Es muss kurz vor dem Wetterbericht der abendlichen Tagesschau gewesen sein, als Oberarzt Dr. W. in mein Zimmer auf der strahlentherapeutischen Station der Berliner Charité stürmt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. "Machen Sie mal den Bauch frei", sagt er, nachdem er sich kurz vorgestellt hat. Er tastet, horcht und greift zum Telefon. Eher beiläufig teilt er mir mit: "Sie müssen operiert werden." – "Wann?", frage ich. – "Jetzt", sagt er. – "Jetzt? Was heißt das?" – "Jetzt heißt sofort."

Dr. W. gibt kurze Anweisungen ins Telefon und beginnt, mein Bett fahrbereit zu machen. Ich folge seinen Tätigkeiten wie im Schock. Fühle mich erleichtert, dass endlich etwas passiert nach den quälenden Schmerzen und den hektischen Untersuchungen der letzten beiden Tage. Und überrumpelt von der Dringlichkeit. Ich müsse noch meine Frau anrufen, sage ich. "Okay." Dr. W. nennt ihr kurz die Gründe. Sie sprechen medizinisch miteinander, meine Frau ist Ärztin, wenn auch auf völlig anderem Gebiet. Das Wort "Bauchfellentzündung" verstehe ich.

Drei Minuten später rumpelt Dr. W. mit mir und meinem Bett über die Gänge zum Fahrstuhl. Er schrammt an den Wänden lang, alles im Laufschritt. Für Augenzeugen muss es wie eine Entführung wirken. Arzt kapert Patienten, würden morgen die Boulevardzeitungen melden, mit Riesenbuchstaben. Er drückt den Knopf für den dritten Stock, OP. Als die silberne Lifttür zugeglitten ist, sehen wir uns zum ersten Mal an. "Und wer operiert mich jetzt?", will ich wissen. "Ich", sagt er.

Wie lang so eine Fahrstuhlreise über sechzehn Etagen sein kann. Dr. W. blickt mich an: "Schöne Scheiße, was?" Mir treten die Tränen in die Augen, ich nicke. Er drückt mir die Hand: "Ich werde mein Bestes tun, das kriegen wir schon hin." Er sieht mir in die Augen, und ich glaube ihm. Vertrauen kann sehr plötzlich entstehen.

Als ich nach der Operation aufwache, finde ich mich in einer fast verwunschenen Situation wieder. Ein weiter Raum, den ich von meinem Bett aus nur unzulänglich überblicken kann, liegt in friedvoller Ruhe da. Mildes, brüchiges Licht umspielt einen schweren Mann in Weiß, der behaglich aus einem großen Messbecher Tee zu schlürfen scheint. Das ist, wie ich später erfahre, der Pfleger Olaf. Wenn er sich erhebt, schiebt er durch den Raum wie der große Dicke von Laurel und Hardy.

Warum mich die Szene trotzdem an Goethe denken lässt, kann ich nicht sagen. Es muss das Licht sein, das Licht und meine innere Ruhe. Keine Schmerzen. Es dauert lange, bis mir schwant, dass ich auf der Intensivstation liege. Intensivstationen hatte ich anders in Erinnerung – lauter, ja lärmend, angefüllt mit Stöhnen, Hilferufen und beruhigendem Zuspruch von Helfern. Stattdessen – Frieden.

Ich döse weg. Wahrnehmungen und Erinnerungen zerfließen. Und obwohl ich das Gefühl habe, dass mein Leben auseinanderdriftet, fühle ich mich hier in Sicherheit. Ich weiß noch, wer ich bin und wo. Und ich erinnere mich, warum ich hier liege.

Gegen Morgen glimmt links von mir, wo es bisher nur dunkel gewesen ist, ein immer intensiver werdender rotvioletter Lichtbalken. Machen die hier Leuchtspiele? Heilende Kunst? Intensiv-Documenta? Erst als das Lichtfeld in flammendem Orange erstrahlt, erkenne ich: Das ist draußen. Vor der Station spiegelt sich in einer Fensterzeile des Bettenhochhauses das Morgenrot. Später zucken Blitze über den Himmel. Und der Regen rauscht. "Regen?", fragt Pfleger Olaf. "Es regnet nicht." Was ich für Regen halte, sind die Spülgeräusche meiner Sauerstoffanlage, die mir in die Nase bläst.

Ist denn nichts mehr, wie es scheint? Gerade bin ich 70 Jahre alt geworden. Nach 35 Arbeitsjahren als Redakteur, Reporter und Büroleiter habe ich mich Anfang des Jahres vom Spiegel verabschiedet. Formal bin ich Rentner. Aber ich schreibe noch an einem Buch, arbeite an einer Fernsehdokumentation, habe einen Lehrauftrag an der Freien Universität – kurz, an Projekten ist kein Mangel. Aber nun liege ich hier auf der Intensivstation der berühmten Charité in Berlin. Ich bin Fall Nummer 302670317. Und nichts scheint mehr zu stimmen.

Denn der gegenwärtige Aufenthalt hier im OP-Bereich wegen Bauchfellentzündung ist in Wahrheit nur ein Nebenkriegsschauplatz, Folge eines Kollateralschadens sozusagen. Denn meine eigentliche Diagnose heißt: Zungengrundtumor. Und vor dem Zimmer auf meiner Station im 19. Stock des Hochhauses am Berliner Regierungsviertel hat ein Elektrokonzern eine kilometerweit sichtbare Lebenslüge aufgehängt. "Tut nicht weh", verkünden magentarote Buchstaben.

Tut es aber doch. Körperlich und seelisch. Direkt vor meinem Fenster zackt das "w" von "weh".

