Sosehr Russlands Gesellschaft im vergangenen Jahrzehnt durchgeschüttelt wurde, das Idealbild des russischen Mannes blieb unbeschädigt: der Macho, der "Muschik". Die Truppengattung des Hardcore-Muschiks sind die Fallschirmjäger. Alljährlich am 2. August, ihrem Feiertag, ziehen die Elitekämpfer mit hellblauen Baretten und weiß-blau gestreiften T-Shirts durch Russlands Städte, wo sich die Spezialpolizei postiert, als zögen fremde Landsknechte ein.

Unter Hurrarufen stürmen die Fallschirmjäger die Parks, Boulevards und manchen usbekischen Melonenverkaufsstand. In den Plastiktüten klirren ihre Waffen: Wodkaflaschen. Bald zeigen sie den nackten, durchtrainierten Oberkörper, und manche stolze Kriegsbraut an ihrer Seite lupft zur Hebung der Kampfmoral das T-Shirt. Wenn der Tag voranschreitet, pendeln die Krankenwagen hin und her mit Schnapsleichen und Leichtverletzten, die auf dem Rand der Springbrunnen beim traditionellen Erfrischungsbad ausgerutscht sind. Prügeleien gehören zur Folklore, und fast jedes Jahr kommen ein paar Kaukasier der russisch-patriotischen Männlichkeit und der ziellosen Kraft ihrer Popeye-Arme in die Quere. Zum Abschluss des Tages legen die Elitekämpfer in Moskau traditionell den Verkehr auf der Gartenring-Autobahn lahm, und die Polizei verwarnt vor allem ungeduldige und verärgerte Autofahrer.

Schon die Gleichberechtigungsparolen in sowjetischer Zeit konnten dem Muschik und seinem Selbstverständnis kaum etwas anhaben. Viele Russinnen beklagen zwar seine moralische Schwäche und seinen Mangel an Verantwortung. Aber die Mehrheit bewundert ihn oder stellt ihn zumindest noch nicht infrage. Seine simplen Attribute besingt die Rockgruppe Leningrad: "Eier, Tabakgeruch, Alkoholfahne und Bartstoppeln". Der Muschik, wie der Macho genannt wird, stellt seine Männlichkeit oft mit kommisskurzem Haarschnitt auf dem bulligen Kopf und einem breitbeinig wiegenden Bärengang, am liebsten in Camouflagehose, aus. Er ist der grobe Bursche ohne größere intellektuelle Ansprüche, der Radiosender wie "Russisches Radio" hört, wo die Frauen Objekt und Sex sportlicher Wettbewerb sind. "Unser Land", urteilt der Doyen der russischen Sexualwissenschaft, Igor Kon, "ist grob und sexistisch."

In seiner soldatischen Lebensauffassung neigt der Muschik eher zur Gewalt als zur Verhandlungslösung. Die gilt als Zeichen der Schwäche, vor allem, wenn sie in einem Kompromiss gipfelt. Bei der Männlichkeit kann es keine Kompromisse geben. "Während der Machismo in Südeuropa oft eher dekorativen Charakter hat, entspricht er in Russland einer inneren Einstellung, zu der fast automatisch Aggression gehört", sagt Andrej Sinelnikow, stellvertretender Direktor des Nationalen Zentrums zur Gewaltprävention, "Anna", in Moskau. "Die Gewalt wird gerne mit der Besonderheit der russischen Seele entschuldigt: Sie schlagen sich zwar, aber hernach versöhnen sie sich wieder, heißt es begütigend."

Massig und unberechenbar: Der Bär ist das Symbol des russischen Mannes

Der Muschik ist die vollendete Verkörperung des russischen Mannes und sein Fluch. Er bleibt das dominierende Modell der Orientierung – sei es als unerreichbare Herausforderung oder als abschreckendes Beispiel. Kraft, Entbehrung, Kampf und Erfolg vereinen sich im Idealbild. Viele Russen messen sich daran, scheitern an den Ansprüchen und sind frustriert. Manche verfallen in Verzweiflungsstarre oder Alkoholrausch. Andere verspielen ziellos ihr Leben, das sie als Einsatz gering schätzen. Die russische Gesellschaft formt Männer, die ihr Potenzial nicht auszuschöpfen vermögen.

