Dass die Bahn in Bingen für Krach sorgt, ist nicht das erste Mal. Als vor 150 Jahren Teile des Rupertsbergs dem Bau einer neuen Schienentrasse im Weg standen, sprengte man diese kurzerhand weg. Dass auf der Felsnase das Kloster der Mystikerin und bis heute bedeutendsten Tochter der Stadt, Hildegard von Bingen, stand, kümmerte Eisenbahner und Sprengmeister wenig.

Nun ist man in Bingen erneut nicht gut zu sprechen auf die Bahn, es fallen Worte wie »Erpressung« oder »Unverschämtheit«. Manche unterstellen dem Konzern, sein »erhebliches Drohpotenzial« einzusetzen.

Der Architekt Heinz Peter Albertsmeier würde derartige Begriffe nicht wählen. Nicht mehr – denn dass der Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft EGB Bingen am Rhein GmbH seinem Ärger öffentlich Luft machte, verübeln ihm einige. In der Sache jedoch bleibt Albertsmeier bei seiner Kritik: Der große Staatskonzern habe seine Position gegenüber der Kleinstadt mit 25000 Einwohnern missbraucht. Auslöser für den Streit ist eine rund 15 Hektar große Bahnbrache im Stadtteil Bingerbrück. Die EGB, eigens dazu gegründet, die im kommenden Jahr anstehende Landesgartenschau vorzubereiten, will dieses Areal bis zum kommenden Frühjahr in blühende Landschaften verwandeln. Weit mehr als die Hälfte der gesamten Gartenschaufläche würde sich dann auf ehemaligem Bahnterrain erstrecken.

Doch noch bevor sich die EGB mit den Bahn-Managern an einen Tisch setzte, musste sie einen Vertrag unterschreiben, der es in sich hatte. So verlangte der Bahn-Konzern eine Vergütung für jedes geführte Gespräch: 50,40 Euro netto je Mitarbeiter und Stunde würden in Rechnung gestellt, ließ die Bahn AG die verdutzte EGB-Führung wissen. Die ließ sich dennoch auf die Bedingung ein, denn »wir hatten ja keine andere Wahl. Ohne die Bahnbrachen wäre die Gartenschau nicht zu realisieren«, sagt Geschäftsführer Albertsmeier.

Dieser Abhängigkeit war und ist man sich in der Konzernzentrale wohl bewusst. So rückte die Bahn AG vor Ort in Mannschaftsstärke an. Mit rund 20 Mitarbeitern habe das Staatsunternehmen an den Gesprächen teilgenommen, berichtet Albertsmeier und ergänzt: »Dabei hat nur einer von denen was zu sagen gehabt.«

Sogar die An- und Abfahrt ließ man sich vergüten, ereifert sich Hasso Mansfeld, liberales Mitglied des Binger Stadtrats. Dass ein Unternehmen Vertragsverhandlungen in Rechnung stellt, sei an sich schon ein Unding; dass aber ein noch immer in Staatsbesitz befindlicher Betrieb eine kommunale Gesellschaft derart zur Kasse bittet, bezeichnet Mansfeld als »bodenlose Unverschämtheit«. Die Bahn AG hingegen verweist auf den »von beiden Seiten einvernehmlich abgeschlossenen« Vertrag. Im Übrigen seien »alle Verträge die Ergebnisse von Verhandlungen zwischen gleichberechtigten Vertragspartnern«. Über die Vertragsinhalte wolle man sich nicht im »gewünschten Detaillierungsgrad« äußern, so ein Konzernsprecher. Auch die Frage, ob es eigentlich üblich ist, kommunalen Gesellschaften Gespräche in Rechnung zu stellen, beantwortet er nicht und bemüht stattdessen Floskeln: »Die Deutsche Bahn arbeitet bundesweit vertrauensvoll mit zahlreichen Kommunen zusammen, das ist auch in Bingen der Fall.«