Bilanzspaziergang

Erst am Mittwoch nach Neujahr war der Sturm auf Sylt so weit abgeflaut, dass meine Frau Rosemarie und ich am Strand von Kampen unseren traditionellen Bilanzspaziergang machen konnten. Seit 1966 sind wir verheiratet. Während dieses Spaziergangs redet jeder nur für sich, Unterbrechungen sind nicht erlaubt. Erst hinterher beginnt eine Diskussion über die Einschätzungen und Wertungen des anderen.

So stapfen wir nordwärts. Den milden Wind von der Seite. Sprechen ist dennoch mühsam. Einmal, weil das Hochwasser uns in den weichen Sand zwingt, am Ende sogar in die Dünen. Vor allem aber quält mich ein vages Unbehagen. Ist es die Angst vor meiner neuen Rolle, die mir in jüngster Zeit häufiger das Gefühl gibt, bei Gesprächen beeinträchtigt zu sein? Mir fallen Begriffe nicht ein, Namen sowieso nicht. Ich kann mich schwer konzentrieren. Meine Stimme beschlägt, bisweilen versiegt der Ton völlig. "Es ist, als ob mir für meine neue Situation Sprache und Maßstäbe fehlten", klage ich.

Dabei ist im Grunde alles klar. Dass ich beim Spiegel aufhören werde, steht seit Langem fest, ist auch in meinem Sinne. Obwohl ich ahne, dass es nicht einfach werden wird. Die 35 Jahre haben mein Leben geprägt, meinen öffentlichen Stellenwert bestimmt, Erinnerungsschwerpunkte gesetzt. "Vergiss nie, dass von dir etwas übrig bleiben muss, wenn das rote Spiegel- Signum auf deiner Visitenkarte nicht mehr da ist", hat mich früh ein Kollege gewarnt. Darauf glaube ich geachtet zu haben.

Was uns beide gleichwohl beschäftigt, ist dieser Eintritt in eine neue Altersstufe – in jenes im Grunde noch immer undefinierte 70er-Jahrzehnt, das uns die Segnungen der Medizin und des Wohlstandes als Übergang vom Seniorenstatus zum Greisenalter beschert haben. Sowohl Goethe als auch Immanuel Kant sollen zu ihrem 50. Geburtstag als "ehrwürdiger Greis" angesprochen worden sein. Heute will mir Richard von Weizsäcker, der 84 ist, noch immer nicht greisenhaft vorkommen. Gewiss, ein Schlussstrich unter die geregelte Arbeit muss sein, aber ich habe auch noch viel vor – Bücher schreiben, Filme machen, Vorträge, Diskussionen.

Also aufhören, ohne ganz loszulassen?

In den vierzig Jahren im politischen Betrieb hatte ich oft genug gesehen, wie schwer sich die Politiker damit taten, Positionen aufzugeben, die ihnen Macht und Bedeutung zu sichern schienen. Ich erlebte das als süchtiges Verhalten, das ich in einem Buch als Höhenrausch beschrieb. Meine These – die ich aus eigenem Suchtverhalten ableitete – wurde öffentlich heftig diskutiert. Nun beginne ich zu ahnen, dass die Suchtphase auch bei mir noch nicht zu Ende ist. Ein tiefes Unbehagen über uneingestandene Halbheiten bedrückt mich.

Erst einmal verläuft im Januar der Abgang vom Spiegel glanzvoll. Die Chefredaktion spendiert meinem Freund und Kollegen Hartmut Palmer und mir ein üppiges Fest in den Büroräumen am Pariser Platz. Es geht nostalgisch zu. "Ein bewegender Abend", finden einhellig die über 80-jährigen Herren Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher und Egon Bahr. Die Altersabteilung der politischen Klasse der Bundesrepublik Deutschland schunkelt, klatscht und tanzt. Gerhard Schröder hält mir eine schöne Rede, Norbert Blüm feiert Hartmut Palmer. Unter den 450 Gästen stehen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier in der ersten Reihe. Christina Rau ist da, Klaus Staeck, Helmut Dietl, viele Abgeordnete und liebe Freunde und Kollegen. Von einem so würdigen Abschluss hätte ich nicht zu träumen gewagt.

Abschluss? Eine Woche später bin ich im Bundestag, als dort über die Gesundheitsreform abgestimmt wird. "Ich denke, Sie sind im Ruhestand?", fragt verblüfft Angela Merkel. Lahm erwidere ich: "Der Journalist, der Staatsbürger nicht." Besonders glaubwürdig klingt das nicht einmal in meinen eigenen Ohren.

Der Tumor

"Und das will keiner gesehen haben?" Zornig wedelt eine medizinisch-technische Assistentin mit den Computertomografie-Ausdrucken meines maladen Halses. Es ist der 8. Mai, ausgerechnet – Tag der Niederlage? Der Befreiung? Der Kapitulation? Sie kann nicht fassen, dass niemand "die dicke Geschwulst" in meinem Hals diagnostiziert hat, die "eine prozesshafte Entwicklung" nimmt, wie sie in ihrem Bericht vermerkte – was im Klartext Krebs bedeutet. Es hatte allerdings auch über fünf Wochen gedauert, in Berlin einen Termin für eine CT zu kriegen.

Gespürt, dass etwas nicht stimmte, hatte ich schon Monate zuvor. Immer wieder Schwierigkeiten mit der Stimme. Lag es am Reflux, an dem ich litt? Hatte die zurückfließende Magensäure die Stimmbänder angefressen? Ich ließ den Magen untersuchen, die Speiseröhre, dann das Lymphsystem, die Schilddrüse, endlich Zähne und Kiefer. In dem von unserem Supergesundheitssystem sorgfältig nach Facharzt-Zuständigkeiten aufgeteilten Körper arbeitete ich mich erst nach oben, dann wieder nach unten. Keiner fand was. Nur die Schmerzen nahmen zu, das Schlucken wurde schwieriger.

