Es tut mir als einem loyalen Bürger Amerikas weh, vom Ausland aus meine Regierung derart kritisch behandeln zu müssen, wie ich es im Folgenden tue. Und ich stelle mit allem Nachdruck fest: Es sind der Präsident und seine Berater in Washington, die an ihren Schreibtischen sitzen und junge Männer und Frauen in den Krieg schicken – ihnen gilt meine Kritik, nicht aber Amerikas Soldaten. Die Misshandlungen in Abu Ghraib, deren Bilder wir alle gesehen haben, waren keine Ausnahmeerscheinung, sondern die traurige Realität des Krieges. Die meisten von uns wissen, dass Krieg grausam ist – sehr grausam – und dass er nur als letzter Ausweg in Betracht kommen darf. Doch was mein Präsident weiß, da bin ich mir nicht so sicher.

Jetzt erwartet die Welt Amerikas nächsten Zug. Wird Präsident Bush Iran bombardieren? Wird er den Wahnsinn auf den gesamten Nahen und Mittleren Osten ausweiten? Begreift Amerika, dass seine Politik den Glaubenskrieg, den Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten im Irak auf dramatische Weise und womöglich irreversibel ausweiten wird? Ist uns klar, dass Ajatollah Sistani, der bisher als eine Stimme der Vernunft unter den irakischen Schiiten gewirkt hat, mit wenigen Worten, mit einer Fatwa den Heiligen Krieg gegen die Amerikaner im Irak ausrufen könnte, mit unvorstellbaren Folgen? Wie würde Bush reagieren, käme es zu einem totalen Krieg gegen Tausende amerikanischer Soldaten und Zivilisten? Gibt es irgendwas oder irgendwen – irgendeinen Außenminister oder ausländischen Staatsmann –, der meinen Präsidenten überzeugen kann, dass er mit den Syrern, den Iranern, Hisbollah und der Hamas-Führung ins Gespräch kommen muss? Oder sollen wir einfach aufgeben – uns von dieser unlösbar scheinenden Krise abwenden und Ferienwohnungen im Südpazifik kaufen?

Natürlich brauche ich niemanden darüber aufzuklären, wie übel es in der Welt aussieht und für wie viele dieser Übel die amerikanische Führung mitverantwortlich ist. Ich bin ein Journalist, dessen Arbeit in den vergangenen vier Jahrzehnten wiederholt Auswirkungen auf die Außenpolitik seines Landes gehabt hat. Jetzt schreibe ich manchmal provozierende Zeitschriftenartikel, und meine Arbeit findet starke Beachtung. Doch nie zuvor hatte ich weniger Einfluss auf die Führung meines Landes. George Bush und Dick Cheney, der Vizepräsident, sind schlichtweg immun gegen das, was ich und viele ausgezeichnete Kollegen weltweit schreiben. Zwischen der Führung Amerikas und der Presse, dem Volk und den Völkern der Welt ist die Kommunikation auf präzedenzlose, folgenschwere Weise gestört.

Ich mag ein Aufwiegler sein oder als solcher gesehen werden, aber mein gesamtes Berufsleben hindurch habe ich Informationen stets im Gespräch mit den führenden Regierungsvertretern abgleichen können, ob im Weißen Haus, im Außenministerium oder in der CIA. Wenn ich sicherstelle, dass die Führung weiß, was ich zu schreiben gedenke, geht es mir natürlich auch, aber nicht nur, um Verifikationszwecke. Es geht zugleich um die Garantie, dass nichts, was ich veröffentliche, meine Mitbürger beim Militär oder den Nachrichtendiensten gefährden könnte. Als ich für die New York Times arbeitete, wurde in einigen Fällen die Veröffentlichung eines Artikels aufgeschoben, damit die Führung des Landes ihre Leute vor Schaden bewahren konnte.

