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Das Leben hat es gut gemeint mit Tom Tuohy. Es hat ihm einen 3,5-Liter-Jaguar geschenkt, Reisen in hundert Länder. Und zweimal hat er den Krebs besiegt. Jetzt ist er 87 Jahre alt und sitzt in seinem Salon, versunken im beigefarbenen Sessel, und schaut dem Billardartisten Ronnie O’Sullivan im Fernsehen zu. Sobald die Billardspieler Pause machen, blickt Tuohy aus dem Fenster, wo hinter Wiesen und Weiden die Kühltürme des einstmals größten Nuklearkomplexes Europas hervorlugen. »Ich habe dort den Laden geschmissen«, sagt der ehemalige Deputy Works General Manager.

Sein Laden – das war die Heimat der britischen Bombe. Zwischen 1947 und 1950 hatten die Briten in Windscale bei Egremont, in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands, einen Reaktor gebaut, der Uran in waffenfähiges Plutonium verwandeln sollte. Tuohy war stolz, dabei zu sein. »Wenn die Amerikaner die Bombe hatten, dann sollten wir auch eine haben.« Windscale I war der erste britische Atomreaktor. Und er war zugleich Ort der ersten Katastrophe.

Was die britische Regierung später als »Missgeschick« klassifizierte, erlebte Tuohy als »wichtigsten Tag meines Lebens«. Niemand hatte je darüber nachgedacht, wie man einen brennenden Reaktor löscht. Ein Feuer war in der Betriebsanleitung nicht vorgesehen. »Es war eine einzigartige Situation in der Geschichte der Menschheit«, erinnert sich Tuohy.

Das hat es noch nie gegeben. Was passiert in dem Block?

Das Drama beginnt am 7. Oktober 1957, einem Montag. Chefphysiker Ian Robertson macht sich an die Routineoperation der sogenannten Wigner-Entladung im Grafitblock, dem Herzen des Reaktors. Dieser Klotz, 2000 Tonnen schwer, 15 Meter hoch, 15 Meter breit, 7,5 Meter tief und von meterdickem Beton ummantelt, ist mit 3444 horizontal eingelassenen Kanälen gespickt. In jedem Kanal liegen hintereinander 21 Brennstäbe, jeder so lang wie ein Unterarm, von Aluminium umhüllt. Der Block hat eine unheimliche Eigenschaft: Durch den ständigen Neutronenbeschuss ändert er seine molekulare Struktur und speichert Energie, die gelegentlich kontrolliert freigesetzt werden muss, damit dies nicht als plötzlicher Hitzestoß während des Betriebs passiert.

Dazu wird der Reaktor heruntergefahren, um ihn dann – deutlich über die normale Betriebstemperatur hinaus – wieder aufzuheizen. Es ist das neunte Mal seit dem Start der Anlage, dass die Operateure die unsichtbare Energie ablassen. Um 1.13 Uhr in der Nacht gibt Robertson Anweisung, die Steuerstäbe in den Reaktor einzufahren und so die nukleare Kettenreaktion abzubremsen. Die Elektromotoren laufen an, die Stäbe kriechen in den Kern der Anlage. Der atomare Prozess stirbt langsam ab, der Reaktor beginnt auszukühlen. Robertson überprüft die 64 Temperaturfühler, sie zeigen zwischen 20 und 30 Grad.

Auf die Abkühlung folgt die Erhitzung. Die Atomwerker schalten die Kühlung ab und ziehen die neutronenfangenden Steuerstäbe aus dem Reaktorherz, das sich nun wieder erhitzt. Dafür gibt es nur eine dürre Instruktion von 12 Zeilen. Danach dürfen Uran und Grafit in den Brennkammern nicht heißer werden als 360 Grad. Robertson und sein Assistent Victor Goodwin werden sich auf ihr Bauchgefühl verlassen müssen. Drei Tage sind für die Operation geplant.