Jetzt geht alles schnell. Schon am nächsten Tag liege ich im Gertrauden-Krankenhaus. Ich nehme die Entwicklung wie aus der Ferne wahr, bleibe auf Schockabstand. Irgendwo bin ich sogar ein bisschen zufrieden, denn im vergangenen Jahr hatte ich einem sterbenden Freund zu meiner eigenen Überraschung plötzlich gesagt: "Weißt du, manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe auch nicht mehr lange." Danach hatte ich mich geschämt, weil es so ranschmeißerisch klang. Aber es kam spontan und war die Wahrheit. Ich drängte darauf, dass meine Frau und ich eine Patientenverfügung formulieren, ein Testament machen und uns in Berlin einen Friedhof für die letzte Ruhe aussuchen. Kommen solche Ahnungen von ungefähr?

Vor der Untersuchung beraten wir beiden die nächsten Schritte. Dass ich nicht kampflos aufgeben will – wie denn auch? –, steht für mich ebenso fest, wie dass es kein Überleben um jeden Preis geben könne. Ich kann mich nur auf Lösungen einlassen, die mir auch hinterher noch Schlucken und Sprechen ermöglichen. Dazu gibt es zwischen uns keine Differenzen. Immerhin hat die Geschwulst offenbar noch keine Metastasen an Lunge und Leber oder sonstwo hinterlassen. Unsere Leitlinie ist: So viel Normalität wie möglich durchhalten.

Also stehe ich – für eine Fernsehdokumentation – noch mehrere lange Interviews durch, mit den Ministern Schäuble und Seehofer und mit Michael Naumann. Ich zucke nicht einmal zusammen, als ein nichts ahnender Horst Seehofer seine privaten Schwierigkeiten mit der Bemerkung verharmlost: "Schließlich habe ich ja keinen Tumor im Kopf."

Das offizielle Ergebnis ist dann keine Überraschung mehr: Supraglottisches Larynx-Zungengrund-Karzinom. Meine Tochter und eine Kollegin beginnen im Internet zu recherchieren. Freunde rufen Ärzte ihres Vertrauens an. In kürzester Zeit wissen wir, dass sich im Halsbereich sehr unterschiedliche Tumoren einnisten und dass es für die verschiedensten Arten sehr individuelle Behandlungsmethoden gibt. Wir haben Kontakt nach Bonn und Rostock, Göttingen und Kiel, Berlin sowieso.

Und dann ruft Uli Hoeneß an. Der mächtige Manager des FC Bayern München, der gerade Europas Fußballmarkt leer gekauft hat, beschwört mich, zur Operation nach Nürnberg zu gehen. "Mensch, Leinemann, glauben Sie mir, der Professor B., der ist der Beste. Der ist ein Kämpfer. Ich habe schon mit ihm geredet. Der macht das." Ich bin überrascht. So gut kennen wir uns nun auch nicht, dass sich Hoeneß so engagieren muss. Ich hatte vor langer Zeit über ihn geschrieben. Später konnte ich ihm mal einen medizinischen Tipp geben, als einer seiner Freunde in Not war. Jetzt hat er mein Unglück erzählt bekommen, und weil er sich schon für einen Freund kundig gemacht hat, kennt er sich aus und hilft.

Und wie. Viermal habe er ihn aus dem OP rufen lassen, erzählt Professor B. später. Und dreimal ruft Hoeneß mich an. Keine Chance, diesem Druck zu widerstehen. Eigentlich waren wir schon fest entschlossen, in Berlin zu bleiben, im Neuköllner Klinikum. Der Chef, Dr. Sch., hatte mir Eindruck gemacht, seine Konzeption erschien logisch: Alles lief auf eine Kombination von Laseroperation – mikroinvasiv, also ohne offene Wunde – und Bestrahlung sowie Chemotherapie hinaus.

Stattdessen fahren wir noch am selben Abend nach Nürnberg. Um Mitternacht kommen wir mit einem völlig überfüllten, verspäteten ICE an. In Leipzig haben sie eine Fliegerbombe aus dem Krieg entschärft. Es regnet. Ich bin zutiefst deprimiert. Was wird aus meiner Feier zum 70. Geburtstag? Für den 19. Mai habe ich 120 Menschen eingeladen, die mir im Leben wichtig waren. Oder bin ich dann schon tot? Es war ein gutes Leben, so viel ist auch jetzt klar, ein Leben, sogar besser als gut. Aber es könnte auch ruhig noch dauern. Dankbarkeit mischt sich mit Trauer. Und einer unendlichen Müdigkeit.

Professor B. ist genau der Typ, den Hoeneß versprochen hat: offen, klar, vertrauenerweckend. Für ihn zählt die Lebensqualität des Patienten nach dem Eingriff mehr als die Beseitigung des Tumors. Auch finden wir gleich einen guten Draht zueinander – über den Fußball. Er untersucht mich und kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie der Neuköllner Arzt. Auch dass die Operation nicht schon morgen sein müsste. Und dass letztlich die endgültige Entscheidung über das Vorgehen erst während des Eingriffs fallen kann, weil die tatsächliche Lage sich erst dann erschließt.

Ich bin erleichtert, dass ich nicht gleich dortbleiben muss. In noch volleren Zügen geht es zurück. Alle Nürnberger Fußballfans scheinen auf dem Weg nach Berlin zu sein, wo am nächsten Tag das Endspiel um den DFB-Pokal zwischen Nürnberg und Stuttgart angesetzt ist. Ich habe für dieses Spiel nicht nur eine Eintrittskarte, sondern jetzt auch eine sozusagen offizielle ärztliche Einweisung. "Da gehen Sie hin", hat Professor B. gesagt, "Sie hatten in der letzten Zeit so viele schlechte Nachrichten zu verkraften – das gönnen Sie sich mal." Es wird ein tolles Finale.

