Über Skopje liegt der Geruch der Lindenblüte, er nimmt einem fast den Atem. Silke Maier-Witt öffnet das Fenster ihres Büros und lässt das schwere, süße Parfüm hereinströmen. Im Lexikon steht: Linden nennt man auch Gerichtsbäume, weil früher in den Dörfern unter den Linden Gericht gehalten wurde. Silke Maier-Witt setzt sich in den roten Kunstledersessel, den sie vor ein paar Tagen gekauft hat. Sie ist jetzt 57, fast hat sie schon etwas Großmütterliches. Ungeschminkt, die Haare aschblond und kurz. Sie sieht harmlos aus und weiß es, „das war schon immer so, es war eine gute Tarnung“. Grüne Hose, Bluse mit Blumenmuster, an einer silbernen Halskette baumelt ein türkisfarbenes Amulett. Sie fühlt sich nicht wohl, das ist ihr anzumerken: der steife Körper, der rote Ausschlag, der sich auf Hals und Dekolleté abzeichnet, wie immer, wenn sie unter Stress steht, ein Merkmal, das mal in ihrer Fahndungsakte stand.

Es geht um Hanns Martin Schleyer. Silke Maier-Witt erzählt, wie die Worte „Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet“ ihren Mund verließen und durch den Hörer eines Telefons am Frankfurter Hauptbahnhof ihren Weg in die Nachrichtenredaktionen und in die Welt fanden. Sie hätte, sagt Silke Maier-Witt, zuvor mit Sieglinde Hofmann darüber geredet, warum es nötig gewesen sei, Schleyer umzubringen. (Sie sagt „warum es nötig war“, nicht „ob“.) Sieglinde Hofmann war damals neben Brigitte Mohnhaupt die Wortführerin der RAF. Hofmann fand, es gebe keine Alternative zum Mord. Silke Maier-Witt war eine Randfigur der zweiten RAF-Generation, der man nicht viel zutraute. Eine, die für Botendienste gebraucht wurde, zum Ausspionieren, zum „Cleanen“ bei der Auflösung der illegalen Wohnungen. Schleyer wurde umgebracht, ohne dass Silke Maier-Witt widersprochen hätte.

Hatte sie Mitgefühl, damals? Das Bild von Schleyers zerschossenem Mercedes habe sie einen Moment lang berührt, sagt sie. Unwohl war ihr, als sie lange nach dem Mord die Tonbänder abtippte von den Verhören, die ihre Mitstreiter mit Schleyer geführt hatten. Aber das Unwohlsein blieb ohne Konsequenzen. Mitgefühl habe sie zurückgedrängt, „das Nachdenken war abgeschaltet“. Es gab für sie bloß noch ein Gefühl damals, jene Unabdingbarkeit, die ihr anfangs so sehr an der RAF imponiert hatte, dass sie sich entschied, ihr Leben für diese Gruppe aufs Spiel zu setzen, „heute kommt mir das so unmenschlich vor“.

Silke Maier-Witt nennt es „Unabdingbarkeit“, Gabriele Rollnik sagt dazu „den eigenen Überzeugungen entsprechend handeln“, Monika Berberich „Ernst“. Die eine arbeitet heute als Friedensfachkraft, die Zweite als Kinder- und Jugendtherapeutin, die Dritte engagiert sich im Dritte-Welt-Haus. Sie wollen noch immer die Welt verändern, wenigstens im Kleinen. Damals, in den siebziger Jahren, glaubten sie, dass das nur mit Gewalt möglich sei. Frauen, die bereit waren, zu morden und zu sterben. Sie bekämpften den Staat und fügten sich nicht in das Rollenbild von der bescheidenen, sich unterordnenden Frau ein. Als Frauen mit der Waffe in der Hand („im BH“, schrieb die Bild, was so schön nach Sex and Crime klang, aber leider ausgedacht war) lösten sie in der breiten Bevölkerung einen besonderen Grusel aus.

Heute, 30 Jahre später, fürchten wir uns nicht mehr vor ihnen, aber sie scheinen uns noch immer ein Rätsel. Im Jahr 1977, nach dem Mord an Jürgen Ponto, waren von den 16 gesuchten Terroristen, deren Bilder auf den Fahndungsplakaten veröffentlicht wurden, elf Frauen. Die RAF-Frauen wurden stilisiert, zu rätselhaften, wilden, geradezu erotischen Heldinnen von den einen, zum ewig Bösen, Antiweiblichen von den anderen. Man machte sie klein, oder man erklärte sie für besonders radikal, für hysterisch, mindestens lesbisch, irgendwie jedenfalls absonderlich.

Angeblich gab es beim Bundeskriminalamt den Befehl: Schießt zuerst auf die Frauen. Weil die so schnell bei der Waffe seien. Das BKA hat die Existenz dieser Regel nie bestätigt. Aber der Mythos hielt sich, weil er irgendwie gut klang.

Warum gab es so viele Terroristinnen? Und wie ist das, wenn man heute diesen Frauen begegnet, die damals alles ihrer Weltsicht unterordneten, die keine Folgen fürchteten, weder für andere noch für sich selbst?

Silke Maier-Witt, Gabriele Rollnik, Monika Berberich: Können sie erklären, was an diesem Terrorismus weiblich war?

