Der Hass ist zurückgekehrt. In Polen hetzt der katholische Sender Maria gegen Homosexuelle und Juden. Vier Millionen Menschen in dem nationalkonservativ regierten Land hören täglich die Tiraden – etwa gegen die »jüdische Lobby«, die den polnischen Staat fest im Griff habe. In Budapest marschieren derweil die Männer der »Ungarischen Garde« in schwarzen Uniformen durch die Straßen. Die paramilitärische Vereinigung, die sich vor wenigen Wochen in der Tradition der faschistischen Pfeilkreuzler gegründet hat, will alles »Nichtungarische« bekämpfen und die sozialliberale Regierung stürzen. In fast allen mittel- und osteuropäischen Ländern, die seit dem Untergang der kommunistischen Regime im neuen Europa um ihre Selbstbestimmung und Identität ringen, erfährt antisemitisches, faschistisches und nationalistisches Gedankengut eine heftige Konjunktur.

Auch in der fünfeinhalb Millionen Einwohner zählenden Slowakei, seit 1992/93 von Tschechien getrennt und seit 2004 Mitglied der EU, lebt der alte Ungeist mächtig wieder auf. So wollen Nationalisten und einige katholische Bischöfe hier den vor 60 Jahren hingerichteten Priester Jozef Tiso, Staatspräsident der Slowakei von 1939 bis 1945, zu einem Nationalhelden machen. Erzbischof Ján Sokol, Oberhaupt der Diözese Trnava und Bratislava, sagte im Dezember 2006 im Nachrichtensender TA 3: »Ich schätze Tiso sehr, weil ich mich erinnere, wie arm wir waren, als ich noch ein Kind war. Als er kam, ging es uns besser.« Verklärende Worte des Dankes. Unterschlagen wird dabei nur, dass just dieser Tiso die politische und moralische Verantwortung für die Deportation und Ermordung von fast 60.000 Juden trägt.

Das Schicksal der Juden sei Gottes Wille

Jozef Tisos politischer Aufstieg in die höchsten Staatsämter begann mit dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938, in dem Hitler, Mussolini, Daladier und Chamberlain die Annexion des Sudetenlandes durch Nazideutschland beschlossen. Die demokratische Tschechoslowakei verlor ein Fünftel ihres Territoriums. In den Nachverhandlungen wurden Ende 1938 noch Teile der Süd- und Ostslowakei dem ungarischen Staat zugeschlagen.

Der stärksten slowakischen Partei, der nationalistischen Hlinka-Volkspartei, erschien die Zeit reif, die Autonomie ihres Landes im geschwächten tschechoslowakischen Verbund durchzusetzen. Die Partei bekämpfte die zentralistische Prager Regierung und sah in Tschechen und Ungarn, vor allem aber in den Juden die Feinde des slowakischen Volkes (das in seiner Mehrzahl katholisch war und heute noch ist).Nach dem Tod des langjährigen Parteivorsitzenden, des katholischen Priesters Andrej Hlinka, trat just in jenem Jahr 1938 ein weiterer Theologe die Nachfolge an, der sich als wortgewaltiger Fürsprecher slowakischer Autonomie präsentierte: Jozef Tiso.

Tiso, 1887 in Veľká Bytča als Kind frommer Eltern geboren – der Vater hatte eine Metzgerei –, war nach einem Theologiestudium in Wien 1910 zum Priester geweiht worden. Ein Jahr später promovierte er, lehrte an Schulen und wurde schließlich Professor für Moraltheologie am Priesterseminar in Nitra. Er hatte eine große Kirchenlaufbahn vor sich, aber er entschied sich, seit 1919 Mitglied der Volkspartei, für die Politik.

Hier dauerte es mit der Karriere etwas länger. Doch in seinem 51. Lebensjahr war er am Ziel. Als die Slowakei – noch innerhalb der Tschechoslowakei – am 6. Oktober 1938 ihre politische Autonomie erlangte, wurde Jozef Tiso ihr Ministerpräsident. Bereits im November 1938 und 1939 kam es in Bratislava (Pressburg) und anderen Städten zu antisemitischen Übergriffen der Hlinka-Garde, einer nach dem Vorbild von SA und SS aufgebauten paramilitärischen Organisation der Volkspartei. Ohne Druck aus Deutschland verabschiedete die autonome Regierung unter Tiso erste antisemitische Gesetze.