Freunde

Eines Tages – es geht mir nicht gut – besucht mich Lore, eine erfolgreiche Schauspielerin und Regisseurin, mit der ich seit Langem in einer Sucht-Selbsthilfegruppe zusammenarbeite. Wir sind Freunde geworden und begegnen einander mit einer gefühlsmäßigen Offenheit, die viele coole Menschen irritieren würde. Weil ich durchhänge, lasse ich meinen Zweifeln freien Lauf. Wird meine Kraft ausreichen, auch diese schwere Prüfung zu bestehen? Ich fühle mich am Ende, möchte manchmal sterben. Mich ganz leise davonmachen. Dabei will ich doch leben! Ich kann sicher sein, dass Lore mich versteht. Wir weinen beide. Dann sagt sie: "Es ist unsere Schwäche, die uns stark macht."

Und ich weiß, dass es stimmt.

Immer habe ich Menschen gebraucht in meinem Leben, immer bin ich offen gewesen für andere, alle Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erinnerungen sind mit Menschen verbunden und von Gefühlen begleitet. Aber erst seit meinem Suchteinbruch vor dreißig Jahren bin ich sicher, dass diese Bindung an meine Mitmenschen für mich überlebensnotwendig ist. Du musst es selber schaffen, habe ich gelernt, aber du kannst es nicht allein.

Deshalb war meine Entscheidung über das Fest zum 70. Geburtstag so wichtig. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, an diesem Tag Wegbegleiter aus allen Lebensphasen einzuladen – jetzt war die Krankheit dazwischengekommen. Sollte ich alles absagen? Dann hätten mich viele schon fast für tot erklärt. Sollte ich so tun, als wäre nichts? Das würde ich nicht durchhalten. Also alle vorher informieren – und trotzdem feiern.

Niemand sagt ab. Und als ich die versammelte Truppe von 120 Leuten auf einem Berliner Ausflugsdampfer zusammenhabe, bin ich überwältigt vor Freude. "Ihr seid mein Leben", sage ich, "nie habe ich euch mehr gebraucht als jetzt." Eine warme Welle von Zuneigung kommt zurück. Sie trägt mich bis heute.

Es wird – das sollten später alle bestätigen – ein wunderbares Fest. Einige wollen mir gar nichts angemerkt haben, andere haben mich gebeugt gesehen von einer schweren Last. Alle aber haben mich "durchlässig" erlebt für die Wärme und Liebe, die mich umgab. Verwandte und Schulfreunde, Weggefährten aus Washington, Bonn und Berlin und Partner für zukünftige Projekte öffnen sich den gefühlsgeladenen Begegnungen. Meine Tochter Susanne preist mich in einer ergreifenden Rede, die ihr Mann Wolfgang vorträgt und ergänzt, als Vater und Menschen. Journalistenfreunde loben meinen Fleiß und und verweisen auf 239000 Eintragungen bei Google.

"So einer wie du", sagt mein Freund Eckart, "der weiß gar nicht, wie er zu seinem Glück gekommen ist. Es ist ja auch ziemlich lange gut gegangen. Und die Vergangenheit, die kann dir keiner nehmen." Jetzt geht es nicht mehr gut. Aber es sind trotzdem alle da. Vor allem meine Familie, die sich samt Enkelkindern an meinem Krankenbett einfindet und mich mit Neuigkeiten versorgt.

Wir haben ja lange als Befreiung empfunden, was uns an Bindungen verloren gegangen ist. Bis wir spürten, dass die allgemeine Individualisierung auch existenzielle Sinnlosigkeit bedeuten kann. "Zusammenhänge allgemeingültiger Konvention, wertgebundener Ethik, verpflichtender Moral sind Geschichte geworden", schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid, der auch als Seelsorger in Kliniken gearbeitet hat. "Zuletzt zerbrachen auch die davon gestützten Zusammenhänge in der Beziehung des Einzelnen zu sich selbst. So entstand die innere Leere und äußere Kälte, die viele beklagen und gegen die kaum einer ankommt."

Ich habe Schmids kleines Glücksbuch wie eine Kostbarkeit gehütet während der Wochen in der Klinik. Meine Frau hat es mir Seite für Seite vorgelesen, was mich glücklich gemacht hat. Denn es ist ja nicht so, dass es einem an Glücksmomenten fehlt im Falle einer tödlichen Erkrankung. Unmittelbar vor meiner Notoperation hatten wir noch im Park der Klinik auf dem Rasen gelegen, durch das Laub der Bäume blitzte die Abendsonne. Ich sah meine Frau über mich gebeugt, und es war, als passierten im Schnelldurchlauf alle glücklichen Momente unseres Lebens noch einmal. Ein wunderbarer Augenblick.

Nein, es ist nicht das Glück, es ist der Sinn, der infrage steht. Warum? Warum ich? Warum jetzt? Warum so? Was soll ich lernen?

Der Schmerz sei der Stachel, der uns immer aufs Neue zum Nachdenken über das gesamte Leben nötige, schreibt der Philosoph. Aber in Wahrheit erlebe ich nicht Schmerzen als größte Herausforderung – die kann die moderne Medizin zumindest weitgehend eindämmen –, sondern die Kränkung des Nicht-mehr-mitspielen-Könnens, die Fülle von Miseren wie Halsentzündung und Brechreiz, Geschmacksunfähigkeit und Schluckbeschwerden, nicht heilenden Wunden und Schlaflosigkeit – sowie Ohnmacht, Ohnmacht, Ohnmacht.