Im Laufe der Jahre bin ich mit vielen Spitzenbeamten der amerikanischen Geheimdienste zusammengetroffen. Manchmal waren diese Begegnungen unterkühlt, manchmal in der Tonlage sogar offen feindselig, aber allein die Tatsache, dass sie zustande kamen, ehrt unsere Verfassung und ihren ersten Zusatz, der mir als Journalist das Recht garantiert, jede Information zu veröffentlichen, die ich erlange – sei sie nun streng geheim oder nicht. Doch in der Bush-Regierung gibt es nichts dergleichen. Der Präsident hat seine Linie nach dem 11. September 2001 klar markiert: Wer nicht »mit uns« ist, ist »gegen uns«. Ich gehöre nicht zum Team, also habe ich keinerlei Zugang mehr. Für das Weiße Haus existiere ich ganz einfach nicht mehr. Nach wie vor tue ich mein Bestes, um jede Information vor der Veröffentlichung nachzuprüfen und sicherzustellen, dass nichts, was ich schreibe, Mitbürger oder Verbündete unnötig in Gefahr bringt. Doch heute tue ich das, indem ich Vorabkopien von möglicherweise brisantem Material, das ich an die Öffentlichkeit bringen möchte, in die Hausbriefkästen oder Eingangsflure jener Handvoll Spitzenbeamter werfe, die noch mit mir reden. Diejenigen Beamten, die mir wohlgesinnt sind, rufe ich nicht tagsüber im Büro an – das wäre ein Todeskuss oder -biss. Ein großer Teil meiner Arbeit spielt sich außerhalb der regulären Bürostunden ab, bei den Leuten zu Hause oder in entlegenen Städten. Auf neutralem Boden sozusagen.

Journalist zu sein ist ein ständiger Lernprozess. So ein Treffen außerhalb Washingtons findet gewöhnlich in einem noblen Hotel statt, wo man am Wochenende spät aufsteht. Dort treffe ich dann beispielsweise eine Amtsperson, oft sonntags morgens, zu einem ungewöhnlich zeitigen Frühstück. Einmal, als wir uns gegen sechs Uhr früh in den Frühstücksraum des Hotels gesetzt hatten, blieben mein Gesprächspartner und ich fast zwei Stunden lang unter uns. Irgendwann, so gegen acht Uhr, tauchte ein Paar mit zwei kleinen Kindern auf und nahm an einem der Nebentische Platz. Mein Gegenüber, der sich ein Berufsleben lang mit Geheimdienstproblemen befasst hat, nickte mir zu und flüsterte: »Gehen wir.« Ich wollte ihn aufhalten, aber er erhob sich einfach und ging, sodass ich ihm folgte. Als wir draußen waren, erklärte er sein Verhalten. Im Einsatz, erläuterte er, wenn er als Agent ein Zielobjekt beobachte, nehme er manchmal Frau und Kinder in ein Restaurant mit, um dann möglichst dicht an den ahnungslosen Ausländer heranzurücken und einfach zu lauschen. Natürlich war das Paar völlig harmlos, aber alte Gewohnheiten wird man nun mal nicht so leicht los.

Was er mir damit sagen wollte, war hauptsächlich: »Wozu ein Risiko eingehen?« Was für eine Art zu leben! Und wie traurig muss es für diesen Geheimdienstprofi sein, von der Politik seines Präsidenten derart abgekoppelt zu sein wie heute.

Ich weiß nicht, warum es in Amerika gegenwärtig so wenig offenen Widerspruch gegen Morallosigkeit und Rechtsverletzungen gibt. Was ich aber weiß, ist, dass dieser Mangel unsere Demokratie schwächt. Man könnte sagen, die Bush-Regierung demonstriert die Brüchigkeit der Demokratie. Alle Vorkehrungen, die unsere Gründerväter einst getroffen haben, um Amerika vor einem Präsidenten zu schützen, der seine Politik über das Gesetz stellt, haben diesmal versagt. Aus dem Militär kam kein ernsthafter Widerspruch – man hätte ja riskiert, nicht befördert zu werden und dabei doch wenig zu bewirken.

Meine Kollegen im Zeitungsgeschäft haben desgleichen erbärmlich versagt. Als George Bush auf der Grundlage zweifelhafter Geheimdienstvorgaben in den Irakkrieg stürmte, sind sie nicht auf Distanz gegangen. Statt Skepsis zu äußern, haben sie sich wie Cheerleader benommen. Selbst heute noch versagt die amerikanische Presse vor der moralischen Dimension des Irakkriegs, obwohl sie mit dem Präsidenten und seiner jüngsten Irakstrategie, genannt surge oder Woge, inzwischen viel härter umgeht.

Auch andere haben versagt. Amerikas Beamtenapparat etwa. Jene Millionen von Bundesbediensteten, die aus nächster Nähe den zunehmenden Missbrauch mitbekamen, den Bush und seine neokonservativen Gefolgsleute in den Behörden organisierten – sie haben den Mund nicht aufgemacht. Am schlimmsten hat der Kongress versagt, dessen Vertreter vom Volk gewählt werden, um seine Rechte zu schützen. Der Kongress hat nicht begriffen, wer dieser Präsident ist. Er hat vor der Aufgabe versagt, Bush bei seinen Torheiten in den Arm zu fallen. Und trotz der Wahlsiege der Demokraten im vergangenen Herbst kann der Präsident leider immer noch seinen Willen durchsetzen, mit seinem neuen Plan – mit the surge, der Woge – den Krieg zu »gewinnen«.

