Silvia Huber hat es langsam satt. »Wir sind hier schlicht und ergreifend ausgeliefert«, klagt die 43-Jährige und zeigt missmutig auf die wackelige Konstruktion aus Brettern, die an einem Stahlseil hängt und lautlos in Richtung Tal gleitet. Gerade hat die resolute Hüttenwirtin ein paar Kanister Diesel von der hölzernen Gondel abgeladen. Nun wartet sie in der überdachten Bergstation der Materialseilbahn auf ihren Lebensmitteleinkauf. »Das Schlimmste sind die Betriebszeiten«, sagt Huber. Im Sommer fährt die Seilbahn an drei Vormittagen für wenige Stunden. Im Winter verkehrt sie gar nur zweimal die Woche.

Hoch über der Tiroler Kleinstadt Kufstein gerät nicht nur das Einkaufen zur Prozedur. Knapp ein Dutzend Gasthöfe, Schutzhütten und Bauernhöfe liegt verstreut entlang der Forststraßen. Es gibt Hausnummern, Autos und Internetanschlüsse – doch etwas fehlt: Das Kaisertal ist das einzige bewohnte Tal Österreichs, in das keine Straße führt.

Eine steile Stiege mit 285 Stufen ist neben der 1955 erbauten Materialseilbahn der einzige Weg hinauf ins Gebirgstal. Der Aufstieg entlang felsiger Böschungen und steiler Abhänge dauert eine gute Viertelstunde. Holzpfosten, mit wuchtigen Eisennägeln im Boden befestigt, bilden die Stufen. Dazwischen schauen hie und da Steine und Wurzeln unter dem feinen Schotter hervor. Wanderer wie Einheimische quälen sich hier seit Jahrhunderten die 200 Höhenmeter durch den Wald hoch, um das Gebirgstal zu erreichen. Das soll sich nun endlich ändern. Ab dem Frühling wird eine zwei Kilometer lange Asphaltstraße die 32 Bewohner mit der Außenwelt verbinden.

Nur im Sarg dürfen die Bewohner die Seilbahn benutzen

»Du, Silvia, hier ist noch eine Kiste mit Salat«, meldet eine Männerstimme aus der krachenden Gegensprechanlage an der Bergstation. Silvia Huber drückt auf den Sprechknopf und antwortet: »Die gehört auch mir.« Zehn Minuten später fährt die notdürftig mit Planen zugedeckte Gondel mit Hubers Lebensmitteleinkäufen in der Bergstation ein: Sie hat neben Salat noch Haltbarmilch, Tomaten, Zitronen und Kaffee geladen.

Die Warterei auf die Materialseilbahn ersetzt im Kaisertal den Tratsch beim Dorfbrunnen. Während der ungarische Koch vom Berghotel Enzian mehrere Bierfässer auf seinen Anhänger hebt, reden Silvia Huber und die anderen Kaisertaler, die auf ihre Einkäufe warten, über den Wintereinbruch Anfang September. Dunkle Wolken verdecken das beeindruckende Bergpanorama zwischen den Gipfeln von Wildem Kaiser und Zahmem Kaiser.

»Oft geht’s hier auch zu wie auf einem Basar«, erzählt Silvia Huber. »Manchmal fehlt was, dann wird wieder etwas vertauscht.« Im Moment hat sie aber ganz andere Sorgen: Der erste Schnee des Jahres sorgte für einen Stromausfall in ihrer Schutzhütte, dem Hans-Berger-Haus. Es kann lange dauern, bis Handwerker über den Steig hinaufgeschickt werden, um die Leitung zu reparieren.