"Altern ist Scheitern", sagt barsch eine Freundin, die auch gerade aufhört zu arbeiten. Aber Altern enthält ja auch Momente der Freude und der Freundschaft, frei gewählter neuer Bindungen an Aufgaben und Menschen. Nein, meine These heißt: Krankheit ist Kränkung, tiefe existenzielle Erniedrigung.

Nicht operabel

Ich sitze wieder im Zug nach Nürnberg. Nun ist der Ernstfall da. Wie im Traum gleite ich durch sommerliche Ferienlandschaften – Elbeniederungen, Saaletal, Thüringer Wald, Franken. Deutschland ist schön. Alles riecht nach prallem Leben. Ich fühle mich ausgeschlossen, leer. Eine latente Übelkeit signalisiert mein Grundgefühl: Angst.

Bei allen Bemühungen, Normalität durchzuhalten, ist der Tempowechsel, der eigentlich im Januar nach dem Abschied aus dem geordneten Berufsleben fällig gewesen wäre, jetzt gezwungenermaßen eingetreten. Meine Schwäche kränkt mich. Dennoch habe ich begonnen, das erste Kapitel meines Buches niederzuschreiben. Und Uli Hoeneß ruft noch mal an: "Wenn es ums Leben geht, muss man kämpfen."

Auf die Minute pünktlich um neun Uhr stehen wir am nächsten Morgen im Sekretariat von Professor B. Ich bekomme drei Fragebögen, die alle Schrecknisse auflisten, die mir widerfahren könnten. Definitionen von Optimisten und Pessimisten kommen mir in den Sinn. Optimismus sei Mangel an Informationen, hat Karl Kraus gesagt. Und Nestroy hatte über Pessimismus gespottet: "Wenn alle Stricke reißen, häng ich mich auf."

Es regnet wieder. Ich beziehe das Zimmer 123 in Haus 22, erste Etage links; ein großer Raum, in dem sich mein Bett fast verliert. Professor B. hat meine jüngsten CT-Bilder gesehen, und obwohl er nicht viel anderes sagt als vor Pfingsten, scheint er mir deutlich weniger zuversichtlich als damals. Er verspricht aber noch einmal, dass er keinen Eingriff versuchen wird, wenn er damit die Beweglichkeit der Zunge abtöten müsste. "Das würde ich bei mir nicht machen", sagt er, "und so habe ich auch Sie verstanden." Ich nicke. Tote Zunge – das hieße nicht schlucken und nicht sprechen. Ich döse fahrig vor mich hin. Sieht so mein letzter Tag aus? Ein bisschen bin ich von mir auch enttäuscht. Vor der Herzoperation waren meine Endzeitgefühle viel dramatischer und intensiver. Mit meiner Frau rede ich sachlich über ihre finanzielle Versorgung und meine Trauerfeier. Irgendwie bannt das die Bedrohlichkeit.

Als ich nach der Operation erwache, zeigt die Uhr im Wachraum 9.06 Uhr an. Viel kann nicht passiert sei – um 7.32 Uhr bin ich in den OP-Saal geschoben worden. An meinem Hals ist auch kein Pflaster. Als Erstes spüre ich, dass ich meine Zunge noch bewegen kann. "Alles in Ordnung?", fragt eine Schwester. Heiser krächze ich: "Schmerzen." Dann schließe ich die Augen. Was immer sie auch gemacht haben – ich kann noch reden. Neben mir kreischt ein Kind. Die Mutter versucht es zu beruhigen, Violetta heißt die Kleine. Mir ist kalt, aber die Schmerzen lassen nach. Ich dämmere weg.

Auf dem Zimmer erwartet mich meine Frau. Wir beginnen zu rätseln, was wohl abgelaufen sein könnte. Dabei hat es mir der Professor schon einmal erklärt – was ich nicht erinnere, obwohl er sicher war, ich hätte alles mitgekriegt. Ergebnis: Der Augenschein habe ihn überzeugt, dass das Risiko für die Zunge zu groß sei. Also bleiben nur noch Bestrahlung und Chemo. Dazu braucht es aber nicht Nürnberg. "Professor B. in Berlin halte ich für einen der Besten. Bei den Strahlenleuten ist es wie bei den Chirurgen: Es geht nur um die Kompetenz von Personen, nicht um den Ruf der Kliniken." Er will selber den Kontakt herstellen.

Ich bin enttäuscht. Größer sind meine Chancen nicht geworden. Aber vielleicht bleibt mir ja trotzdem noch Hoffnung. "Absolut", sagt Professor B. Im Grunde komme ich mir lächerlich vor mit meiner verzweifelten Suche nach Trost. Habe ich nicht oft genug gestaunt bei anderen über dieses Klammern an Illusionen? Denn auch das sagt Professor B.: "Sie sind ein realistischer Mensch und sehen, dass das eine sehr schwere Krankheit ist." Alles, was er sagt, klingt wie 50 zu 50, ich höre aber höchstens 40 zu 60. Allerhöchstens.

Die Rückfahrt wird schlimm. Die Felder und Wiesen werden schon spätsommerlich gelb. Plötzlich überwältigt mich das Gefühl, dass das Leben da draußen hinter einer Glaswand vorbeizieht, während ich ausgeschlossen davorsitze und in Wahrheit schon tot bin. Mir schießen die Tränen in die Augen. Wenig später kann ich schon wieder über das Grass-Walser-Gespräch in der ZEIT lachen. Die Gefühle schlagen jetzt schnell um. Ich bin sehr labil, schnell verletzbar, ungeduldig.

Mit Macht drängt es mich an die Arbeit. Die lenkt ab. Erst jetzt glaube ich Schäuble richtig zu verstehen, der nach dem Attentat an der Politik festgehalten hat. Arbeit ist nicht nur eine Droge, sondern in diesem Falle Medizin.

