ZEIT: Das Fortissimo steht aber doch drin in der Partitur.

Metzmacher: Aber es ist ja klar, dass wir dieses Werk nicht aufführen können wie jedes andere Stück Musik. Es ist eine Aufgabe, die wir uns da gestellt haben. Und selbstverständlich möchte ich nicht hinterher auf die Schulter geklopft bekommen im Sinne von: Mensch, der Metzmacher macht den Pfitzner wieder gesellschaftsfähig, dem wird politisch jetzt alles vergeben.

ZEIT: Mit welcher inneren Einstellung gehen Sie an Pfitzner ran? Darf man das eine heimlich erwachte Liebe nennen, oder ist es eine kritische Auseinandersetzung mit Provokationseffekt?

Metzmacher: Ich habe mich immer instinktiv zu bestimmten Sachen hingezogen gefühlt, das war damals bei Karl Amadeus Hartmann, für den ich mich starkgemacht habe, nicht anders. Ich hab dann das Gefühl, ich muss das jetzt unbedingt machen.

ZEIT: Gibt es da nicht einen Widerspruch: Auf der einen Seite haben Sie in Hamburg gemeinsam mit Peter Konwitschny Wagners Meistersinger unter der Prämisse auf die Bühne gebracht, dass man das Werk nicht von seiner Rezeption lösen kann. Sie haben die Musik in der prekären Schlussansprache von Hans Sachs angehalten und darüber auf offener Bühne diskutieren lassen. Nun plädieren Sie bei Pfitzner dafür, mal von der unheilvollen Rezeption abzusehen. Wie passt das zusammen?

Metzmacher: Moment, Moment. Wir hatten bei den Meistersingern ein Problem mit dem Text an der Stelle. Wir haben deutlich gemacht, dass der Text damals bei Wagner etwas anderes meinte als heute, nach der Geschichte, die wir seitdem erlebt haben. Bei Pfitzner ist das nicht so. Der hat selbst ganz bewusst auf die Zeitgeschichte reagiert, in Deutschland im Jahr 1921. Jetzt ist die Frage, wie ich das heute aufführe: Das werden wir am 3. Oktober sehen. Vergessen Sie auch nicht: Pfitzner ist ja nicht der einzige Komponist, den wir in unserer Konzertserie spielen. Das nächste Projekt ist gleich Kurt Weill: Der Silbersee. Das Stück wurde 1933 uraufgeführt, da waren die Nazis gerade an die Macht gekommen. Es basiert auf einem Schauspiel von Georg Kaiser und beleuchtet eine ganz andere Schnittstelle deutscher Geschichte. Am Ende gehen die beiden Helden mitten im Sommer über einen vereisten See ins Ungewisse.

ZEIT: Und Sie machen zusammen mit der fünften Symphonie von Beethoven und den Ernsten Gesängen von Eisler Les Préludes von Liszt, das die Nazis als Erkennungsmelodie für ihre Wehrmachtsmeldungen missbraucht haben. Wollen Sie dem Stück auch wieder eine Chance geben?

Metzmacher:Les Préludes hat sich von dem Missbrauch durch die Nazis nie erholt. Es ist ein Stück, dass zeigt, wie sehr Musik instrumentierbar ist.

ZEIT: Und in allem haust die deutsche Seele. Was macht sie denn nun aus?

Metzmacher: In ihr hat vieles Platz. Banal formuliert: Sie ist zu extremen Äußerungen fähig, in alle Richtungen. Das macht ihre Faszination und zugleich ihre Verführbarkeit aus. Mich interessiert in diesem Zusammenhang auch eine Figur wie Wilhelm Furtwängler, der mir früher völlig fremd war. Man ist schnell dabei, zu sagen, er sei weltfremd gewesen und unpolitisch und habe nur für die Musik gelebt. Das könnte man von meinem Vater auch sagen, aber das stimmt so nicht. Es gibt bei Furtwängler einen Zusammenhang, zwischen der Haltung, die Welt nur durch die Musik zu betrachten, und dem Entschluss, in Deutschland zu bleiben, um die großen Ideale zu verteidigen. Dass er genau dadurch missbraucht wurde, finde ich erschreckend.

ZEIT: Hätten Sie das vor fünfzehn Jahren genauso gesehen?

Metzmacher: Da hätte ich gesagt: Wer sich so verhalten hat, den kann ich nicht akzeptieren.

ZEIT: Interessiert Sie auch, was Furtwängler musikalisch gemacht hat?

Metzmacher: Inzwischen mehr, ja. Allein so ein Satz wie: "Es kommt immer drauf an, wie es klingt", auf die Frage nach dem richtigen Tempo. Wenn man, wie ich, von der modernen Musik kommt, ist man von einer Absolutheit des Tempos geprägt. Da steht geschrieben: Achtel gleich 172, Sie stellen ihr Metronom ein und spielen das so. Es gibt kein Herantasten: Wie soll das eigentlich klingen? Furtwängler hatte recht, dass Klang und Tempo einander bedingen. Auch seine Freiheiten in der Agogik weiß ich heute viel mehr zu schätzen. Musik ist viel beweglicher, als ich, von der neuen Musik kommend, einmal dachte.