Es hat nach dem Mord an Schleyer noch zwei Jahre gedauert, bis Silke Maier-Witt das Nachdenken zuließ. Sie hatte 1979 einen Banküberfall in Zürich mit vorbereitet. Bei der Flucht schossen drei ihrer Mitkämpfer auf einen Polizisten; ein Querschläger traf eine 56-jährige Frau, die vor dem Schaufenster eines Modegeschäfts stand. Eine Jüdin, wie sich später herausstellte. Sie starb für keinen politischen Zweck, sondern dafür, dass die RAF Wohnungen bezahlen konnte, Verpflegung, Autos. Silke Maier-Witt hörte auf. Sie tauchte mit Hilfe der Stasi unter in der DDR, zum Schluss lebte sie in Neubrandenburg, als Dokumentarin. Erst nach dem Fall der Mauer flog sie auf, erkannt von einem Kollegen, der in einer Personenbeschreibung der gesuchten Terroristin Silke Maier-Witt von dem hektischen Ausschlag gelesen hatte. Im Gefängnis kam sie auf die Idee zu ihrer Diplomarbeit, die sie nach ihrer Haft geschrieben hat. Den genauen Titel weiß sie nicht mehr, wohl aber das Thema: warum Frauen kriminell werden. Um acht Mörderinnen geht es darin. Und irgendwie natürlich um sie selbst.

Frauen begehen weniger Straftaten als Männer, die Statistik weist gerade mal 19 Prozent aus; bei Mord und Totschlag sind es seit Jahren um die sieben, acht Prozent. Mit den wenigen Frauen, die gewalttätig werden, weiß die Gesellschaft nicht umzugehen.

Eine der Mörderinnen, die in ihrer Diplomarbeit vorkommen, war erst 14. Ein Mädchen, das ein anderes erstochen hatte. Wenn es von diesem Mord erzählte, redete es immer nur von „dem Geschehen“, so distanziert, wie die früheren RAF-Mitglieder gern von „Aktionen“ reden. Das Mädchen wurde in die Psychiatrie gesteckt. Man habe es in seiner Schuld nicht ernst genommen, „das ist das Schlimmste“, sagt Maier-Witt, „sie konnte sich dem entziehen, was sie getan hatte“.

Silke Maier-Witt hat die Diplomarbeit zusammen mit einer Kommilitonin geschrieben, einer Arztehefrau mit vier Kindern. Die Frau hieß Gerlach, was sie für Maier-Witt interessant machte. Gerlach hieß sie auch mal, das war ihr Deckname in der DDR. „Es macht was mit einem, ob man seinen echten Namen hat oder nicht.“ Sie war froh, als sie ihren zurückbekam. Sie musste sich ihrer Vergangenheit stellen, der Verantwortung. Sie musste sich selbst zurückerobern, eine Aufgabe, an der sich alle Figuren in dieser Geschichte abarbeiten; sie scheinen damit unterschiedlich weit gekommen zu sein.

Heute arbeitet Silke Maier-Witt für das Forum Ziviler Friedensdienst, eine kleine Organisation, die sich aus Spenden und Mitteln des Entwicklungshilfeministeriums finanziert und die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Frieden in die Welt zu tragen. Maier-Witt hat ihn fünf Jahre lang ins Kosovo getragen, nach Prizren, wo sie versucht hat, die Unversöhnlichen zu versöhnen: die Täter und ihre Opfer. Seit einem halben Jahr ist sie in Skopje, Makedonien, und will Albanern und Makedoniern die Idee vom friedlichen Zusammenleben der Ethnien nahebringen. Es ist ihre Art, etwas Nützliches aus ihrer Vergangenheit zu ziehen. Die anderen sollen von ihren Fehlern lernen, von ihrer Erkenntnis: Gewalt ist kein Mittel, eine Gesellschaft zu verändern. Für die Bewerbung auf die Stelle in Prizren hatte sie ein Empfehlungsschreiben vom damaligen Generalbundesanwalt Kay Nehm bekommen. Der Nachfolger des 1977 von der RAF erschossenen Siegfried Buback war überzeugt davon, dass sie sich fundamental geändert hatte.

RAF, die Buchstaben bedeuten niemandem etwas auf dem Balkan. Bloß den Deutschen, denen Silke Maier-Witt manchmal begegnet. Dem Bundeswehrangehörigen, einem höheren Rang, der im Kosovo zu ihr sagte: „Sie werden verstehen, dass ich Ihnen nicht die Hand geben kann.“ Der Frau von der deutschen Botschaft, die verhindern wollte, dass sie einen Vortrag in Belgrad hielt. Irgendwann wird sicher auch das BKA sie noch mal vernehmen zur Frage, wer Buback erschoss. Die Vergangenheit hört nicht auf, für niemanden, der damals dabei war.