Die Maske

Hinter einem Fliegengitter wirkt die Welt verkleinert, wie auf Millimeterpapier gebannt. Eigentlich müsste der Blick aus dem 19. Stock der Charité grandios sein. Direkt vor mir der neue gewaltige Hauptbahnhof, links davon das Kanzleramt und die Kongresshalle, in der Mitte die Spree. Rechts der Hamburger Bahnhof, davor das pompöse Wirtschaftsministerium mit den alten Invalidenheimen der Preußen.

Seit dem 2. Juli liege ich hier, Einzelzimmer immerhin. Ich habe mir vorgenommen zu arbeiten. Das brauche ich, um nicht ins Grübeln zu versacken. Was mache ich hier? Was will mir die Krankheit sagen? Shut up? Nein, so nicht. Schreiben ist mein Widerstand. Auf keinen Fall will ich nur Opfer sein. Das habe ich schnell erkannt: Ich bin in ein System geraten, in dem ich als statistisches Datenbündel existiere – eingeliefert mit den Werten xy, ausgeliefert mit den Werten xy plus oder minus z. Der Prozess muss funktionieren, das ist das Wichtigste.

Wenn ich als Mensch nicht untergehen will, dann muss ich auf menschliche Begegnungen innerhalb des Systems setzen, die sich manchmal zufällig ergeben, für die ich im Normalfall aber arbeiten muss. Offen sein. Das beginnt mit dem Chirurgen Dr. R., der mich betreut. Und dazu gehört auch eine junge Ärztin, die an einem Sonntagmorgen Dienst hat und meine Verzweiflung spürt. Sie ergreift meine Hand und sagt: "Ja, das ist eine schlimme Zeit. Aber nehmen Sie es als eine Episode." Das hilft. Es gibt ein Vorher und ein Nachher.

Doch der Glaube daran ist schwer durchzuhalten. Täglich Bestrahlungen, sogar zweimal, Chemo dazu, widerliche Nebenwirkungen – Übelkeit, Halsentzündungen, Schluckbeschwerden. Der sogenannte Heilungsprozess ist eine Tortur.

Gleich am ersten Tag stehe ich in der Kabine und warte auf die Strahlenkanone. Ich blicke in den Spiegel und kann keine Angst erkennen, eher einen herausgeforderten Trotz. Ich mag den Tod im Hals haben, aber auf die Knie hat er mich noch nicht gezwungen. Dann liege ich erstmals auf der Liege unter einem grünen Fadenkreuz von Laserstrahlen, die sich in meinem Gesicht treffen, und Sedi – eine quicklebendige junge iranische Assistentin – sagt: "Ich lege Ihnen jetzt die Maske an." Noch ist mir das ziemlich egal.

In der Woche zuvor hatte mir eine andere Assistentin gesagt, sie werde mir nun eine Maske machen, und hatte mir feuchte Tücher über das Gesicht gezogen. Ich betrachte diese Maske als Bedrohung. Dass ich mich jemals da werde "reinkuscheln" können, wie mich die Assistentin ermunterte, erscheint mir unmöglich. Ich fühle mich gefangen, wenn die Maske mich mit weit in den Nacken geschobenem Kopf auf der Liege festknöpft.

Es ist Sedi – die erfahrenste der drei wunderbaren jungen Frauen an der Strahlenkanone – die mir die Anfangspanik nimmt. Sie sagt, was Gott sagen könnte, wenn er zu uns spräche: "Alles, was Sie jetzt gleich sehen oder hören am Gerät, mache ich. Ich bin nicht im Raum, aber ich sehe Sie. Ich bin immer da." Warum auch immer – ich habe dieser unbekannten jungen Frau auf Anhieb vertraut. Obwohl das infernalische Rumoren, Pfeifen, Klappern und Bohren, das nun anhebt, schrecklich ist. Es ist die pure Disharmonie, metallisch schrill, dominiert von einem nervenden Ton, der sich anhört, als traktiere jemand eine unmusikalische singende Säge. Doch wenn Panik aufwallt, spüre ich die Freiheit meiner Hände. Ich brauche nur ein Zeichen zu geben – die Frau würde kommen.

Wie lange es beim ersten Mal dauert, weiß ich nicht. Zwanzig Minuten? Eine halbe Stunde? Als ich wieder in meiner Kabine sitze, komme ich mir vor, als sei ich in einer anderen Welt gewesen. Bin ich noch derselbe? Der Spiegel sagt Ja, aber sicher bin ich nicht.

Tatsächlich, das zeigt sich in den nächsten Tagen und Wochen, hat die Maske mich verändert. Irgendwie zwingt sie mich, meine Gedanken nicht immer davonrasen zu lassen in Gebiete der Träume und Wünschbarkeiten. Sie bündelt mein Denken und Fühlen auf den konkreten Augenblick und die reale Situation. Sie unterbindet ein Fluchtleben außerhalb der Krankheit und sorgt dafür, dass alle anderen Lebensphasen mit der jetzigen Situation in Kontakt bleiben. Wie eine mentale Zwangsjacke stoppt sie den Prozess des Auseinanderdriftens von Wirklichkeiten, der mir in den letzten Wochen immer bedrohlicher erschienen war. Sie schafft Zusammenhänge neu, die mir verloren zu gehen drohten. Und nur Zusammenhang, das habe ich aus Wilhelm Schmids "Glücksphilosophie" gelernt, stiftet Sinn.

