Seine letzten Worte sind überliefert: "Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein." So starb am 9. November 1848, jenem schicksalsträchtigen Datum deutscher Geschichte, im Wiener Vorort Brigittenau der populärste Politiker seiner Zeit, Robert Blum, durch die Kugeln des Hinrichtungskommandos. Das Vaterland hat ihm das Opfer nicht gedankt. Zwar blühte nach der entsetzlichen Mordtat für kurze Zeit ein regelrechter Kult um Blum. Er wurde als Märtyrer verehrt, ja zum Heiligen verklärt. Doch im deutschen Kaiserreich von 1871, der Bismarckschen Gegengründung zum Werk der Frankfurter Paulskirche, und erst recht im "Dritten Reich" von 1933, der monströsen Nachgeburt des Zweiten, war für die Erinnerung an die Freiheitskämpfer von 1848 kein Platz. Und auch in der Bundesrepublik ist man, die kurze Ära des Bundespräsidenten Gustav Heinemann Anfang der siebziger Jahre ausgenommen, mit den demokratischen Traditionen der eigenen Geschichte nicht gerade pfleglich umgegangen. So geriet Robert Blum, einer der wenigen herausragenden deutschen Demokraten, in Vergessenheit.

Nun aber ist, endlich!, die erste große Blum-Biografie erschienen. Geschrieben hat sie Ralf Zerback, ein junger Historiker aus der Frankfurter Schule Lothar Galls. Zerback ist den Lebensspuren Blums in über zwanzig Archiven nachgegangen, und er hat viele bislang unbekannte Zeugnisse entdeckt. Doch das ist nicht alles. Als Gall-Schüler weiß der Autor, dass man eine Biografie nur zum Leuchten bringen kann, indem man sie erzählt. Und wie er erzählen kann – scharf zupackend, pointenreich, mit einem Gefühl für das geschliffene Wort und einem Gespür für den dramatischen Moment. So ist dieses Buch, das der Leipziger Lehmstedt Verlag schön ausgestattet hat, nicht nur ungewöhnlich kenntnisreich, sondern auch wunderbar zu lesen – was man nicht von allen historischen Biografien dieses Herbstes sagen kann.

Vor 200 Jahren, am 10. November 1807, wurde Robert Blum in Köln geboren; der Vater war Fassbinder und starb früh, die Mutter heiratete erneut. Im Unterschied zu den meisten führenden Männern der Paulskirche wuchs Blum in ärmlichen Verhältnissen auf. An einen geregelten Schulbesuch war nicht zu denken. Der Gürtlerlehrling musste sich selbst bilden, und er tat es, indem er jede freie Minute für die Lektüre nutzte. "Er hatte ständig ein Buch zur Hand, las gern auch im Gehen, wobei er manchmal über die eigenen Beine fiel."

Die staunenswerte Karriere des Autodidakten wird geschildert vor dem Hintergrund der rasanten Umbrüche im Gefolge der Frühindustrialisierung, die alte berufliche Qualifikationen entwertete und neue prekäre Arbeitsverhältnisse schuf. Nach drei vergeblichen Versuchen, im Handwerk Fuß zu fassen, wird Blum Angestellter eines Fabrikanten, der sich auf den Vertrieb moderner Gaslaternen spezialisiert hat. Als die Firma Pleite macht, steht Blum wieder vor dem Nichts.

Erst zu Beginn der dreißiger Jahre bekommt er eine auskömmliche Stelle als Sekretär am Leipziger Stadttheater – eine Tätigkeit, die er bis zum Vorabend der Revolution von 1848 ausübt. Hier, in der Hauptstadt des deutschen Buchhandels, kann er seiner heimlichen Leidenschaft, dem Schreiben, nachgehen. Er verfasst in rastloser Nachtarbeit ein Historiendrama nach dem anderen; nur eines wird gedruckt, keines je aufgeführt. Erfolgreicher ist er mit Gelegenheitsgedichten, kleinen Feuilletons – und schließlich, seit er in der Politik seinen eigentlichen Beruf gefunden hat, auch als kritischer Journalist, der mit seiner glänzenden Feder das System der Metternichschen Restauration unaufhörlich attackiert, argwöhnisch belauert von den Spitzeln und Zensoren des Wiener und Dresdner Hofes.

Zerback zählt Blum zur "Generation Juli", also zu jenen Jahrgängen junger Deutscher, die in der Pariser Julirevolution von 1830 ihr politisches Aufbruchserlebnis fanden. "Juble auf, Europa! Jauchze unterdrückte Völkerschaar / Sieh, der Freiheit goldner Morgen brach heran im neuen Jahr", so reimt der begeisterte Zweiundzwanzigjährige. Frankreich war für Blum nicht der Erbfeind, sondern das Mutterland der Revolutionen, und so bleibt er immun gegen den aggressiven, antifranzösischen Chauvinismus, wie er sich in der "Rheinkrise" von 1840 wieder mächtig regt. "Dieser Spectakel macht unserem Geschmack und unserem Tacte gleich wenig Ehre", spottete er über das Lied des Nikolaus Becker "Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein." Auch Blum will ein geeintes Deutschland, aber eines in Freiheit. Ein deutscher Nationalstaat ist für ihn nur als Republik vorstellbar, und schon früh übt er Kritik an den Halbheiten der Liberalen, "die nichts thun wollen und nichts thun können, aber erstaunlich viel schwatzen".