Letizia sitzt im Wind des Deckenventilators, in der Hand eine erloschene Zigarette, und sagt: Damals war ich glücklicher. 1989 glaubten wir, dass wir die Dinge verändern könnten, in der Liebe, in der Gesellschaft. Wir haben unseren Kampf verloren. Auf allen Ebenen.

Letizia Battaglia ist Siziliens legendäre Anti-Mafia-Fotografin, ein Cartier-Bresson Siziliens, könnte man sagen – wenn sie nicht beleidigt wäre, wenn man sie mit anderen vergliche. Sie war stets mehr als Fotografin: Dramaturgin, Stadträtin, Verlegerin, Abgeordnete der Anti-Mafia-Partei La Rete. Ihr Nachname Battaglia bedeutet Kampf – das Programm ihres Lebens.

Von unten faucht Palermos Verkehr hoch, Letizia wohnt im achten Stock eines Siebziger-Jahre-Neubaus, von ihrer Terrasse kann sie das Meer sehen. Und das Gefängnis Ucciardone. Sie selbst fühle sich wie eine Gefangene in Palermo, sagt sie. Es sei absurd, in Deutschland zeichne man sie für ihre Mafia-Fotos mit dem Erich-Salomon-Preis aus, und in Sizilien werde sie totgeschwiegen. »Als sei ich schuldig an dem, was ich gesehen habe.«

Ihr Leben lang hat sich Letizia nichts schöngeredet und sieht nicht ein, warum sie mit 72 Jahren damit anfangen sollte. Es gibt in Sizilien kein Anti-Mafia-Bewusstsein mehr, sagt sie und schiebt ihren Hund beiseite, der sie zu küssen versucht. Geblieben ist nichts, sagt sie. All die Anti-Mafia-Treffen, Symposien und Gedenkfeiern für die Opfer seien nichts als ein Schaulaufen, dem sie sich schon lange verweigere. Mit rauer Stimme spricht sie jene Wahrheit aus, die in Italien niemand hören will: Hier herrscht die Barbarei! Die Illegalität steckt in den Köpfen! Keine Sekunde lang denkt sie daran, sich zu belügen, mit der ewigen »Hier gibt es keine Arbeit und deshalb gibt es die Mafia«-Heuchelei, mit der romantischen Idee von der heilenden Kraft der Kultur, als könne die Mafia beseitigt werden wie eine Rechtschreibschwäche.

Als wir uns zum ersten Mal begegneten, war Letizia bereits Legende, eine kettenrauchende Legende. Wir fuhren in ihrem Stadträtinnen-Dienstwagen die Uferpromenade entlang, und Letizia Battaglia zündete sich eine ihrer MS-Zigaretten an, die im Fahrtwind sofort wieder erlosch, was Letizia hochmütig zu ignorieren versuchte, weil sie gerade mit dem Fahrer über den kürzesten Weg vom Hafen zum Park La Favorita diskutierte, mir die Bedeutung der frisch mit Palmen bepflanzten Uferpromenade für Palermos Wiedergeburt erklärte und Amore mio! ins Autotelefon rief, wobei unklar war, ob sie damit ihren Lebensgefährten, einen der von ihr befehligten Stadtgärtner oder einen Anti-Mafia-Mitstreiter meinte.

Es war Frühling in Palermo, nicht irgendein Frühling, sondern der Frühling von Palermo 1989. Es war ein Moment der Hoffnung, endlich bewegte sich die Welt, im Osten bröckelte der Beton, und auch in Sizilien schien das Fundament zu wanken, auf dem die Mafia mehr als ein Jahrhundert lang ihre Herrschaft aufgebaut hatte. Letizia war eine Protagonistin dieses Frühlings: Keine sizilianische Madonna, sondern eine atemlose Umstürzlerin, eine Fotografin im Dienst der Revolution, ihrer Revolution. Eine Rebellin, die sich mit 36 neu erfunden hatte, die mit einem 18 Jahre jüngeren Fotografen zusammenlebte und -arbeitete, Mitstreiterin von Leoluca Orlando, dem ersten Anti-Mafia-Bürgermeister Palermos.

Er hatte sie zur Stadträtin für Lebensqualität berufen, und Letizia hatte sich mit der gleichen Leidenschaft in die Politik geworfen wie zuvor auf die Fotografie. Sie stellte Bänke in der Stadt auf, richtete Fußgängerzonen ein und befreite die Uferpromenade von den Zäunen, Verschlägen und dem Müll, hinter denen das Meer versteckt gehalten wurde, als würde man sich seiner schämen. Heute sind Letizias Palmen vielleicht die einzige Erinnerung an jenen Frühling, von dem im Jahr 1989 viele glaubten, dass er nie zu Ende gehen würde. Ihre Fotos will in Palermo heute niemand mehr sehen.