Und so lerne ich unter dem engen Gazekäfig der Maske nicht nur nach und nach die Abläufe der Maschine zu erfassen, die oft genug versagt. Ich kriege auch ein differenziertes Gefühl für die Einstellungen, die sich auf Bestrahlungsfelder an Hals und Kopf konzentrieren, welche als Zielangaben auf meiner Maske eingezeichnet sind. Am Ende bin ich in der Lage, konzentriert über meine Lebenssituation nachzudenken und gleichzeitig genau wahrzunehmen, wo die Maschine gerade tätig ist. Die Geräusche erschrecken mich nur noch, wenn sie ausbleiben – dann ist das technische Strahlenwunder schon wieder kaputt.

Lieb geworden ist die Maske mir trotzdem nicht – so wenig wie der Tumor –, aber ich akzeptiere sie als Teil von mir. Manchmal, wenn ich sie liegen sehe, tut sie mir fast leid mit dem aufgerissenen Maul, durch das ich atmen kann. Heimlich für mich nenne ich sie die Munch-Maske, weil ihr Ausdruck dem verzweifelten Schrei- Bild des norwegischen Malers Edvard Munch von 1893 ähnelt.

Es ist der Schrei, den ich unterdrücke.

Bildungsgang

Im Jahr 1957 habe ich am Gymnasium in Lehrte Abitur gemacht. Also ist in diesem Jahr der fünfzigste Jahrestag der Reifeprüfung zu feiern, Ende Juni wollten wir uns an der alten Schule treffen. 16 von 19 Abiturienten leben noch, Mitschüler, die vorher abgegangen waren, sind auch dabei. Nur ich muss nun absagen, weil der Tumor mich stoppt.

Was da gelaufen ist, in Lehrte und in Burgdorf, kriege ich erst mit Abstand erzählt. Zu meiner großen Überraschung gehören zu den Unterlagen des Klassentreffens auch die Abiturarbeiten von 1957, vor allem der Aufsatz und der "Bildungsgang". Um unsere Reife zu belegen, mussten wir aufschreiben, was uns bis zu diesem Zeitpunkt zu dem Menschen geformt haben könnte, dem jetzt der Weg ins erwachsene Leben freigegeben wurde.

Ich lese im Krankenbett, wie die Schrecken des Krieges – die Bombenangriffe vor allem – meine Kindheit geprägt und meine Jugend vergiftet haben. "Spielzeug gab es nicht", schrieb ich als 19-Jähriger in meinem Bildungsgang. "Wenn ich heute vor einer Spielwarenhandlung stehe, denke ich mir manchmal, wie schön es sein muss, jetzt Kind zu sein. Wir hatten damals nur den Krieg, er ist mein bleibendes Erlebnis. Wir spielten jeden Tag Soldaten, und als ich 1943 zur Schule kam, lernten wir auch dort strammstehen und marschieren."

Und ich lese von meiner Angst vor den Bomben. Und was ich über die "einfache Lebensfrage" – nämlich "Was denken Sie über die Haltung, die sich in der englischen Redensart Take it easy ausdrückt?" – geschrieben habe.

Ich bin mir jetzt, in diesem Krankenbett, nicht so sicher wie Siegfried Lenz, dass die Welt für jeden von uns nur einen Inhalt bereithält, eine Rolle, einen Charakter womöglich – aber ich bin sehr sicher, dass ich mir über die Jahre eine Haltung erarbeitet und erlitten habe, die mich und meine spezielle Weise, in der Welt zu sein, kennzeichnet. Und die will ich nicht preisgeben, wenigstens nicht kampflos.

Die Riesenbahnstation, die früher Lehrter Bahnhof hieß, sehe ich nach der Lektüre meiner Aufsätze mit anderen Augen. Oft habe ich mit Gerhard Schröder im Kanzleramt darüber gespottet. Ob er es nicht ein bisschen übertrieben fände, habe ich gefrotzelt, sich einen "Lehrter Bahnhof" vor das Fenster bauen zu lassen, nur weil er in Lehrte geheiratet hatte und Bundestagsabgeordneter geworden war? Da wolle ich wohl von mir ablenken, konterte er: "Für dich war der Bahnhof in Lehrte doch das Tor zur Welt."

Ich sehe aus dem Krankenzimmer auch das Kanzleramt und erinnere mich an intensive Diskussionen mit dem ersten Hausherrn. Wie hat Schröder anfangs mit seinem neuen Amtssitz gehadert. Für ihn war der Bau ein Kohl-Monstrum. Ein Schild wollte er unten anbringen, auf dem stehen sollte: "Dies ist nicht mein Deutschlandbild!" Die Chemie mit dem Architekten Axel Schultes stimmte überhaupt nicht. Erst als der Bau später Preise gewann, hielt Schröder eine versöhnliche Rede. Aber einsam und vom Leben ausgesperrt fühlte er sich darin immer. Sein Büro konnte ein gespenstischer Ruhepunkt sein – am 11. September 2001 zum Beispiel.

Fängt die Erinnerung an, eine Stadt zu erschließen, sie sich zu "eigen" zu machen, dann reihen sich Lebensphasen aneinander. Geschichtsausstellungen im alten Reichstag, Bundestagssitzungen in der Kongresshalle – erschüttert von schallmauerdurchbrechenden russischen MiG-Jägern, die im Tiefflug darüber hinwegdonnerten –, Christos märchenhafte Reichstagsverhüllung, Maikundgebungen mit Willy Brandt in den sechziger Jahren, die Fußball-WM 2006 mit der Fanmeile und jetzt das Feuerwerk der Eidgenossen zu ihrem Nationalfeiertag.

Anekdoten, gewiss, nicht bedeutend, aber doch Markierungen auf der Landkarte meines Lebens. Wie könnte ich hoffen, dass meine Krankheit "Episode" bleibt, würde ich sie nicht deutend einklinken in den inneren Diskurs meiner Selbstreflexion? Ich vergewissere mich meiner Identität doch, indem ich mir mein Leben immer wieder neu und in veränderter Perspektive erzähle.