Ja, es stimmt: In der Provinz Anbar, dem Herzen des sunnitischen und baathistischen Iraks, zeitigt die »Woge« Erfolge. Doch die Frage, die Medien und Politiker nur höchst selten stellen, lautet, was für Erfolge das sind. Der Befund lautet, dass der Plan dort insofern funktioniert, als Morde an Andersgläubigen und Anschläge mit Autobomben tatsächlich zurückgegangen sind. Doch er funktioniert deshalb, weil die über hunderttausend Schiiten, die in Anbar lebten, nicht mehr da sind. Viele von ihnen wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und leben jetzt im Schiitengebiet von Bagdad in Zeltstädten hinter Betonplatten, ohne jede Regierungshilfe. Die »Woge« ist, anders gesagt, schlichtweg eine Form »ethnischer Säuberung«. Offenbar liegt dem Plan die unausgesprochene Entscheidung der amerikanischen Führung zugrunde, den Irak den gleichen Weg gehen zu lassen wie das ehemalige Jugoslawien. Dabei hatte der Präsident ursprünglich, als er den surge- Plan Anfang des Jahres ankündigte, dem amerikanischen Volk gesagt, im Erfolgsfall werde seine neue Strategie die Einheit des Iraks wiederherstellen. Er ist ein Mann, dem Worte nichts bedeuten. Es sind eben nur Worte, die man im Bedarfsfall ausspricht und dann vergisst oder ignoriert, wenn sie unbequem werden.

Wir haben ein sehr ernstes Problem in Amerika – eines, das den loyalen Bürger ständig ins Hintertreffen geraten lässt. Die Bushs und Kissingers und Nixons haben die Macht, unsere Kinder in den Krieg zu schicken, um zu töten und getötet zu werden. Und was erhalten wir als Gegenleistung? Was wir bekommen, sind Führer, die lügen, die Tatsachen verfälschen, verzerren und manipulieren. Das ist ein ganz schlechtes Geschäft. Jeder Bürger und jeder Journalist sollte dagegen aufbegehren. Als Vater weiß ich, dass ich meine Kinder – außer in Nebensächlichkeiten – niemals belogen habe, und ich gehe davon aus, von ihnen nicht angelogen zu werden. Vertrauen auf Gegenseitigkeit macht den Kern einer jeden Lebensbeziehung aus. Und doch verzichten wir in den Vereinigten Staaten immer noch darauf, die für unsere nationale Sicherheit Verantwortlichen mit dem gleichen Maßstab zu messen.

Die Kriege in Vietnam, Grenada, Nicaragua, der Drogenkrieg, der Antiterrorkrieg, der Irakkrieg, sie alle haben eines gemeinsam: Es handelt sich um amerikanische Offensiven in der Dritten Welt. An der Präsidentschaft Bill Clintons hatte ich vieles auszusetzen, aber er verdient Respekt für seine Entscheidung im Jahre 1999, zur Beendigung der Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien Bombenangriffe der Nato anzuordnen. Was mich daran beeindruckte, ist die Tatsache, dass Clinton mit diesem Befehl der erste amerikanische Präsident seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde, der die Bombardierung weißer Menschen anordnete. Vielleicht handelt es sich ja bloß um ein Kuriosum, vielleicht sagt es aber auch etwas über den Rassismus in Amerika und weltweit aus. Denn fest steht, dass der Rassismus heute integraler Bestandteil des amerikanischen Alltags ist.

Meine Freunde in Nah- und Mittelost versuchen immer wieder, mich aufzumuntern. Mit ihrer vieltausendjährigen Geschichte im Hintergrund versichern sie mir, dass Amerika George Bush überleben wird. Sechzehn Monate noch, sagen sie, es dauert nicht mehr lange. Ich hoffe, sie haben recht.

Seymour Hersh ist einer der berühmtesten Journalisten Amerikas. 1969 deckte er das Vietnamkriegsmassaker von My Lai auf, 2004 machte er den Folterskandal von Abu Ghraib publik. In dieser Woche erhält Hersh den Demokratiepreis der »Blätter für deutsche und internationale Politik«. Dies ist die gekürzte Fassung seiner Dankesrede. © Alex Wong/Getty Images BILD Aus dem Englischen von Karl D. Bredthauer

Die vollständige Rede finden Sie im Internet unter www.blaetter.de/demokratiepreis