Ein Abend im Mai, eine Buchhandlung im Hamburger Schanzenviertel. Angekündigt ist eine Lesung aus dem Buch Nach dem bewaffneten Kampf. Die Texte darin sind aus einer Gesprächsrunde von ehemaligen RAF-Mitgliedern und Psychotherapeuten entstanden, die sich sieben Jahre lang immer wieder getroffen haben, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Den Streit in der Gruppe, die Haftbedingungen, nicht die Taten. Der Raum ist voll, das Publikum sitzt dicht gedrängt auf blauen Plastikklappstühlen. Verwaschene Cordhosen. Seidentücher. Ungekämmte Haare. Der Deckenventilator wälzt Worte aus einer vergangenen Zeit um. Hungerstreik. Stammheim. Gabriele Rollnik und Karl-Heinz Dellwo bahnen sich einen Weg nach vorn zum Podium, setzen sich. Seine Hand wandert zu ihrem Ellbogen. Er trägt Lederjacke, sie schwarze Jeans, glatte blonde Haare. Sie sehen gut aus zusammen. Sie sind ein Paar, er 55, sie 57, kennengelernt haben sie sich vor zwölf Jahren bei einem Fest auf einem Elbschiff zur Freilassung von Knut Folkerts, Dellwos Mithäftling.

Von draußen dringen Demo-Geräusche herein, es ist der Tag der Großrazzia vor dem G8-Gipfel. Vor der Roten Flora, dem Zentrum der linken Szene von Hamburg, sammelt sich die Empörung. Es ist auch der Tag, an dem Horst Köhler die Begnadigung von Christian Klar abgelehnt hat. Das Publikum diskutiert, ob es lieber demonstrieren oder zuhören will. Der Saal leert sich zur Hälfte, die Demo-Geräusche werden lauter. Drinnen verliest Karl-Heinz Dellwo ein Statement zum Fall Klar. An Klar werde „Rache genommen“ für die ganze Gruppe. Dann trägt er stockend, langsam seinen Text vor. Es geht um seine Schuld am Tod zweier Menschen bei der Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm 1975. „Unrecht kann nicht mit Unrecht aufgewogen werden“, sagt er. Gabriele Rollnik guckt fragend zu ihm rüber. Später, im persönlichen Gespräch, wird sie sagen, die gemeinsame Vergangenheit „im bewaffneten Kampf und unter langjährigen Sonderhaftbedingungen“ sei ein wichtiges Thema in ihrer Beziehung, eines, das Nähe zwischen ihnen schaffe. Jetzt aber trägt sie aus dem Buch vor: „Die Zeit war noch nicht reif; wir sind zu weit gesprungen und abgestürzt.“ In einem Nebensatz formuliert sie, dass die RAF-Mitglieder „viel Lebendiges bei sich selbst abschneiden mussten“.

Die Fragen aus dem Publikum werden eingeleitet mit den Anreden „Karl-Heinz“ und „Ella“. Man kennt sich. Das Publikum fühlt sich den Exterroristen auf dem Podium nah, oder eher: den Terroristen, die sie mal waren. (Den Begriff „Terrorismus“ weist Rollnik zurück, mit der Begründung: „Wir wollten nicht Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiten, sondern innerhalb der herrschenden Klasse.“) Das Publikum fragt: „Wie lebt ihr mit dem Kompromiss?“; „Muss man denn den bewaffneten Kampf nicht wieder aufnehmen?“ Rollnik sagt: „Die Zeit ist nicht mehr da, die Fehler sind zu offensichtlich geworden.“ Manche, die auf den Klappstühlen sitzen, wirken fast enttäuscht. Als jemand fragt: „Was ist für euch Moral?“, finden die beiden, es sei jetzt genug.

Es gibt einen schwedischen Dokumentarfilm über Karl-Heinz Dellwo, in dem auch Gabriele Rollnik auftaucht. Sie sitzen zusammen in ihrer Hamburger Küche, an der gekachelten Wand pappt ein RAF-Stern mit Kalaschnikow, daneben Kräuter, Tee, Gewürze, Fotos. Ein Treffen zu Hause lehnt Gabriele Rollnik für diesen Artikel ab. Ihr ist das zu intim, es hat wohl auch mit diesem Jahr zu tun, in dem auf einmal vieles wieder zu sein scheint wie damals. Reden möchte sie trotzdem, „wir haben ein Interesse daran, mitzudefinieren, was dieser Kampf war“. Das „wir“ gilt immer noch. Gleich als Erstes, beim Vorgespräch am Telefon, hatte sie gesagt: „Ich habe mich nie distanziert.“

Wir verabreden uns in einem Café im Schanzenviertel. Gabriele Rollnik kommt von der Arbeit, erledigt schnell noch ein paar Telefonate am Handy. Sie therapiert Scheidungskinder, berät Familien mit Erziehungsschwierigkeiten. Viele der Kinder, um die sie sich kümmert, sind Opfer von Gewalt. „Reparaturarbeit“ mache sie, die Ausgestoßenen interessierten sie, die am Rand der Gesellschaft lebten. Sie sagt, sie sei sehr einfühlsam. Sie mag Kinder, selber hat sie ja keine, nach dem Gefängnis war es zu spät. In ihrer Biografie fehlt ein Stück, 15 Jahre Haft.

