Über Skopje liegt der Geruch der Lindenblüte, er nimmt einem fast den Atem. Silke Maier-Witt öffnet das Fenster ihres Büros und lässt das schwere, süße Parfüm hereinströmen. Im Lexikon steht: Linden nennt man auch Gerichtsbäume, weil früher in den Dörfern unter den Linden Gericht gehalten wurde. Silke Maier-Witt setzt sich in den roten Kunstledersessel, den sie vor ein paar Tagen gekauft hat. Sie ist jetzt 57, fast hat sie schon etwas Großmütterliches. Ungeschminkt, die Haare aschblond und kurz. Sie sieht harmlos aus und weiß es, „das war schon immer so, es war eine gute Tarnung“. Grüne Hose, Bluse mit Blumenmuster, an einer silbernen Halskette baumelt ein türkisfarbenes Amulett. Sie fühlt sich nicht wohl, das ist ihr anzumerken: der steife Körper, der rote Ausschlag, der sich auf Hals und Dekolleté abzeichnet, wie immer, wenn sie unter Stress steht, ein Merkmal, das mal in ihrer Fahndungsakte stand.

Es geht um Hanns Martin Schleyer. Silke Maier-Witt erzählt, wie die Worte „Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet“ ihren Mund verließen und durch den Hörer eines Telefons am Frankfurter Hauptbahnhof ihren Weg in die Nachrichtenredaktionen und in die Welt fanden. Sie hätte, sagt Silke Maier-Witt, zuvor mit Sieglinde Hofmann darüber geredet, warum es nötig gewesen sei, Schleyer umzubringen. (Sie sagt „warum es nötig war“, nicht „ob“.) Sieglinde Hofmann war damals neben Brigitte Mohnhaupt die Wortführerin der RAF. Hofmann fand, es gebe keine Alternative zum Mord. Silke Maier-Witt war eine Randfigur der zweiten RAF-Generation, der man nicht viel zutraute. Eine, die für Botendienste gebraucht wurde, zum Ausspionieren, zum „Cleanen“ bei der Auflösung der illegalen Wohnungen. Schleyer wurde umgebracht, ohne dass Silke Maier-Witt widersprochen hätte.

Hatte sie Mitgefühl, damals? Das Bild von Schleyers zerschossenem Mercedes habe sie einen Moment lang berührt, sagt sie. Unwohl war ihr, als sie lange nach dem Mord die Tonbänder abtippte von den Verhören, die ihre Mitstreiter mit Schleyer geführt hatten. Aber das Unwohlsein blieb ohne Konsequenzen. Mitgefühl habe sie zurückgedrängt, „das Nachdenken war abgeschaltet“. Es gab für sie bloß noch ein Gefühl damals, jene Unabdingbarkeit, die ihr anfangs so sehr an der RAF imponiert hatte, dass sie sich entschied, ihr Leben für diese Gruppe aufs Spiel zu setzen, „heute kommt mir das so unmenschlich vor“.

Silke Maier-Witt nennt es „Unabdingbarkeit“, Gabriele Rollnik sagt dazu „den eigenen Überzeugungen entsprechend handeln“, Monika Berberich „Ernst“. Die eine arbeitet heute als Friedensfachkraft, die Zweite als Kinder- und Jugendtherapeutin, die Dritte engagiert sich im Dritte-Welt-Haus. Sie wollen noch immer die Welt verändern, wenigstens im Kleinen. Damals, in den siebziger Jahren, glaubten sie, dass das nur mit Gewalt möglich sei. Frauen, die bereit waren, zu morden und zu sterben. Sie bekämpften den Staat und fügten sich nicht in das Rollenbild von der bescheidenen, sich unterordnenden Frau ein. Als Frauen mit der Waffe in der Hand („im BH“, schrieb die Bild, was so schön nach Sex and Crime klang, aber leider ausgedacht war) lösten sie in der breiten Bevölkerung einen besonderen Grusel aus.