Die nächsten 24 Stunden verlaufen ohne Zwischenfälle. Im Control Room inspizieren Robertson und Goodwin die Messanzeigen. Die Männer sitzen in der stillen Abgeschiedenheit ihrer Warte. Alles scheint unter Kontrolle. Der Raum ist vollgestopft mit Monitoren, Messnadeln und Plottern, die jeden Betriebszustand in endlose Papierbänder gravieren. Die Messnadeln steigen langsam und planmäßig.

Chefphysiker Robertson ist zufrieden mit der Operation. Ihn quält die Grippe, die seit Tagen unter den Kollegen grassiert. Robertson überlässt die Routine weitgehend seinem Assistenten Victor Goodwin. »Vic«, wie ihn die Kollegen nennen, ist ein alter Hase, der schon bei mehreren Wigner-Entladungen dabei war. Am Abend des 7. Oktober zeigen die Messgeräte 250 Grad bei den Brennstäben. Die Zieltemperatur ist erreicht, das Signal, die nukleare Kettenreaktion wieder zu unterbrechen. Der Grafitkern hat jetzt ideale Bedingungen, die gespeicherte Wigner-Energie abzubauen. Durch die dabei frei werdende Wärme wird er sich weiter aufheizen – auf mehr als 330 Grad. Es ist inzwischen Dienstag, der 8. Oktober, vier Stunden nach Mitternacht. Robertson hat den Kontrollraum verlassen.

Fünf Stunden später, am nächsten Morgen um 9 Uhr, sind die Operateure irritiert. Vic Goodwin beobachtet die Temperaturanzeige. Die Hitze im Kern des Grafitblocks scheint schon wieder zu sinken. Goodwin befürchtet, dass der Reaktor nicht die angepeilte 330-Grad-Marke erreicht und die Wigner-Energie sich nicht vollständig abbaut. Goodwin ist auf sich allein gestellt. Er entscheidet, die Steuerstäbe herauszufahren, um die nukleare Kettenreaktion erneut anzufachen und das Grafit ein zweites Mal auf die richtige Temperatur hochzukochen. Ein verhängnisvoller Fehler.

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Später wird die Untersuchungskommission nachweisen: Goodwin konnte nicht wissen, was im Reaktor wirklich geschah. An einigen Stellen sind die Temperaturen gefallen, aber an anderen gestiegen. Im mächtigen Grafitblock gibt es ein Temperaturgefälle wie in einem schlechten Backofen. Die Experten der Atombehörde werden darlegen: Von 64 Thermometern zeigten 11 fallende Werte. Bei 26 war die Anzeige konstant. Aber: 9 Zeiger stiegen leicht, 18 sogar kräftig an. Ein Durcheinander von Daten, das jeden Chaostheoretiker glücklich machen würde.

Aber Goodwin muss eine Entscheidung treffen. Es ist 10.30 Uhr. Er lässt den Reaktor erneut hochfahren. Eine halbe Stunde später ist Windscale I wieder »kritisch«, die Neutronen schießen durchs Grafit, die Temperaturen steigen. Und sie sind weit höher, als Goodwin ahnt. Die Krux: Die Temperaturfühler sitzen dicht unter der Außenhaut des Grafitblocks. Doch die Temperaturspitze wird im Kern erreicht – einige Meter von den Temperaturfühlern entfernt. Während Goodwins Instrumente gutmütige 250 Grad vorgaukeln, kratzen die Brennelemente im Inneren fast die 400-Grad-Marke. Dafür sind sie nicht gebaut. Wenn sie zu lange dieser Hitze ausgesetzt sind, werden die Aluminiumhüllen und das darin eingeschlossene Uran in Flammen aufgehen.