Man kann sich vorstellen, dass sie ihre Arbeit gut macht. Es gibt Momente im Gespräch, da spürt man ihre Offenheit, vielleicht sogar eine gewisse Wärme. In Auseinandersetzungen, sagt sie, sei sie „eher nachgiebig“, sie verstehe die anderen immer gut und müsse ihre eigenen Interessen nicht jedes Mal durchsetzen. Wenn es ums Grundsätzliche gehe, könne sie aber unangenehm werden. Zu spät zeige sie ihre Grenzen, und dann seien die anderen erschrocken. Auch das kann man sich vorstellen. Manchmal ist sie plötzlich kalt, verschlossen, harsch. Wenn es um Moral geht, um Schuld. Damit kann sie nichts anfangen, und wenn sie doch etwas dazu sagt, zieht sie es später wieder zurück. Jedes Wort darüber ist noch heute ein Politikum unter den Ehemaligen. Und so klingt die Einsicht, die sie formuliert, etwas umständlich, fast wissenschaftlich: „Attentate auf Funktionsträger des Systems sind politisch falsch gewesen, weil sie keinen Raum für Diskussionen und neue Handlungsmöglichkeiten eröffneten, sondern im Gegenteil solche Räume eher dichtmachten.“ Zwei Jahre nach ihrer Freilassung hat sie dieses Wort zum ersten Mal über die Lippen gebracht: „falsch“. Anderen ist das Wort noch heute unerträglich. Wenn Gabriele Rollnik es ausspricht, dann mit einer Bestimmtheit, dass klar ist: Das ist die Formel, die sie für sich gefunden hat, sie wird nichts dazuaddieren, sie wird nichts davon subtrahieren. Es steckt Mathematik in ihrem Tonfall.

Gabriele Rollnik war bei der Bewegung 2. Juni, der RAF-Konkurrenz. Die von der RAF hielten sie zunächst für die Spaßguerilla, weil sie bei ihren Banküberfällen Negerküsse verteilten. Die Bewegung 2. Juni löste sich 1980 auf; die letzten Mitglieder traten zur RAF über. Gabriele Rollnik war für die Verschmelzung der beiden Gruppen eingetreten; formal konnte sie den Schritt nicht vollziehen, weil sie in Haft war. Erst 1993 kam sie frei; da war die Welt schon eine andere, die RAF fast am Ende.

Bei der Bewegung 2. Juni hatten Frauen viel zu sagen, das zog Gabriele Rollnik an. Sie hatte Sozialarbeit studiert. An der Universität in Berlin engagierte sie sich Anfang der siebziger Jahre in einer trotzkistischen Gruppe. Ihre Diplomarbeit wollte sie zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf schreiben. Sie brach ab, auf der Suche nach etwas Existenziellerem, nach gesellschaftlicher Veränderung. Sie fing an, als Löterin in einer Fabrik zu arbeiten, und versuchte nebenbei, die Arbeiterinnen zu agitieren. Wilde Streiks und das Gefühl: Da ist mehr drin. Doch die Frauen hatten anderes im Kopf als die Weltrevolution: die Kinder, den Mann, das tägliche Pensum.

In dieser Zeit kam eines Abends eine Freundin in ihre Wohnung, Till Meyer im Schlepptau, ein Mitglied der Bewegung 2. Juni, gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen. Gabriele Rollnik gab ihm Quartier. Sie fing an, für ihn nach Pässen, Wohnungen zu fragen. Die beiden verliebten sich (eine Liebe, die endete, als Till Meyer sich von der RAF lossagte; undenkbar, weiter mit ihm zusammen zu sein). So also ging alles los. Sie sagte zu ihm: „Ich will die anderen kennenlernen. Ich will richtig mitmachen.“

Es war ein kleiner Schritt damals, viele waren auf dem Sprung in die Illegalität. Aber warum waren unter denen, die den Sprung tatsächlich wagten, so viele Frauen?

„Wegen ihrer Ideologie sind linksterroristische Gruppen für Frauen interessanter als rechtsextreme Gruppierungen“, sagt Gisela Diewald-Kerkmann, Historikerin an der Universität Bielefeld. Weniger wissenschaftlich formuliert könne man auch sagen: Frauen wollen die Welt retten. „Vor allem aber“, sagt die Historikerin, „hatten die Frauen das Gefühl, dass sie mehr zu gewinnen und weniger zu verlieren hatten.“ Zu gewinnen: die Kontrolle über ihr Leben, die Macht, ein Land zu verändern. Zu verlieren: eine Zukunft, über die andere entscheiden würden. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen: dass ein Professor einer Studentin sagt, Frauen gehen doch eh nur an die Uni, um den richtigen Heiratskandidaten auszusuchen. Das hat Gabriele Rollnik erlebt, eine von unzähligen Begebenheiten dieser Art.

Seit fünf Jahren wertet Diewald-Kerkmann Gerichtsakten aus. Sie hat Gespräche geführt mit Verteidigern, mit Frauen der RAF und der Bewegung 2. Juni, mit den Ex-Innenministern Werner Maihofer und Gerhart Baum, mit früheren Behördenmitarbeitern. Von 150 Gerichtsverfahren gegen die RAF und die Bewegung 2. Juni seien 50 bis 60 Prozent gegen Frauen geführt worden, sagt Diewald-Kerkmann. Auf der Anklagebank saß nicht die typische Kriminelle, die aus der Unterschicht stammt und nie eine Chance hatte. Die meisten Terroristinnen hatten studiert, „die Richter, Staatsanwälte und Strafverfolger hatten soziologisch ihre eigenen Töchter vor sich“. Es waren junge Frauen, die zu Hause autoritäre Strukturen erlebt hatten und die auf keinen Fall das Leben ihrer Mütter führen wollten.

