DIE ZEIT: Am 16. Oktober wird acatech zur »Deutschen Akademie der Technikwissenschaften«. Noch heißt sie »Konvent für Technikwissenschaften der Union der deutschen Akademien der Wissenschaft«. Ändert sich mehr als das Etikett?

Joachim Milberg: Sicher. Mit dem Namen ändert sich der Status, wir werden von Bund und Ländern anerkannt und eigenständig. Unser Selbstverständnis aber bleibt unverändert. Wir wollen eine starke Vertretung für die Technikwissenschaften sein und für nachhaltiges Wachstum durch Innovation sorgen, das ist der Leitgedanke.

Reinhard Hüttl: Als Akademie werden wir national wie international anders wahrgenommen. Mit diesem Status und der Unterstützung vieler Unternehmen haben wir eine Bewährungsprobe bestanden. Nun hat Deutschland erstmals eine Akademie mit nationalem Anspruch.

ZEIT: Passt dazu die enge Kooperation mit der Wirtschaft? Ist so die Sehnsucht nach einer unabhängigen Stimme der Wissenschaft erfüllbar?

Milberg: Neben der Förderung aus der Wirtschaft kommt ja nun die institutionelle Förderung aus Bund und Ländern hinzu. Das unterstreicht unsere Unabhängigkeit. Ich sehe das auch aus persönlicher Erfahrung positiv. Mein Leben hat sich immer um Innovation gedreht, egal, ob ich im Maschinenbau tätig war, an der Hochschule oder im Fahrzeugbau. Innovation ist immer Idee und Umsetzung und beruht stets auf der Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft. Nur wenn beides zusammenpasst, werden wir Erfolg haben. Diese Erkenntnis haben wir der Organisation der Akademie zugrunde gelegt.

ZEIT: Eine wichtige Bewährungsprobe steht Ihnen noch bevor: Deutschland steckt mitten in einer Technologiedebatte über Kernkraft, Kohle und Klima. Es gibt viele Diskussionskreise, Beratungsgremien, Lobbygruppen, Gutachter. Kann die Akademie hier die Rolle einer objektiven, unabhängigen Stimme einnehmen?

Milberg: Ich sehe ein Spannungsdreieck: Hier das Klima, die Ressourcen, die Umwelt. Dort die Bedürfnisse der Menschen, etwa einen Arbeitsplatz zu haben. Und schließlich die Weiterentwicklung unserer Volkswirtschaft sowie unserer Gesellschaft. Diese Spannungen lassen sich nur durch eines ausbalancieren: nachhaltiges Wachstum durch Innovation. Nur so werden die Interessen vereinbar. Die Technikwissenschaften spielen hier eine gewichtige Rolle, denn die Grenzen des Wachstums sind technologisch bestimmt. Der Präsident: Joachim Milberg war Professor an der Technischen Universität München und Chef der BMW AG© Sean Gallup/Getty Images BILD

ZEIT: Aber bei uns gilt die Klimaproblematik nicht als Wachstumschance, sondern als Grund zum Verzichten.

Milberg: Das hat sehr viel mit der Stimmung in unserer Gesellschaft zu tun. Sie ist eher von Ängsten und Vorbehalten geprägt, statt in jeder Herausforderung zuerst einmal die Chancen zu sehen. Wenn es uns nicht gelingt, den Menschen einen positiven Weg aufzuzeigen, sie mitzureißen, haben wir ein großes Problem.

Hüttl: Die große Chance der Akademie liegt darin, dass wir nicht nur eine Vereinigung von Ingenieuren und anwendungsorientierten Naturwissenschaftlern sind. Wir haben Philosophen, Ökonomen, Soziologen, Historiker und Technikfolgenforscher in unseren Reihen. Wir wollen auch die Folgen unseres Tuns reflektieren.

ZEIT: Was ist da neu an Ihrem Ansatz?

Hüttl: Nehmen Sie etwa die Klimadebatte im Rahmen der High-Tech-Strategie des Bundesforschungsministeriums. Sie ist geprägt von drei Aspekten: Rohstoffknappheit, notwendiger höherer Effizienz im Umgang mit knappen Ressourcen und dem Klimawandel.

ZEIT: Steht der Klimawandel ganz am Schluss? Der Vizepräsident: Reinhard Hüttl ist Leiter des Geoforschungszentrums Potsdam und Kommissionsvorsitzender im Wissenschaftsrat© GFZ Potsdam, L.Hannemann BILD

Hüttl: Selbstverständlich sehen auch wir bei acatech die Erderwärmung als gravierendes Problem an. Die Treibhausgase spielen dabei eine wichtige Rolle – welche genau, das wird wissenschaftlich noch diskutiert. Allerdings: Wenn der Mensch an einer Schraube im Klimageschehen drehen kann, dann tatsächlich nur an der CO₂-Redukion. Wir müssen uns jedoch darüber im Klaren sein, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen können. Es geht deshalb neben der notwendigen Reduktion der Treibhausgase auch um Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels. Denn wegen der Trägheit des Klimas würden auch bei größtmöglicher Treibhausgasreduktion die erwünschten Effekte erst in 50 bis 100 Jahren eintreten.

ZEIT: Diese Unklarheit passt nicht so recht ins eindeutige Bild, das Forscher und Politiker öffentlich zeichnen. Eine Diskussion über die Unschärfen der Klimadebatte findet nicht statt.

Hüttl: Sie findet nicht in der Öffentlichkeit statt, in der Wissenschaft aber sehr wohl.