Es ist 11.05 Uhr. Die Betriebsmannschaft beobachtet einen scharfen Temperatursprung. Binnen 15 Minuten klettern die Messinstrumente um 80Grad, an einzelnen Messpunkten springen sie pro Minute um 30 Grad. Das hat es noch nie gegeben. Was passiert in dem tonnenschweren Block? »Der Reaktor war außerordentlich nervös«, sagen die Operateure später in der Vernehmung. Erschrocken verlangsamen Goodwin und der aus dem Krankenbett zurückgekehrte Robertson die Kettenreaktion. Aber erst am Dienstag um 17 Uhr stoppen sie den Neutronenfluss vollständig. Die Temperatur liegt jetzt bei 345 Grad. Wird sich der Reaktor wieder beruhigen? Am nächsten Abend, dem 9. Oktober um 22.15 Uhr, ist die Temperatur immer noch deutlich zu hoch. Vor allem der Brennelementekanal 20/53 fällt mit 405 Grad aus dem Rahmen.

Der Schock kommt am Morgen. Es ist Donnerstag, der 10. Oktober, der »offizielle« Unfalltag von Windscale. Noch in der Nacht haben die Mannschaften immer wieder frische Luft durch den Reaktor geblasen, um die Anlage zu kühlen. Um 5.40 Uhr schlagen plötzlich die Geigerzähler am Schornstein aus. Sie messen eine auf sechs Curie erhöhte Radioaktivität. Zehnmal so hoch wie erlaubt! Die Männer sind beunruhigt. Woher kommt die Strahlung?

Sie klammern sich immer noch an die Vorstellung, sie hätten alles im Griff. Doch auch die meteorologische Station auf dem Gelände misst austretende Radioaktivität. Die Strahlung an dem 120 Meter hohen Abluftkamin über dem Reaktor steigt auf 30Curie. Der Reaktor ist außer Kontrolle.

Mit hektischen Manövern versuchen die Operateure, den Meiler abzukühlen. 13.45 Uhr: Die Ventilatoren laufen an, um kalte Luft durch den Reaktor zu blasen. 14.30 Uhr: Detektoren im Kern sollen die überhitzten Brennelemente lokalisieren. Doch die Geräte reagieren nicht, die Hitze hat sie ausgeknockt. Im Unglückskanal 20/53 messen die Fühler 450 Grad. Die wahre Temperatur dürfte deutlich über 600 Grad liegen. Aber noch weiß niemand, was im Inneren des Reaktors vor sich geht. Der liegt hinter dem meterdicken Beton. Die Operateure sind blind.

Gegen 15 Uhr ist die Werksleitung informiert worden. Fast ununterbrochen sitzt man seitdem in den schmucklosen Büros der Führungsetage zusammen. Die Männer bleiben ratlos. Um 16.30 Uhr wird es Betriebsassistent Tom Hughes zu bunt. Er geht direkt auf Windscale-Chef Ron Gausden zu: »Come on! Wir müssen nachsehen, was da drin los ist.« Hughes will tun, was vor ihm noch keiner gewagt hat: Er will ungeschützt in die Kanäle der Brennelemente schauen.

Helle Flammen, gelbe, dann blaue. Die Temperatur liegt bei 1300 Grad

Hughes zieht eine Gasmaske übers Gesicht und steigt auf die Ladebühne des Reaktors. Vor ihm ragt die mächtige Betonwand mit den nummerierten Verschlüssen auf. Rechts, im unteren Drittel, liegt Kanal 20/53. Hughes befiehlt seinen Männern, den Metallverschluss loszudrehen. Aus dem kreisrunden Loch schießt unsichtbar die Radioaktivität in den Raum. Hughes stellt sich ungeschützt davor und blickt ins Auge des Vulkans.

Im Haus von Tom Tuohy herrscht derweil ungewohnte Ruhe. Seine Frau und die beiden kleinen Kinder liegen grippekrank im Bett. Tuohy hat seinen freien Tag und pflegt die Patienten. Es ist 17 Uhr. Im Erdgeschoss läutet das Telefon.