Doch Frauen, die politisch auftraten, wurden gesellschaftlich geächtet, sagt Diewald-Kermann. Selbst in der Studentenbewegung seien Frauen dazu da gewesen, Flugblätter zu tippen und Kaffee zu kochen. Für Frauen, die etwas bewegen wollten, waren extreme Gruppen verlockend. Und „wenn sich Frauen entschieden hatten, waren sie in der Regel mit enormer Konsequenz dabei“. In der Bewegung 2. Juni und der RAF konnten sie das Gefühl haben, in einer Gruppe zu sein, in der sie genauso viel zu bestimmen hatten wie die Männer (von Andreas Baaders Sonderrolle einmal abgesehen). Und manchmal sogar mehr.

„Wir konnten einiges besser“, sagt Gabriele Rollnik über die Frauen bei der Bewegung 2. Juni: „Uns den Notwendigkeiten der Illegalität anpassen. Mit schwierigen Situationen kamen wir besser zurecht.“ Die Männer seien es gewesen, die bei Banküberfällen in Panik an die Decke geschossen hätten. Der Schütze, der bei der Befreiung von Andreas Baader auf den Bibliotheksangestellten Georg Linke feuerte? Ein Mann, der die Nerven verloren hatte. Von sich selbst sagt Rollnik: „Ich kann auch in zugespitzten Situationen ganz gut denken.“

Ein kleiner Rest von Stolz ist ihr anzuhören. Die Anfänge bei der Bewegung 2. Juni gehören für sie „zu einer guten Zeit“ ihres Lebens. Sie hatte das Gefühl, der Befreiung auf der Spur zu sein. Sie lernte, Dokumente zu fälschen, Schlösser zu knacken, zu schießen, das war notwendig, um sich in der Illegalität bewegen und um „Aktionen durchführen“ zu können, es machte ihr aber auch „Spaß“. Bei der Entführung des Berliner CDU-Bürgermeisterkandidaten Peter Lorenz 1975 fuhr sie eines der Tatautos; sie führte einen fingierten Secondhandladen, in dessen Keller Lorenz gefangen gehalten wurde. Sie war eins mit sich, fühlte sich „angekommen da, wo ich sein wollte“. Aus dem Gefängnis ist sie 1976 ausgebrochen, zusammen mit der RAF-Frau Monika Berberich und mit den 2.-Juni-Mitgliedern Inge Viett und Juliane Plambeck (die später zur RAF wechselten). Sie sind durch ein Fenster in der Gefängnisbibliothek in der Berliner Frauenhaftanstalt Lehrter Straße gestiegen, kletterten über Dächer. Manchmal klingt das, was Gabriele Rollnik erzählt, nach einem großen Abenteuer.

In ihren Albträumen zog Gabriele Rollnik den Revolver, drückte ab, und es kam keine Kugel raus. In Wirklichkeit war es manchmal andersherum: Kugeln flogen, die gar nicht fliegen sollten. So starb der Berliner Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann bei einem Entführungsversuch durch ein Kommando der Bewegung 2. Juni. Das war nicht geplant. Es geschah, einen Tag nachdem Holger Meins im Hungerstreik gestorben war. Von Drenkmanns Tod „wurde in der Bewegung 2. Juni nicht problematisiert“, sagt Rollnik, „sondern als Vergeltung für den Tod von Holger gerechtfertigt. Heute halte ich das für einen großen Fehler.“ Auf die Frage, ob sie Bedauern über den Tod von Drenkmanns verspüre, weicht sie aus. Das ist der Punkt, an dem sie zumacht.

Der Mangel an Empathie irritiert: als hätte ihr jemand Nerven zerschnitten, sodass sie keine Signale mehr weiterleiten. Gabriele Rollnik spricht selbst davon, „emotional ausgetrocknet“ gewesen zu sein. Sie meint die Haftzeit; als sie rauskam, war es für sie unvorstellbar, sich noch einmal zu verlieben. Sie war überrascht, dass es dann doch geschah. Sie meint nicht das mangelnde Mitgefühl mit den Opfern.

Waren diese Frauen – bei aller Wut auf den Staat – gefühllos gegenüber dem Einzelnen? Ist es das, was sie ausmacht?

Besuch bei jemandem, der versucht, die Gefühle der Frauen zu verstehen, die sich für die Gewalt entschieden hatten. Angelika Holderberg zählt zu den Therapeuten jener Runde, der auch Gabriele Rollnik und Karl-Heinz Dellwo angehörten. Ihre Praxis befindet sich in einem kleinen Mehrfamilienhaus am Rand von Hamburg. Holderberg hat Erdbeeren und Trüffelpralinen bereitgestellt. Sie ist eine von zwei Therapeuten, die durchgehalten haben. Acht weitere haben aufgegeben. Das Verlangen, den jeweils anderen im Gespräch zu vernichten, muss für alle zu spüren gewesen sein bei diesen Treffen.

