Aber es ärgert sie, wenn ihre Einschätzungen für tendenziöse Schlagzeilen benutzt werden. Einer Journalistin hatte sie gesagt, dass Studien gezeigt hätten, dass der Einfluss der Eltern der dominierende bleibe, auch wenn das Kind von fremden Personen betreut würde. "Elterliche Erziehung ist besser als die Tagesstätte", las sie später in der Zeitung. "Das habe ich nie gesagt, weil schlechte Eltern ziemlich schlimm für das Kind sein können." Die Familie, so sagt sie, sei nicht der idealisierte Raum, als der sie oft hingestellt werde. "Familie kann völlig fehlschlagen in der Bedürfnisbefriedigung der Kinder. Wir sind dann darauf angewiesen, dass öffentliche Betreuung diese Probleme auffängt." Das ist ein Thema, das sie so aufregt, dass sie sich auch zu politischen Stellungnahmen hinreißen lässt. Ahnert ist gegen ein Betreuungsgeld für Eltern, weil es "überhaupt nicht klar ist, ob das dem Kind zugute kommt. Und sollte man Eltern bezahlen, nur weil sie Eltern sind?"

Aber nicht immer diskutieren Gesellschaft und Politik gerade die Themen, die die Bindungsforscherin mit ihren Studien vorantreiben möchte. Lieselotte Ahnert ist sich sicher, dass ihre neueste Forschung zeigen wird, dass eine gute Beziehung zum Lehrer die Leistungen und Fähigkeiten der Kinder steigert. Bei einem solchen Ergebnis müssten sich die Schulen schon Gedanken machen, was das für sie bedeutet, sagt sie. "Wie groß darf eine Klasse sein, damit die Beziehungsgestaltung zwischen Lehrer und Schüler überhaupt noch Sinn hat? Braucht man vielleicht Zweitlehrer?" Solche Schlussfolgerungen in die Praxis zu tragen, mit ihren Forschungsergebnissen nicht nur relevante Themen zu treffen, sondern auch öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen – das alles gehört zur Kunst einer Wissenschaftlerin, der es darauf ankommt, über die reinen Expertenkreise hinaus gehört zu werden.

"Ich lass euch dann mal allein", sagt sie zu ihren Studentinnen, die sich inzwischen derart in ihre Projektsitzung vertieft haben, dass die Professorin seit einer Weile nur noch beobachtend am Tisch sitzt. Sie duzt ihre Studenten, und die nennen sie Lilo. Das ist der Name, mit dem sie an vielen Orten der Welt ihre Spuren hinterlassen hat. Sie gibt sich keine Mühe, die Freude zu verbergen, die in ihr aufsteigt, wenn sie daran denkt, wie groß der Jubel jedes Mal ist, wenn sie in Amerika auftaucht, wie herzlich die Kollegen sie aufnehmen. Lieselotte Ahnert ist eine zierliche Person, aber hinter Bescheidenheit versteckt sie sich nicht. Sie hat es als Ostmädchen aus Gräfenroda in Thüringen in die Riege international bekannter Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher geschafft, und den Stolz darüber will sie auf keinen Fall verheimlichen.

Den Erfolg hat sie ihrer Zähigkeit zu verdanken, ihrem Glauben an die Relevanz dessen, was sie tut. Von Anfang an hat sie die Bindungstheorie nicht allein auf die Mutter-Kind-Beziehung beschränkt, sondern danach gefragt, wie sich Kinder zu fremden Personen verhalten und was diese Beziehungen wiederum für die Bindung zur Mutter bedeuten. Das macht einen beachtlichen Teil ihrer internationalen Anerkennung aus.

Andererseits wäre sie mit einem rein auf Mutter und Kind bezogenen Bindungsmodell nicht besonders weit gekommen – damals in der DDR der achtziger Jahre, als man sie beauftragte, die Ursachen für die häufige Infektanfälligkeit der ostdeutschen Krippenkinder zu finden. Ahnert beobachtete die Kinder zu Hause, in den Tagen, bevor sie in die Krippe kamen, und erlebte sie quietschvergnügt und gesund. Wenige Wochen nach Beginn der Fremdbetreuung aber wurden die gleichen Kinder wieder und wieder krank. Als Ahnert am Ende psychosomatische Gründe für die häufigen Erkrankungen verantwortlich machte, gehörte nicht wenig Mut dazu, diese Ergebnisse auch öffentlich zu verkünden. Die Kinder wurden nicht wegen ungenügender Hygiene in den Einrichtungen krank, sondern weil sie sich nicht wohlfühlten, keine sicheren Bindungen zu den fremden Betreuern aufbauen konnten, so das Fazit der Psychologin.

Kleinkindforscher rissen sich um die Daten aus den Ostkrippen

Immerhin dachte man daraufhin in der DDR erstmals über Eingewöhnungsprogramme für Krippenkinder nach. Dem Reformeifer aber kam der Fall der Mauer zuvor.

Durch die Wende sah sich Lieselotte Ahnert mit ihrem Forschungsfeld plötzlich im Niemandsland. Die Betreuung von unter Dreijährigen galt in Westdeutschland als Angelegenheit von Rabenmüttern und hatte keinerlei wissenschaftliche Relevanz. Trotzdem rissen ihr die westdeutschen Kleinkindforscher die Datensammlungen aus den Ostkrippen voller Neugier aus der Hand. Als das Interesse aber nachließ, das Geld für ihr neu gegründetes Forschungsinstitut in Berlin immer mühsamer zu bekommen war, folgte sie dem Ruf der renommierten National Institutes of Health in Washington.

Sie nahm ihre Tochter mit in die USA. Mann und Sohn blieben in Berlin. Als sie leise und zum ersten Mal an diesem Nachmittag unsicher erzählt, dass ihre Tochter mit 16 Jahren starb, hört sich das Wort Bindung gar nicht mehr wissenschaftlich an. "Wir hatten so eine enge Beziehung", sagt sie. Erzählt dann aber schnell von ihrem Sohn, der seine Mutter jeden Tag anruft, egal, wo die gerade steckt.

Die Familie hat sich daran gewöhnt, dass Lieselotte Ahnert auf dem Sprung ist – nach Köln, nach Berlin, nach Amerika. Gerade geht die Professorin für ein Forschungssemester nach Cambridge. "Die nehmen dort auch nicht jeden. Richtig bewerben musste ich mich dafür", erzählt sie und freut sich wie eine junge Erasmus-Studentin. Ein paar Spuren möchte sie in dieser Welt schon noch hinterlassen.