Wir sind in Nizza verabredet, wo Keith Jarrett während seiner Europatourneen wohnt und regeneriert. Und das ist die erste Überraschung: Nicht in eines der altehrwürdigen, ruhigen Hotels zieht er sich zurück, sondern in ein kühl modernes, mitten im Zentrum. Die zweite Überraschung: Eine Stunde vor dem Interviewtermin ruft sein Manager Steve Cloud an, das Interview sei gefährdet, Keith habe schwere Rückenprobleme und sei beim Physiotherapeuten. Zwei Stunden später, auf der Dachterrasse, wird Keith Jarretts Hotelwahl verständlich. Ein Swimmingpool, ein kleines Restaurant, Liegestühle dezent gruppiert und im Vordergrund ein strahlend blaues Meer. Verkehrsgeräusche dringen nach oben, Sirenen, Mopeds, Hupen – der Ort ist äußerlich abgeschieden und doch im Mittelpunkt. Steve Cloud bittet zu Tisch unterm Sonnenschirm, Rose Anne, Jarretts Frau, setzt sich zu uns, Keith werde bald kommen. Als er dann erscheint, wirkt er drahtig, perfekt gebräunt, lässt sich vorsichtig und mit geradem Rücken nieder. "Mein erstes Interview, das ich unter Schmerzen gebe", erklärt er hinter verspiegelter Sonnenbrille – was fast ein bisschen wehleidig klingt.

DIE ZEIT: Es ist schwer, in dieser Atmosphäre ernsthafte Fragen zu stellen. Man bekommt so ein Urlaubsgefühl.

Keith Jarrett: So geht es mir hier ständig.

ZEIT: Was macht Sie in Frankreich glücklich?

Jarrett: Es gibt Länder, in denen zu viel über Kunst nachgedacht wird, Deutschland zum Beispiel. Anderswo wird zu wenig nachgedacht wie in den USA. Frankreich liegt auf dem silbernen Mittelweg, weil es in bestimmter Hinsicht sehr kompliziert ist und dann wieder sehr entspannt. Ich würde nicht sagen, dass ich hier glücklich bin, ich fühle mich wohl, weil weniger über Kunst nachgegrübelt wird.

ZEIT: Auf Cover-Fotografien Ihrer Trio-CDs sind Sie im Gegensatz zu Ihren Solo-CDs gut gelaunt und lachen ungewöhnlich oft. Gibt es dafür einen Grund?

Jarrett: Das Trio ist wie ein Mikroorganismus, ein eigenes Lebewesen. Mit einer Menge Humor. Überraschende Momente und Humor sind identisch. Ein guter Scherz ist immer eine Überraschung. Und wenn man improvisiert, wartet man darauf, überrascht zu werden. Humor liegt also im Wesen des Zusammenspiels.

ZEIT: Bei Ihrem Triokonzert im Juli in Essen wirkten Sie sehr locker. Waren Sie da zufrieden?

Jarrett: Wir versuchen immer gegen die Überorganisation einer Kultur anzuspielen, in der alles zu vergeistigt ist: Wie ist diese Note am Klavier zu verstehen, wie diese andere? Von dieser Haltung wollten wir das Publikum so weit wie möglich wegfüh-ren. Danach wählen wir auch die Stücke aus. Und die waren in Essen weitgehend funky. Der ernsthafte Künstler in mir ist sich sehr bewusst, warum wir etwas machen. Aber der Typ in mir, der lacht und es genießen will, freut sich, wenn die Musik so lebendig ist. Selbst in diesem steifen Rahmen.

ZEIT: Sie haben in Essen in einer Philharmonie gespielt. Es wurden vor dem Konzert Hustenbonbons und Taschentücher verteilt, das Publikum wurde gebeten, keine Fotos zu machen. Ist da nicht ein gewisser Widerspruch zwischen dem Ursprung der Musik und der sehr gepflegten Atmosphäre klassischer Konzertsäle?

Jarrett: Der Widerspruch besteht darin, wie wir präsentiert werden, und der Musik, die wir spielen. Aber dafür sind wir nicht verantwortlich. Ich würde die Ansage sicher beiläufiger halten. Aber wenn es zu beiläufig wird, geht man das Risiko ein, dass keiner zuhört.

ZEIT: Auf Ihrer Europatournee haben Sie ein Konzert in Perugia vorzeitig abgebrochen. Warum?

Jarrett: In Perugia wäre es egal gewesen, wer etwas sagt oder wie ernsthaft er es gesagt hätte: Es gab ein Gewitter aus Handy-Blitzen.