Angelika Holderberg wählt jede Silbe mit Bedacht, wenn sie darüber redet. Zu lange hat es gedauert, Vertrauen in der Gruppe aufzubauen, sie weiß, wie viel ein falsch verstandenes Wort in der komplizierten Beziehung zu den Frauen zerstören kann. Sie sagt, am Anfang der gemeinsamen Treffen habe sie nicht erlebt, wie sonst in Gruppen, dass jemand zumindest versucht habe, sich in den anderen einzufühlen, dass jemand einen anderen in den Arm genommen oder getröstet habe, wenn einer weinte. Erst später sei mehr und mehr Empathie spürbar geworden. Der Umgang miteinander war eher hölzern. Der Ton war extrem barsch, von Gleichberechtigung wenig zu spüren: „Männer haben Männern besser zugehört.“ Besonders weiblich, gar erotisch wollte keine sich zeigen, das sei ihr aufgefallen.

Auf die Frage „Welche Lust hatte ich an der Macht, an der Gewalt?“ habe sich keine der Frauen (und auch keiner der Männer) einlassen wollen, die sie kennengelernt habe. Einzige Ausnahme: Eine Gruppenteilnehmerin, die nur eine gewisse Zeit an den Sitzungen teilgenommen hatte und die ihr später schrieb: „In dem unmenschlichen Verhältnis zum anderen war ich denen, die ich bekämpft habe, gleich, so wie ich nie sein wollte.“

Angelika Holderberg findet die Vorstellung fragwürdig, die Frauen der RAF seien besonders hart gewesen. Aber sie haben sich hart gemacht.

Es ist nicht leicht, Zugang zu Monika Berberich zu finden. Sie mag es nicht, Erwartungen zu erfüllen. Das war schon als Kind so: Mädchenhaft mochte sie nie sein. Heute ist sie eine große Frau von 64 Jahren mit knorrigen Männerhänden, sie trägt Rucksack, einen orangefarbenen Strickpulli mit Polokragen, einen grauen Kurzhaarschnitt, ein völlig anderer Typ als die auf Attraktivität bedachte Gabriele Rollnik. Monika Berberich wirkt, als wäre sie sich selbst zu groß, als wäre ihr Körper ein Werkzeug, mit dem man Arbeiten erledigen kann, mehr nicht. Sie sitzt im Garten eines Cafés nicht weit von der Universität in Frankfurt am Main und signalisiert mit jeder Geste, jedem Kleidungsstück, jedem Wort: Ich gehöre nicht zu euch.

Monika Berberich war Gründungsmitglied der RAF. Sie war 1970 an der Befreiung von Andreas Baader beteiligt; als Ulrike Meinhof untertauchte, fuhr sie deren Kinder nach Italien, in ein Barackenlager am Ätna, in dem sich Genossen von Andreas Baader versteckten. Verurteilt wurde Monika Berberich, weil sie eine Bank überfallen und mit schief sitzender Perücke ein paar Autos und eine Wohnung gemietet hatte. Dafür bekam sie zwölf Jahre Haft, zwei Jahre mehr als andere Beteiligte, weil man sie wegen ihrer hohen Intelligenz und als ausgebildete Juristin für besonders gefährlich hielt. 1976 der Ausbruch zusammen mit Rollnik; zwei Wochen später wurde Berberich wieder gefasst. Seit 1988 ist sie in Freiheit, die sie in einer Art Totalopposition gegen die heutige Gesellschaft lebt.

Monika Berberich hat ein erstes Staatsexamen in Jura, aber sie hat ihren Beruf, bis auf Hilfsarbeiten in der Kanzlei des RAF-Veterans Horst Mahler, nie ausgeübt. „Ich wollte nie ein normales Leben und will das auch heute nicht.“ Nach der Haft war sie zunächst Fahrradkurierin. Dann kamen ein Abszess am Kleinhirn, zehn Tage Koma, danach einige Monate im Rollstuhl. Noch immer sind ihre Bewegungen ungelenk, die Feinmotorik, der Gleichgewichtssinn nicht in Ordnung, sie spricht nicht ganz flüssig. Weil sie nicht mehr arbeiten kann, lebt sie von der Grundsicherung. Sie jobbt ein bisschen im Frankfurter Dritte-Welt-Haus, singt im Chor, passt auf die Kinder ihrer Freundin auf. Das Gespräch mit ihr verläuft schleppend.

Frau Berberich, gibt es Gründe in Ihrer Biografie, die Sie zur RAF gebracht haben?

„Ich finde die Frage sehr reaktionär, es gab Tausende mit einer ähnlichen Biografie, die sich nicht so entschieden haben. Es gibt die Autonomie der Person. Gelehrte suchen lange nach Gründen, warum wir so wurden. Aber es gibt nicht das Gen, den Charakterzug, das hätten sie gerne.“

Sind Sie zur RAF gegangen aus einem Gefühl der Stärke oder eher aus einem Gefühl der Schwäche heraus?

„Es war kein Notwehrgefühl, die RAF war nicht Reaktion.“

Karl-Heinz Dellwo hat gesagt, es habe keine Freundschaft gegeben in der RAF. Haben Sie das auch so empfunden?

„Ich habe nicht nach Freundschaften gesucht. Unser Ziel war mir wichtiger als das, was man unter Freundschaft versteht.“

Hatten Sie Vorbilder? Gudrun Ensslin vielleicht?

„Gudrun gab mir das Gefühl, wichtig zu sein. Nein, eher so: An ihr konnte ich es begreifen.“

Was ist weiblich für Sie?

