Die FAZ verliert ihr Gesicht. Wenn nicht alle Nachrichten trügen, wird die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Oktober an ein buntes Foto auf der Titelseite tragen. Wenn kein Wunder geschieht, wird die Zeitung, deren Ehre 58 Jahre lang darin bestand, nur mit Buchstaben ihren Aufschlag zu gestalten, das stolze Haupt unter den Zeitgeist beugen und sich nach allgemeiner Bildermode schminken. Wenn niemand in letzter Minute ein Einsehen hat, wird die charakterstärkste der deutschen Tageszeitungen sich dem Druck der Normalisierung fügen und sogar auf die Frakturüberschriften ihrer Kommentare verzichten.

Man muss ihren manchmal verbockten Charakter nicht durchweg bewundert haben, um Schmerz über eine Demütigung zu empfinden, die ihr der Markt oder das, was für den Markt gehalten wird, zugefügt hat. Die Auflage der FAZ sinkt seit Jahren. Die Süddeutsche Zeitung, mit der sie sich lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert hat, ist ihr weit davongeeilt.

Es ist einsam geworden um die FAZ, und diese Einsamkeit wird ihr nun wohl, da der Erfolg schwand, als Makel erschienen sein. Es gibt keine Zeitung mehr, die ihr gleicht, nachdem selbst die Neue Zürcher Zeitung die bilderlose Aufmachung der Titelseite aufgegeben hat.

Die Einsamkeit, die ihr Stolz hätte sein können, hat ihr nahegelegt, zurück ins Glied der normalen Tagespresse zu treten. Jetzt wird sie zeigen müssen, ob sie dort, wo jeder die Uniform der Bilder trägt, noch auffallen und glänzen kann. Denn natürlich war es auch so, dass die FAZ, bevor sie überhaupt gelesen wurde und ihre Intelligenz überprüft werden konnte, allein schon durch Fraktur und Bilderlosigkeit eine Exklusivität vortrug, die dem Abonnenten schmeichelte. Wer das Blatt hielt, gab zu erkennen, dass man ihm nicht mit Spektakel zu kommen brauchte, um sein Interesse zu wecken.

Hinter dem Verzicht auf Titelbilder steckte nämlich auch die Einsicht, dass die üblichen Nachrichtenfotos keinen Informationswert haben, der nicht in einem Text besser vermittelt werden kann. Wenn die FAZ, selten genug, doch ein Foto brachte, war es ein Epochenbild wie das vom Fall der Mauer. Es gab in der Zeitung ein hohes medienskeptisches Bewusstsein, das ihr auch lange nahelegte, auf Interviews zu verzichten, weil deren Inhalt sich ebenso gut auf einem Bruchteil des Platzes referieren lässt. Sollte der resignatorische Befund zutreffen, dass mit solchen Einsichten heute kein Blatt mehr zu machen ist, hieße das nichts anderes, als dass die Intelligenz der Mediennutzung allgemein abnimmt und insbesondere das bürgerlich-kritische Leserbiotop schwindet. Die Normalisierung, von der die neue Titelseite der FAZ kündet, ist eine Normalisierung nach unten. Die FAZ, wie der Spiegel höhnisch feixte, "rückt in die Mitte". Hoffen wir, dass diese Mitte nicht der Ausguss im Spülbecken ist, in dem alles verschwindet.