Der in die Jahre gekommene Anglistikstudent holt die marineblau oder efeugrün gebundenen Lexika, Anthologien und Geschichtsbücher mit den in Gold geprägten drei Krönchen auf dem Buchrücken immer noch mit freudiger Ehrfurcht aus dem Bord: "Oxford" steht da zu lesen, University Press dann im Impressum, die Dependancen reichen von Glasgow über Mumbai bis nach Tokyo, und wenn der Buchrücken breit genug ist, dann ist in dem aufgeschlagenen Band, den die Krönchen einrahmen, das goldene Motto Dominus Illuminatio Mea (Der Herr erleuchte mich) zu entziffern.

Berlin University Press – die verlegerische Geburtsanzeige, die vor einigen Monaten die Runde machte, erzeugte bei Studenten a. D. und anderen Menschen mit literarisch-kulturhistorischem Migrationshintergrund ein frohes Erstaunen. Wird jetzt der Name der Hauptstadt, die auch eine Hauptstadt der Universitäten und Museen ist, eigene Wissenschaftspublikationen krönen! Hat hier vielleicht Kultursenator Klaus Wowereit eine Erleuchtung gehabt?

Es ist alles ganz anders, und das ist auch gut so. Denn erstens sind die Oxford und die Cambridge University Press (1478 und 1584 erschienen die ersten Titel, und natürlich gehörten die Bibel und Bibelkommentare zum Programm) die ältesten und größten wissenschaftlichen Verlage überhaupt und quasi identisch mit den Universitäten. Und zweitens hatte Gottfried Honnefelder, der Gründer der bup, wie wir sie jetzt nennen dürfen, nie im Sinn, einen Wissenschaftsverlag zu gründen. Er hat auch überhaupt nicht gegründet, sondern, so heißt das in der Branche, einen Mantel gekauft. Er hat den im Jahr 2000 gegründeten Berlin University Verlag, dessen Besitzer den Mantel im Schrank hängen gelassen hatte, übernommen. "Mit den University-Press-Verlagen", sagt der gebürtige Rheinländer, auf dessen Gesicht die Falten, wenn überhaupt, sich nur in der horizontalen Lachrichtung formieren, "habe ich nichts zu tun. Hinter dem Namen steckt ein Trick." Honnefelder möchte unter dem noblen Universitätshut einerseits lesbare Wissenschaft unter das Volk der gebildeten Normalverbraucher bringen und andererseits parallel zu den gewohnten Übersetzungen aus dem Englischen auch deutschsprachige Wissenschaft über die Sprach- und Landesgrenzen transferieren. Ein Vertrag mit Yale, auch dort gibt es, wie an vielen großen amerikanischen Universitäten, eine University Press, ist bereits abgeschlossen. Einer der interessantesten Titel der ersten Produktion, Gottfried Boehms Wie Bilder Sinn erzeugen – Die Macht des Zeigens, wird bereits ins Englische übersetzt, Andrei Pleșus Das Schweigen der Engel aus dem Rumänischen ins Deutsche und ins Englische.

Und was hat das alles mit Berlin zu tun? Gar nichts. "Berlin ist ein Fokuswort für die deutsche Wissenschaft", sagt Honnefelder, der ein kleines Büro in Berlin hat, ein ebensolches und seinen Wohnsitz in Köln und außerdem eines in seinem elektronisch hochgerüsteten Audi, mit dem er gern und oft hin- und herfährt.

Ist das nun ein Geniestreich oder eine Donquichotterie? Weder noch, aber von allem etwas. Man könnte von einem Sachbuchverlag reden, aber das klingt dröge oder nach drittem Bildungsweg und also nicht nach Gottfried Honnefelder. Der promovierte Literaturwissenschaftler und neue Verleger, der auch Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ist, hat eine bemerkenswerte Karriere im deutschen Verlagswesen hinter sich, davon 23 Jahre im Hause Suhrkamp. 1974 hatte er dort begonnen, kam in Kontakt mit Wissenschaftlern wie Luhmann, Habermas, Henrich und Taubes, wurde 1979 Geschäftsführer, publizierte 1985 die ersten Bände des von Siegfried Unseld und ihm gegründeten Deutschen Klassiker Verlags. Von 1997 bis 2006 war er Geschäftsführer bei DuMont in Köln. Kein Mangel also an Erfahrungen und Verbindungen in der Welt der Bücher.