Augenrollen .

Wie wichtig war Ihnen die Befreiung der Frauen? „Auch wenn Gudrun die Frauen als prädestiniert für die Guerilla ansah, weil sie sich nur gegen die herrschenden Vorstellungen verwirklichen können: Es ging uns nicht um die Befreiung der Frauen, sondern um die Befreiung der Menschen.“

Mitten im holprigen Gespräch rutscht Berberich auf einmal nach vorn auf die Stuhlkante. „Ha!“, ruft sie und zeigt auf ein Amseljunges, das gerade von seiner Mutter gefüttert wird, „haben Sie das gesehen?“

Sie beginnt, von ihrem Kleingarten zu erzählen, in dem sie viel Zeit verbringt, so viel, wie das Wetter es zulässt. Sie spürt die unausgesprochene Frage und sagt: „Kleingärten sind schon lange nicht mehr der Hort des Reaktionären.“ Der Eindruck drängt sich auf, dass sie mit Bäumen und Tieren besser umgehen kann als mit Menschen.

Oder die Bäume und Tiere besser mit ihr. Es gibt ein Kunstobjekt des Berliner Künstlers Thomas Kilpper, eines Bekannten von Monika Berberich. Ein Holzschnitt mit ihrem Porträt. Auf Berberichs Schulter sitzt eine Krähe. Es gab diese Krähe wirklich. Monika Berberich fand das Tier, als sie gerade aus dem Gefängnis gekommen war. Die Krähe war aus dem Nest gefallen, Berberich wollte ihr das Fliegen beibringen. Das Fliegen hat nicht geklappt, aber die Krähe wohnte bei ihr. Berberich ging mit ihr im Park spazieren. Einmal, als Gabriele Rollnik zu Besuch kam, hackte ihr die Krähe auf die Füße, aus Eifersucht. Rollnik musste Stiefel anziehen.

Monika Berberich war in der Gefängniszeit so etwas wie eine Mentorin für Gabriele Rollnik. Sie hat der Jüngeren die Politik erklärt, wie die RAF sie sah. Als 1985 der MTU-Chef Ernst Zimmermann mit einem Genickschuss hingerichtet wurde, als im selben Jahr der GI Edward Pimental erschossen wurde, weil man seine Papiere wollte, da haben die beiden aus dem Gefängnis heraus kritische Briefe an die RAF draußen geschrieben. Das Morden, vorher noch politisch legitimiert, war in ihren Augen sinnlos geworden. Noch heute regt Monika Berberich sich auf: „Um an eine Identitätskarte zu kommen, darf man keinen Menschen umbringen. Das ist das Letzte.“

Über die Zeit, in der sie selbst aktiv war, sagt sie: „Wir haben immer wieder darüber diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen es legitim sein könnte, Menschen zu töten. Es herrschte Einigkeit darüber, mit dem Leben von anderen äußerst vorsichtig umzugehen. Später war das anscheinend nicht mehr so.“ Einem wie Buback weine sie zwar keine Träne nach, „aber Leute einfach umzubringen, was soll das?“

Im Gefängnis zeigte Monika Berberich ihrer Mitgefangenen Gabriele Rollnik Listen, in denen stand, welche Hafterleichterungen es nach welchen Hungerstreiks gegeben hatte. Ganz selbstverständlich waren beide bereit, zu hungern, im Zweifelsfall zu sterben für die Zusammenlegung der Gefangenen, für ein Fenster in der Zelle, für längere Hofgänge, vor allem aber natürlich immer: für die Sache, gegen den Staat. Berberich hat neun Hungerstreiks absolviert, Rollnik sechs. Berberichs Körper machte besser mit, Rollnik begann irgendwann zu halluzinieren und Stimmen zu hören, aber auch sie brach nicht ab. Vom Hungern hat sie heute noch Gleichgewichts- und Sehstörungen.

Monika Berberich kann aus ihrer Frankfurter Wohnung hinübergucken zur Justizvollzugsanstalt Preungesheim, dem Gefängnis, in dem Birgit Hogefeld sitzt, dritte RAF-Generation, verurteilt unter anderem für den Mord am US-Soldaten Pimental. Birgit Hogefeld hatte sich schon vor ihrer Verhaftung von der RAF distanziert; Monika Berberich sagt, sie wüsste nicht, was sie mit ihr reden sollte. Birgit Hogefeld hat öffentlich ihre Schuld bekannt und jahrelang in Sitzungen mit dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter über ihre Vergangenheit gesprochen. Sie hat Richter erzählt, wie prägend für sie das Foto des toten Holger Meins war. Vielleicht, mutmaßt Richter, sei das ja ein besonders weibliches Phänomen: die Identifikation mit einer Märtyrerfigur.

Auch für Silke Maier-Witt war der Blick auf das Bild des aufgebahrten, ausgemergelten Holger Meins der Beginn ihrer RAF-Karriere. Sie kam aus dem Urlaub zurück, erholt, gut gelaunt, frisch verliebt, und sah diesen mit pergamentener Haut umspannten Totenkopf. Es sei das schlechte Gewissen gewesen – der da gibt sein Leben, und ich amüsiere mich –, das sie in die Arme der RAF trieb. Eher ein Zeichen für ein Übermaß an Empathie als für einen Mangel.