Heute, 30 Jahre später, fürchten wir uns nicht mehr vor ihnen, aber sie scheinen uns noch immer ein Rätsel. Im Jahr 1977, nach dem Mord an Jürgen Ponto, waren von den 16 gesuchten Terroristen, deren Bilder auf den Fahndungsplakaten veröffentlicht wurden, elf Frauen. Die RAF-Frauen wurden stilisiert, zu rätselhaften, wilden, geradezu erotischen Heldinnen von den einen, zum ewig Bösen, Antiweiblichen von den anderen. Man machte sie klein, oder man erklärte sie für besonders radikal, für hysterisch, mindestens lesbisch, irgendwie jedenfalls absonderlich.

Angeblich gab es beim Bundeskriminalamt den Befehl: Schießt zuerst auf die Frauen. Weil die so schnell bei der Waffe seien. Das BKA hat die Existenz dieser Regel nie bestätigt. Aber der Mythos hielt sich, weil er irgendwie gut klang.

Warum gab es so viele Terroristinnen? Und wie ist das, wenn man heute diesen Frauen begegnet, die damals alles ihrer Weltsicht unterordneten, die keine Folgen fürchteten, weder für andere noch für sich selbst?

Silke Maier-Witt, Gabriele Rollnik, Monika Berberich: Können sie erklären, was an diesem Terrorismus weiblich war?

Es hat nach dem Mord an Schleyer noch zwei Jahre gedauert, bis Silke Maier-Witt das Nachdenken zuließ. Sie hatte 1979 einen Banküberfall in Zürich mit vorbereitet. Bei der Flucht schossen drei ihrer Mitkämpfer auf einen Polizisten; ein Querschläger traf eine 56-jährige Frau, die vor dem Schaufenster eines Modegeschäfts stand. Eine Jüdin, wie sich später herausstellte. Sie starb für keinen politischen Zweck, sondern dafür, dass die RAF Wohnungen bezahlen konnte, Verpflegung, Autos. Silke Maier-Witt hörte auf. Sie tauchte mit Hilfe der Stasi unter in der DDR, zum Schluss lebte sie in Neubrandenburg, als Dokumentarin. Erst nach dem Fall der Mauer flog sie auf, erkannt von einem Kollegen, der in einer Personenbeschreibung der gesuchten Terroristin Silke Maier-Witt von dem hektischen Ausschlag gelesen hatte. Im Gefängnis kam sie auf die Idee zu ihrer Diplomarbeit, die sie nach ihrer Haft geschrieben hat. Den genauen Titel weiß sie nicht mehr, wohl aber das Thema: warum Frauen kriminell werden. Um acht Mörderinnen geht es darin. Und irgendwie natürlich um sie selbst.

Frauen begehen weniger Straftaten als Männer, die Statistik weist gerade mal 19 Prozent aus; bei Mord und Totschlag sind es seit Jahren um die sieben, acht Prozent. Mit den wenigen Frauen, die gewalttätig werden, weiß die Gesellschaft nicht umzugehen.

Eine der Mörderinnen, die in ihrer Diplomarbeit vorkommen, war erst 14. Ein Mädchen, das ein anderes erstochen hatte. Wenn es von diesem Mord erzählte, redete es immer nur von „dem Geschehen“, so distanziert, wie die früheren RAF-Mitglieder gern von „Aktionen“ reden. Das Mädchen wurde in die Psychiatrie gesteckt. Man habe es in seiner Schuld nicht ernst genommen, „das ist das Schlimmste“, sagt Maier-Witt, „sie konnte sich dem entziehen, was sie getan hatte“.

Silke Maier-Witt hat die Diplomarbeit zusammen mit einer Kommilitonin geschrieben, einer Arztehefrau mit vier Kindern. Die Frau hieß Gerlach, was sie für Maier-Witt interessant machte. Gerlach hieß sie auch mal, das war ihr Deckname in der DDR. „Es macht was mit einem, ob man seinen echten Namen hat oder nicht.“ Sie war froh, als sie ihren zurückbekam. Sie musste sich ihrer Vergangenheit stellen, der Verantwortung. Sie musste sich selbst zurückerobern, eine Aufgabe, an der sich alle Figuren in dieser Geschichte abarbeiten; sie scheinen damit unterschiedlich weit gekommen zu sein.