So setzt sich aus Erinnerungsfetzen und aktuellen Schmerzen mein "eigentümliches" Leben zusammen, das meine Persönlichkeit ausmacht. Und unheimlich sind mir jene postmodernen jungen Menschen, die sich in jeder Situation selbst erzeugen, indem sie auf veränderte gesellschaftliche Erfordernisse reagieren und sich den jeweiligen Gegebenheiten anpassen.

Ich. Geduld

Gegen 14.30 Uhr ruft die Assistentin Sedi: "So, Herr Leinemann, es geht los!" Zum letzten Mal höre ich das Kreischen der Strahlenkanone, sehe sie links und rechts über mich wegschwenken, verharren, einrasten und warte dann auf diesen singenden Sägeton. Und schließlich das herbeigefieberte "So, das war’s. Ich nehme Ihnen jetzt Ihre Maske ab." Alle gratulieren mir, dass ich Bestrahlung und Chemo hinter mir habe. Sedi sagt: "Nehmen Sie es nicht persönlich, aber ich will Sie hier nie wieder sehen."

Immer habe ich gesagt, ich glaube erst, dass es vorbei ist, wenn ich die Charité im Rückspiegel meines Taxis nicht mehr sehe. Kurz nach 17 Uhr ist es so weit. Nach 44 Tagen Klinik bin ich wieder ein halbwegs freier Mensch. Aber als Fall Nummer 302670317 bin ich noch längst nicht erledigt.

Zunächst ist die Heimkehr zwar ein positiver Kulturschock. Mein Sofa, meine Bücher, meine Bilder, meine Musik. Gerührt versinke ich in meiner Umwelt. Alles ist vertraut – die Ausblicke, die Geräusche, die Gerüche. Nur dass ich eben nicht der Alte bin. Ich fühle mich schlapp und gedemütigt durch meinen Galgen, an dem die künstliche Ernährung hängt.

Tatsächlich werden die folgenden zehn Tage die unerfreulichsten meiner ganzen Krankheit. Die Nebenwirkungen, die verschärften Bestrahlungen am Schluss sind grauenhaft. Nachts glaube ich im Schleim zu ersticken. Ich huste mir die Seele aus dem Leib. Am Tag kann ich kaum sprechen. Ich gurgele Wortteile hervor, nicht daran zu denken, dass ich das Telefon abnehmen könnte. Am meisten aber leide ich unter der Aussichtslosigkeit, dass sich je etwas ändern könnte. Dass mir Freunde versichern, ich sähe gut aus, besser als seit Langem, kann ich nur als billigen Trost verstehen, wenn nicht als blanken Hohn. Ich sehe mich im Spiegel, als sei ich eine Leiche auf Urlaub.

"Sie brauchen jetzt ganz viel Geduld", sagt Dr. I., einer der drei Chirurgen, die mir in der Charité den Glauben an die guten Seiten der Medizin erhalten, als ich nach ein paar Tagen wieder zum Verbandswechsel dort bin. Gewiss – nur fehlt es mir an nichts mehr als gerade daran. Wie oft habe ich schon in der Vergangenheit gespottet: Herr, gib mir Geduld, aber schnell.

Wahr ist aber, dass ich am Ende tatsächlich gebetet habe. Es kam ganz natürlich. Noch vor Kurzem fragte mich ein Kollege, ob ich eigentlich gläubig sei, und ich antwortete: "Das kann ich so nicht sagen. Wenn Sie gefragt hätten, ob ich ungläubig sei, dann hätte ich mit einem klaren Nein antworten können. Aber so direkt? Ich weiß nicht."

In meinem protestantischen Elternhaus gehörte das Christentum eher in den Bereich der überkommenen Konventionen. Da ich auch Germanistik studiert hatte, war mir aber das christliche Abendland sozusagen als Lehrstoff nahegebracht worden. 1968 aus der Kirche auszutreten, nur weil ich – wie viele meiner Freunde – keine Kirchensteuer zahlen wollte, kam mir deshalb nicht in den Sinn. Dennoch blieben für mich Religion, Kirche und Spiritualität weltenferne Begriffe, bis mir der Alkohol die Grenzen meiner Kontrolle und Selbstgewissheit aufzeigte.

Danach wurde ich über meine Selbsthilfegruppe vertraut mit einer vagen Formel von einer "höheren Macht", doch tat ich mich weiterhin schwer mit Vertrauen in einen Gott, der alles richtet. Das änderte sich erst, als mir ein Freund mit einem einfachen Vorschlag beisprang: "Wenn du mal wieder grübelst, was Gott kann und wer Gott ist, dann reicht es erst mal, dass du weißt: Du bist es jedenfalls nicht."

Auf dieser Ebene versuchte ich, mir eine demütige Haltung anzugewöhnen, und merkte bald, dass es eine große Entlastung ist, noch eine andere Dimension zu vermuten, einen weiteren Horizont, der das Überschaubare überschreitet. Nun drängt mich die Krankheit, wie selbstverständlich, einen Schritt weiter. Ein Leben nach dem Tode kann ich mir immer noch nicht vorstellen. Wohl aber eine Ordnung, die mir Ruhe verschafft und die Verantwortung für mich und andere abnimmt. Das lockert den Druck, alles in dieses eine Leben hineindenken zu müssen. Auch in dieser Hinsicht fühle ich mich ganz offen. Ich fürchte das Sterben als einen quälenden, schmerzlichen Prozess, aber nicht den Tod.

Noch aber habe ich Ziele. Es gibt Arbeit zu erledigen. Und ich hoffe noch Lebensaugenblicke genießen zu können, schöne Stunden mit meinen Angehörigen, gute Gespräche mit Freunden, oder sei es auch nur wieder ein frischer Apfelsaft.