Was hat die RAF mit ihr als Mensch gemacht? Silke Maier-Witt sitzt in ihrem Büro und überlegt. Sie habe sich aufgewertet gefühlt durch die Gruppe: „Dass sie mich für wert befanden, aufgenommen zu werden!“ Für den Stolz darauf schämt sie sich im Nachhinein am meisten. Heute wisse sie, dass die Kraft der Gruppe einem eine gefährliche Gewissheit gebe: die, auf der richtigen Seite zu stehen. Und dann lässt sie den unerträglichen Gedankengang zu: Es sind die gleichen Mechanismen, die bei KZ-Wärtern funktionierten. Auch sie konnten sich einreden, für ein höheres Ziel zu morden. Es ist einer der härtesten Sätze, die ein ehemaliges RAF-Mitglied über sich selbst sagen kann. Waren sie doch angetreten, die Gesellschaft vom geistigen Erbe des Nationalsozialismus zu befreien.

Silke Maier-Witt hat gelernt: Jeder kann zum Täter werden. Frauen werden kriminell. Sie sind keine Monster. Sie sind wie sie, Silke Maier-Witt, früher Terroristin, heute Friedensfachkraft. Und doch vermittelt Maier-Witt den Eindruck, als wäre sie noch nicht zu Ende mit dem Nachdenken über die Frage: Wer ist das eigentlich, ich?

Silke Maier-Witt hatte ihre eigene Persönlichkeit so vollständig wie möglich ausgelöscht. Sie orientierte sich, ähnlich eigentlich wie die Frauen der fünfziger, sechziger Jahre, an dem, was von ihr verlangt wurde. Als Adelheid Schulz einmal vorschlug, man müsse in eine amerikanische Siedlung eindringen und in einem Haus möglichst viele Bewohner umbringen, sagte sie: Das ist ja ein Blutbad. Ihr wurde sehr schnell deutlich gemacht: Das war das falsche Wort, sie hielt fortan den Mund.

Die Selbstaufgabe ging so weit, dass sie sich noch nicht einmal darüber empörte, als Rolf Heißler bei Brigitte Mohnhaupt die Erlaubnis einholte, mit ihr, Silke, eine Beziehung einzugehen. Im Gegenteil: Mohnhaupts Ja war für sie „eine Art Kompliment.“

Heute scheint sie fassungslos über sich selbst zu sein. Sie urteilt hart über sich. Aber der Satz „Es tut mir leid“ klingt ihr „zu schal“. Ob sie um die Opfer der RAF geweint hat? Es wäre einfach, jetzt Ja zu sagen. Silke Maier-Witt überlegt einige Sekunden, die wirken wie 30 Jahre. Auf ihrem Hals zeichnen sich rote Schatten ab. Sie hat lange daran gearbeitet, zu sagen, was sie denkt. Eine Art Emanzipationsprozess. Es ist zu greifen, wie schwer ihr das fällt. „Nein“, sagt sie. Geweint hat sie nicht.

Silke Maier-Witt, 57, ist in Hamburg aufgewachsen. Während des Medizin- und Psycho-logiestudiums knüpfte sie lose Kontakte zur RAF. 1977 tauchte sie unter – an dem Tag, an dem Siegfried Buback umgebracht wurde. Sie war an der Entführung von Hanns Martin Schleyer beteiligt. 1979, nachdem bei einem Banküberfall in Zürich eine unbeteiligte Passantin erschossen wurde, trennte sie sich von der RAF und ging unter neuer Identität in die DDR. Als sie 1991 vor Gericht gestellt wurde, sagte sie aus und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, kam als Kronzeugin schon 1996 frei. Sie hat sich vom Terrorismus losgesagt.

Gabriele Rollnik, 57, stammt aus Dortmund. Ihr Vater war Polizist. 1970 ging sie zum Studium nach Berlin. 1974 schloss sie sich der Bewegung 2. Juni an, überfiel mehrere Banken. 1975 wurde sie festgenommen, ein Jahr später brach sie aus dem Gefängnis aus. 1978 befreite sie mit anderen ihren damaligen Freund Till Meyer, der ebenfalls zur Bewegung 2. Juni gehörte. Kurz darauf wurde sie wieder verhaftet. Während ihrer Haftzeit vereinigte sich die Bewegung 2. Juni mit der RAF, wofür Rollnik sich eingesetzt hatte. Seit 1993 ist sie frei. Sie arbeitet als Therapeutin in Hamburg. Von ihrer Vergangenheit hat sie sich nie distanziert.

Monika Berberich, 64, gehört zu den RAF-Mitgliedern der ersten Stunde. Sie wuchs in Oberursel in einem streng katholischen Elternhaus auf. Als angehende Juristin arbeitete sie in der Kanzlei von Horst Mahler, dem damaligen ideologischen Kopf der RAF. Berberich mietete Autos und Wohnungen für die RAF und bereitete zusammen mit anderen die Befreiung von Andreas Baader im Mai 1970 vor. Sie saß, mit einer kurzen Unterbrechung nach ihrem Gefängnisausbruch mit Gabriele Rollnik, von 1970 bis 1988 in Haft. Sie lebt in Frankfurt am Main und verurteilt das Morden der RAF.

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