Die Zeitschrift für den gebildeten Muschik heißt Der Bär. Er ist das Wahrzeichen des russischen Mannes. Der Bär ist massig und unberechenbar, er jagt und nimmt in Besitz, ist zu großen Kraftanstrengungen und tiefen Faulheitsphasen fähig. Die männerdiktierte Machtpartei Einiges Russland, deren Ideologie sich in der Unterstützung des Präsidenten Wladimir Putin erschöpft, malte sich einen Bären auf ihre Fahnen. Der Chefredakteur der Zeitschrift, Stanislaw Juschkin, sitzt in seinem Kabuff, wo gerade noch ein Besucher Platz findet, wie in einer Höhle. Draußen vor der Tür umlagern ihn Sekretärinnen. "Unser Männerbild ist das eines großen, kräftigen und leicht aggressiven Mannes", sagt Juschkin. "Der frühere Präsident Boris Jelzin kam ihm sehr nahe in seiner Männlichkeit und Unvorhersehbarkeit."

Juschkin konzipiert seine Zeitschrift für Männer, die älter als 30 Jahre sind und als Unternehmer oder Banker einen Teil ihres Lebensweges erfolgreich zurückgelegt haben. Sie lesen Interviews mit Helden, die vom Männertagewerk, dem Überwinden aller möglichen Widerstände, berichten. Beliebt sind auch Jagderzählungen berühmter Russen. In der Rubrik Papa berichtet ein Autor launisch über seine Erziehungserfahrungen. Weitere Ratgeber "Lebenshilfe" gibt es allerdings nicht. "Der Mann ist ein selbstständiges Tier, das höchstens in Krisensituationen mal Unterstützung benötigt", meint Juschkin.

Vor allem möchte Juschkin seinen Lesern bestätigen, dass ihre alten moralischen Vorstellungen noch Bestand haben. Dazu verweist er stolz auf ein Interview mit einem Scharfschützen der russischen Armee, der den Tschetschenienkrieg durchlaufen hat. Dieser vorbildliche Offizier aus einer Militärfamilie wird dafür gerühmt, dass er Hesse liest, Beethoven hört und den Feind mit seinen Zähnen zerreißen kann. "Ein Soldat darf nicht denken", postuliert der Scharfschütze. Seinen Staffordshireterrier erzieht er durch Schläge mit den Grinders-Stiefeln. "Das ist jemand, der für wenig Geld sein Leben fürs Vaterland riskierte und als 23-Jähriger schon wie ein 30-Jähriger urteilt", sagt der Chefredakteur. "Das ist ein optimistischer Augenblick für unsere Leser."

Russland hat als Kehrseite seiner autoritären Herrschaft bis heute einen althergebrachten männlichen Chauvinismus bewahrt. Mitte des 16. Jahrhunderts, zur Regierungszeit Iwans des Schrecklichen, erschienen christlich-patriarchalische Lebensratgeber, die den Alltag für Jahrhunderte bestimmten und bis heute für ihre Züchtigungsanleitungen berühmt sind. Das Haus war streng in einen männlichen und weiblichen Teil getrennt. Die gehorsame und bescheidene Frau durfte beim Gespräch ihrem Mann nicht in die Augen schauen. Wenn sie ihre häuslichen Pflichten vernachlässigte, waren Schläge erlaubt. Als größte Tugend des Hausherrn galt es, alle Gefühle zu verbergen. Liebe und Zärtlichkeit sollten vor dem Kind versteckt werden, um es abzuhärten. "Bestrafe die Kinder in der Jugend, und sie verschaffen dir Ruhe im Alter", lautete einer der Sinnsprüche. Gegenüber der Obrigkeit aber mussten die Männer absoluten Gehorsam zeigen. Im Staat hatten sie die weiblich schwache Position.