Tausende blättern heimlich darin, auf der Suche nach möglichen Wehwehchen. Der Hypochonder Harald Schmidt hält das Werk lustvoll in die Fernsehkamera, um Ekliges zu zelebrieren. Und der Berliner Chansonnier Pigor widmet dem Wälzer ein Lied. »Ist das Rippenfellentzündung oder Lungenfäule, oder kommt alles bloß von der Wirbelsäule?«, rätselt er darin und fährt fort: »Bevor man weiter wild rumspekuliert, ist es besser, dass man den Pschyrembel konsultiert.«

Ein erstaunlicher Publikumserfolg für ein klinisches Wörterbuch, das seit 113 Jahren in drögem Wissenschaftsstil Krankheiten, Diagnosen und Therapien referiert und auf sehr deutlichen Bildern dokumentiert. Doch gerade die reizen offenbar den Nichtmediziner. So singt Pigor: »Man blättert durch Seiten voller Fotos mit bösen Tumoren, gefährlichen Sporen und entzündeten Ohren.«

Nun erscheint das Standardwerk neu, es ist die 261. Auflage. 20.000 Stichwörter haben Simone Witzel und ihre fünf Kolleginnen in der Pschyrembel-Redaktion des deGruyter-Verlags aktualisiert, 2.000 Begriffe sind ganz neu. »Am meisten ändert sich in der Diagnose und Therapie, zum Beispiel wird ein Bandscheibenvorfall heute weniger invasiv behandelt«, erklärt Witzel. Auch alle Abbildungen wurden neu gezeichnet, 500 kamen hinzu. »Im Medizinstudium habe ich mich über die unübersichtlichen und ein bisschen hausbackenen Zeichnungen geärgert«, sagt die Redakteurin Tanja Paul. Jetzt hat sie ein Farbleitsystem und Ablaufschemata für Notfälle eingeführt – und die Figuren von ihren Achtziger-Jahre-Frisuren befreit. Auch die hässlichsten veralteten Fotos hat Paul eliminiert. Für die nächste Auflage will sie einen Großteil der Bilder erneuern.

Alle drei Jahre wird die Mediziner-Bibel ab jetzt generalüberholt, bisher erschienen neue Auflagen im Abstand von vier Jahren. Für den Inhaltscheck schicken die Redakteurinnen die Stichwörter nach Fachgebieten sortiert – 150 sind es – per Mail an die jeweiligen Autoren. Dann beginnt das Pschyrembel-Pingpong: Die 135 Medizinprofessoren und Oberärzte aktualisieren die Stichwörter, diskutieren und beharken sich zuweilen untereinander, die Kommentarfelder im Mailwechsel quellen über. Meist geht es ums Detail, manchmal wird es grundsätzlich. So monierte ein Mediziner, dass es jetzt oft »Graft« heiße statt »Transplantat«: »Es wird ja leider alles verenglischt, weil keiner mehr Latein kann.«

Die Redaktion gleicht ab und kürzt und packt die Essays der Professoren in die Standardstruktur des Pschyrembel: Ursache, Symptome, Diagnose, Therapie, Prognose. Das Ganze läuft längst digital; im Regal hinter Witzels Schreibtisch stapeln sich vor allem leere Aktenordner. »Früher hatten wir bergeweise Material am Arbeitsplatz, oft unleserliche Manuskripte in Riesenordnern«, erzählt die Redakteurin. Ein Content-Management-System verwaltet nun 100.000 Stichwörter und hütet die Struktur der 70.000 Verweise. Dafür gelten strenge Regeln, sagt Witzel: »Man muss mit zweimal Aufschlagen beim gesuchten Begriff ankommen.« Aberwitzige Ringverweise soll das Aufpasser-Programm verhindern.

Willibald Pschyrembel musste sich noch auf Gehirn und Karteikarten verlassen, um den Überblick zu behalten. Von 1931 bis 1982 schrieb der Berliner Arzt das Klinische Wörterbuch fast im Alleingang, sodass es schließlich nur noch »der Pschyrembel« hieß. Begonnen hatte die Geschichte der Ärztefibel aber schon 1894 mit einem schmalen Bändchen von Dr. med. Otto Dornblüth, dem Wörterbuch der klinischen Kunstausdrücke. Von der 19. Ausgabe an betreute dann der spätere Namensgeber das Nachschlagewerk, bis zur 254. Viele Jahre lang wurden alle Nachdrucke als Auflagen mitgerechnet, deshalb die enorme Auflagenzahl.