Eines Abends ist er ihr, sie ging schnell, auf den Straßen von Lausanne nachgerannt. Er hatte die junge Engländerin kurz zuvor flüchtig kennengelernt, sie erschien ihm so souverän, so witty, so schön, dass er augenblicks sicher gewesen war, bei ihr habe er keine Chancen. Später erfuhr er, man hatte sie gewarnt, er sei Jude, aus Österreich, uninteressant. Ob sie tanzen gehen wolle, hat er sie dann an jenem Abend auf der verschneiten Straße gefragt, und sie hat geantwortet: " Why not ?" So sind sie tanzen gegangen. Seither, das ist fast sechzig Jahre her, es war der 23. Oktober im Jahr 1947, sind sie ein Paar. Lieben einander, sind verheiratet seit 58 Jahren. Er hatte die Ehe für ein bürgerliches Instrument gehalten, das die Liebe unter soziale Kontrolle bringt, sie aber hatte gesagt, sie wolle den Pakt fürs Leben oder die Trennung. Damit war die Sache entschieden.

Man wüsste von den Anfängen und Fortsetzungen dieser Liebe aus dem Herbst 1947 nichts, und sie gingen die Öffentlichkeit wohl auch nichts an, hätte der heute 84-jährige Philosoph André Gorz – der Mitarbeiter Sartres, der Theoretiker der postindustriellen Arbeitsgesellschaft, der intellektuelle Wegbereiter der ökologischen Politik, der Verfasser des Verräters , jenes Meisterstücks der selbstanalytischen Autobiografie – nicht ein erstaunliches kleines Buch über diese Liebe seines Lebens geschrieben. Genauer, einen privaten Brief an seine Frau, den Brief an D., den nun jeder lesen kann .

Mehr als jenes Initial D. gibt Gorz von dem Namen der Gefährtin nicht preis, als ließe sie, deren private Geschichte das Buch nun aufblättert, sich so schützen. Dabei bleibt es mit seiner diskreten Kunst der Verknappung ohnehin auf eine seltene Weise verschwiegen. Den Brief sollten nur ein paar Weggefährten lesen, aber die haben den Philosophen bewogen, ihn als Buch zu veröffentlichen, und seine Frau hat die Entscheidung, obwohl sie ihr unangenehm war und auch blieb, respektiert. Einen Schriftsteller zu lieben, hat sie wiederholt gesagt, heißt zu lieben, dass er schreibt. In Frankreich hat sich das schmale Büchlein blitzschnell so vielfach verkauft, wie die philosophischen Hauptwerke von André Gorz in all den Jahren zuvor nicht. Der deutschen Fassung, die nun zu haben ist, wird es kaum anders gehen.

Denn dieses Buch erzählt auf seinen wenigen Seiten von dem vielleicht begehrtesten aller Güter nicht nur in westlichen Biografien: von der Liebe, die dauerhaft ist. Dem Pakt fürs Leben, der aus Liebe geschlossen wird, von der Ehe also, die die Liebe nicht austreibt, sondern gedeihen lässt. Das soll es geben. Auch wenn die dauerhafte Liebe den allermeisten längst als ein Widerspruch in sich selbst gilt. Wer Körper und Seele, Begehren und Sicherheit, Freiheit und Bindung, Augenblick und Ewigkeit vereint wissen will, setzt sich selbst diesem Widerspruch aus, solange es halt geht. Aber es geht oft nicht lange. Auch das Bürgerliche Gesetzbuch kommt nicht umhin, den Widerspruch zwischen bürgerlichem Reglement und individueller Passion anzuerkennen, wenn es das Scheitern einer Lebensgemeinschaft realistischerweise gleich mit in seine Paragrafen gießt. Ein Feld für Mehrfachliebende, Unerschütterliche und Zyniker.

Dieses erstaunliche kleine Buch aber, dem es nicht um die bürgerliche Ehe, sondern um den Einzelfall einer Liebe geht, beginnt so: "Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden. Du wiegst nur fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert… Ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen mag." Diese ersten Sätze wird der Brief an D. auf seiner letzten Seite wieder aufnehmen und den Wunsch aussprechen, dass keiner vor dem anderen sterben, dass keiner am Grab des anderen stehen müsse.

Es ist der Wunsch, den einst, wie Ovid in seinen Metamorphosen erzählt, im mythischen Phrygien die Götter dem alten Paar Philemon und Baucis zum Dank für seine Gastfreundschaft erfüllten. Die beiden Liebenden durften gleichzeitig sterben und, in Bäume verwandelt, fortan doch beieinander bleiben. Von diesem Urpaar der lebenslangen Liebe ist im Brief an D. keine Rede. Gorz bezieht seine individuelle Geschichte mit fast keinem Wort auf die großen Liebenden aus Mythos, Literatur und Geschichte, als gelte es, jede Verwechslung von Topoi und Klischees mit der eigenen Geschichte zu meiden. Wo es um Treue geht, lauert der Kitsch überall.