ZEIT: Hans Pfitzner war Moderneverächter und Antisemit. Von ihm existiert der Satz: "Ich habe zeit meines Lebens in die Kerbe gehauen, die heute als theoretische Voraussetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung gilt." Er hat dem als "Polenschlächter" berüchtigten Nazi Hans Frank bis in die Nürnberger Prozesse hinein die Freundschaft gehalten.

Metzmacher: Er war aber auch ein Freund des Dirigenten Bruno Walter.

ZEIT: Ja, aber als Bruno Walter ihn nach Kriegsende in einen Brief auf die Entsetzlichkeiten in den Konzentrationslagern hinwies, bekannte sich Pfitzner unbeeindruckt zu Hitler, zur NSDAP und tat die Massenmorde als "unvermeidlich" ab.

Metzmacher: Furchtbar, was Pfitzner so alles von sich gegeben hat, gegen die internationalen Juden oder gegen die Moderne in der Musik. Obwohl ihn die Nazis ja nicht mochten, weil er so eine grüblerische, in sich verknotete Musik geschrieben hat.

ZEIT: Ist es wirklich eine gute Idee, ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit, den politisch völlig inakzeptablen Pfitzner aufzuführen?

Metzmacher: Ich will ein Stück zur Debatte stellen. Man kann doch an so einem Tag nicht nur irgendeine festliche Musik spielen. Die Bereitschaft zur streitbaren Auseinandersetzung gehört für mich dazu. Ich sehne mich in meiner Arbeit immer danach, dass Musik auch eine gesellschaftliche Bedeutung hat, dass die Leute nicht nur hingehen und hinterher sagen, die haben aber gut gespielt. Vielleicht kriege ich dafür am Ende einen auf den Deckel, kann sein.

ZEIT: Sie möchten, dass man das Politische und Biografische bei Pfitzner mal außen vor lässt und nur die Musik hört?

Metzmacher: Genau. Ich will dieser Musik eine Chance geben. Vielleicht ist das auch deshalb möglich, weil ich völlig unverdächtig bin, in einer rechten politischen Ecke zu stehen. Die Kantate berichtet von deutscher Seele, sie ist eigentlich ein Liederzyklus, aber geschrieben für vier Sänger, großen Chor und Orchester. Ich kenne kein anderes Stück in dieser Art. Von Pfitzner weiß man, dass er in Liederabenden als Begleiter Überleitungen improvisiert hat, von einem zum nächsten Lied. Die hat er hier auskomponiert. Es gibt zwischen den Liedern riesige Orchesterzwischenspiele, eine Nachtmusik zum Beispiel. Ich dirigiere ja eigentlich nur Werke, denen ein Moment des Wagnisses, des Aufbruchs, des mutigen Behauptens innewohnt. Das finde ich unbedingt gegeben bei diesem Stück. Einerseits hat Pfitzner gegen die Moderne gehetzt, andererseits ist ein Orchesterzwischenspiel, Tod des Postillion, unglaublich modern. Das steht unmittelbar neben Gustav Mahler.

ZEIT: Ist dem Stück ein nationalistischer Ton einkomponiert?

Metzmacher: Es gibt nur eine Stelle in dem Eichendorff-Texten, an der heißt es: Und das Land ist doch frei!

ZEIT: Das klingt unangenehm dröhnend: Blech, volles Orchester, C-Dur!

Metzmacher: Da ist ihm der Gaul durchgegangen. Man muss bedenken: Pfitzner hatte angeblich seine beste Zeit in Straßburg als Musikdirektor. Und dann wurde Straßburg nach 1918 französisch. Das sogenannte Diktat von Versailles hat ihn, wie viele Deutsche, extrem geschmerzt. So schrieb er 1921 in seiner Kantate diese Stelle…

ZEIT: …aus der ein revanchistischer Geist tönt…

Metzmacher: Mal abwarten. Ich habs ja noch nicht gemacht.