. Erst seit 1976 ist der Name der Braut als Familienname zugelassen. Der Berliner Standesbeamte Ahnert erinnert sich noch gut daran, wie er und seine Kollegen in den ersten Berufsjahren vor der Eheschließung eines Paares alte Scheidungsurteile durchkramen mussten. »Wenn da stand, geschieden wegen Ehebruchs mit Liselotte Meier, dann durften wir diesen geschiedenen Bräutigam nicht trauen.«

1977 erst kam es zu einer weitreichenden Reform des Unterhaltsrechts, das fortan die Position der Frau stärkte: Sie bekam im Scheidungsfall die Hälfte des Zugewinns, also des Einkommens und Vermögens, das während der Ehe entstanden war. Außerdem hatte sie, wenn sie nicht berufstätig war, Anspruch auf drei Siebtel des Nettoeinkommens ihres Exmannes als Unterhalt. Dieses Gesetz wurde als großer Fortschritt gefeiert, die damalige Regierung hatte allerdings die Arbeitsmarktlage für Frauen falsch eingeschätzt und wohl auch deren Verhalten.

Oft schafften die geschiedenen Frauen die Rückkehr in den Beruf nicht – mit dem Ergebnis, dass die Ehemänner nicht nur einige Monate zahlen mussten, sondern oft ein Leben lang. Und immer wieder fanden die Exfrauen eine neue Liebe, die sie nicht heirateten, sodass der Exmann lange weiterzahlen musste, auch wenn dies zulasten einer neu gegründeten zweiten Familie ging. Mit dem neuen Unterhaltsrecht endet dieser Zustand. Es nützt Kindern aus zweiter Ehe und schwächt die Position der ersten Ehefrau; an den Unterhaltszahlungen für Kinder aus erster Ehe ändert sich nichts. Warum dann noch heiraten? Sie könne, sagt die Berliner Scheidungsanwältin Anne Klein, jungen Frauen mit Kinderwunsch eigentlich gar nicht mehr dazu raten, denn materielle Vorteile gebe es damit nicht mehr.

Auch andere staatliche Regeln, die der klassischen Ein-Verdiener-Ehe nutzten, sind umstritten. Und versteckte Hilfen gibt es mehr, als viele Bürger ahnen: Verheiratete bekommen mehr Arbeitslosengeld. Falls sie Beamte sind, erhalten sie für den Trauschein Zulagen vom Staat. Überdies gibt es für Ehepaare auch noch Vorteile bei der Riester-Rente und in der gesetzlichen Krankenversicherung: Alle Mitglieder können einen Ehepartner kostenlos mitversichern lassen, falls dieser nicht berufstätig ist. Schließlich die Vorteile des Ehegattensplittings, das sich besonders lohnt, wenn die Einkommen der Partner unterschiedlich hoch sind. Im Extremfall bringt es 16262 Euro im Jahr – ein Vielfaches von dem, was ein Hartz-IV-Empfänger zum Leben hat.

Welchen Einfluss solche Gesetze auf die bundesweite Heiratslust haben, lässt sich nur schwer ermitteln. Als ungeplanter Praxistest erwies sich die Hartz-Reform. Sie hat gezeigt, wie schnell Paare ihr Verhalten ändern, wenn die Politik neue Regeln für sie schafft. Einerseits hat die Reform einen unerwarteten kleinen Hochzeitsboom ausgelöst. Plötzlich heirateten viele Arbeitslose, um sich über den Partner kostenlos mitzuversichern. Andernfalls wäre der Krankenversicherungsschutz für sie entfallen. Andererseits zogen viele unverheiratete Paare in getrennte Wohnungen, um nicht als »Erwerbsgemeinschaft« zu gelten, die auch ohne Trauschein zu gegenseitigen Unterhaltsleistungen verpflichtet ist.

Warum heiraten? Magnus Rüde und Uta Bielfeldt, zwei junge Eltern aus dem kinderreichen Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, sind seit mehr als zehn Jahren ein Paar, und auch für sie war die Hochzeit ein naheliegender, selbstverständlicher Schritt. Aber dann waren sie doch angenehm überrascht, als sie ihre vorläufige Steuerberechnung für das Jahr 2006 erhielten. Sie haben im Winter 2006 standesamtlich geheiratet, kurz vor Silvester, weil die Familie über Weihnachten ohnehin beisammen war. Erst im Nachhinein stellten sie fest, dass sie im Hochzeitsjahr 4300 Euro weniger an Steuern zahlten.

Magnus Rüde, 33, ist Referent beim Wissenschaftsrat und pendelt zwischen Köln und Berlin, seine 29-jährige Frau kümmert sich abwechselnd um ihre Promotion und um Tochter Liselotte. Er bezieht sein Gehalt, sie hingegen bekommt ein steuerfreies Stipendium; so wirkt sich das Ehegattensplitting spürbar aus. Und wer im Dezember heiratet, das merkte das Paar erst im Nachhinein, bekommt die Steuerersparnis für das ganze Jahr.

Beide wussten immerhin, dass Uta Bielfeldt nur mit Trauschein Anspruch auf eine attraktive staatliche Förderung der Riester-Rente haben würde: 114 Euro Staatszuschuss bei einem Eigenbeitrag von 60 Euro. Die beiden sind der Typ pragmatisches Akademikerpaar, das aus Liebe heiratet, aber dabei doch gern den Kontostand optimiert. »Die Ehe«, sagt Magnus Rüde, sei auch so etwas »wie ein gemeinsames Unternehmen«.

Den idealen Hochzeitstermin haben sie trotz ihrer Findigkeit knapp verpasst. Die Tarifpartner für den öffentlichen Dienst schafften einige Zulagen für Verheiratete ab. Wer bis Oktober seinen Trauschein erwarb, fiel unter die alte Regel. Hätte das Paar zwei Monate früher geheiratet, bekäme es bis 2009 nochmals 4000 Euro mehr.

Man muss schon sehr genau recherchieren, um herauszufinden, wann und wie der Staat eine Ehe prämiert. Und gänzlich unübersichtlich wird es, wenn man auch noch auf Gesetze achtet, die Ehen mehr verhindern als stützen. Das gibt es nämlich auch, Regelungen für Ruheständler beispielweise, die keine aus der ersten Ehe abgeleitete Witwenrente mehr bekommen, wenn sie erneut heiraten.

Die Regierung hat sich vorgenommen, die Leistungen für Familien bis Ende des Jahres aufzulisten und einfacher zu machen. Wahrscheinlich lässt sich dann kaum verhindern, dass mehr Geld an Familien und weniger an kinderlose Paare fließt. Auch das Ehegattensplitting steht auf dem Prüfstand. Ein Fortschritt? Vermutlich gibt es Ehen, für die es sich irgendwann als Segen erweist, dass man sich nicht getrennt hat, auch wenn es unter anderem an der Steuerersparnis lag.

Und wahrscheinlich wird die Zahl der Hochzeiten in Deutschland weiter sinken, wenn der Staat weniger Leistungen an den Trauschein koppelt. Es werden weniger Menschen aus schlechten Gründen heiraten. Man kann lange darüber streiten, ob das ein Vor- oder Nachteil ist.

Der Berliner Standesbeamte Rainer Ahnert hat sein Urteil bereits gefällt. Er erinnert sich gut an viele unglücklich wirkende Brautpaare, bei denen der Mann missmutig auf den Baby-Bauch der Frau an seiner Seite schielte. »Ich mach das hier seit 1969«, sagt der Standesbeamte. »Und so viele Liebesheiraten wie heute gab es hier noch nie.«