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»Tom!«, sagt die Stimme von Ingenieur Gethin Davey, »Reaktor eins steht in Flammen!« Tuohy läuft zu seiner Familie hoch. Er verbietet seiner Frau, Fenster und Türen zu öffnen. Dann braust er in seinem Jaguar davon. Fünf Minuten später steht er vor dem Werkstor. Alles wirkt wie immer.

Er geht direkt auf die Arbeitsbühne. Hughes berichtet, was hinter der Betonwand zu sehen ist: Die Brennelemente in dem Grafitblock glühen »rot wie reife Kirschen«. Hughes hat sechs Männer mit weißen Overalls, Gummistiefeln und schwerem Atemgerät um sich versammelt. Mit eisernen Gerüststangen stochern sie in den Kanälen. Sie versuchen rund um Kanal 20/53 eine Feuerschneise zu schlagen. Die benachbarten Brennelemente müssen raus! Doch die eilig herbeigeschafften Stangen sind zu kurz. Nicht einmal die Hälfte der 21 hintereinander sitzenden Stäbe in jedem Kanal fällt auf der Rückseite ins Kühlbecken. Sobald die Männer die Stangen zurückziehen, tropft glühendes Metall von ihren Instrumenten. Ein Brocken fällt Tuohy direkt vor die Füße. Ohne nachzudenken, kickt er ihn von der Arbeitsbühne.

Tuohy will sich selbst ein Bild machen. Er lässt die Männer weitere Kanäle öffnen und blickt in die rote Glut. Er müsste einen Spiegel benutzen, um dem radioaktiven Beschuss zu entgehen. »Aber wo zum Teufel sollte ich einen Spiegel hernehmen?« Den bleistiftgroßen Messstab, den alle Arbeiter am Revers tragen, um die Strahlendosis zu ermitteln, hat er weggeworfen. Er will nicht riskieren, dass ihn die Kollegen wegen einer Überdosis nach Hause schicken.

Im Büro der Chefs sitzen die ratlosen Manager. Tuohy erstattet Bericht. Alle wissen: Wenn sich das Feuer durch den Reaktor frisst, stehen sie vor einer Katastrophe. Aber keiner der Männer spricht es aus. Tuohy: »Es war zu schrecklich, um es sich auszumalen.« Gemeinsam suchen sie fieberhaft nach einer rettenden Idee. Pest oder Cholera: Lassen sie die Ventilatoren laufen, die den Reaktor kühlen, dann facht der Sauerstoff das Feuer weiter an. Schließen sie die Ventilatorklappen und drehen so die Luftzufuhr ab, bleibt der Reaktor ungekühlt. Dann könnten 2000 Tonnen Grafit und das gesamte radioaktive Inventar in Flammen aufgehen.

Tuohy weiß, dass Sand am besten geeignet wäre, das Feuer zu ersticken. Aber wie soll man Hunderte Tonnen Sand in den Reaktor schaffen? Auch der Einsatz von Löschwasser wird diskutiert – und verworfen. Die Gefahr einer Explosion ist zu groß. Wer von den Männern die Idee hatte, Kohlendioxid in den Reaktor zu pumpen, lässt sich später nicht mehr klären. Zufällig ist an diesem Tag ein Tanklaster mit 25 Tonnen flüssigem CO₂ angekommen. Die Werksfeuerwehr legt Schläuche in den Reaktor und zieht sie durch die Notaufgänge zur Arbeitsbühne. Dann öffnen sich die Ventile, das Gas schießt in die brennenden Kanäle.

Tuohy hat mehrere Metallkappen abschrauben lassen und beobachtet die Löschversuche. »Das Feuer brannte weiter, das Kohlendioxid blieb ohne Wirkung.« Die offizielle Untersuchung wird später einen farbenfrohen Bericht über diese Stunden liefern. »19.30 Uhr: hellere Flammen; 20 Uhr: gelbe Flammen; 20.30 Uhr: blaue Flammen.« Die ganze Nacht hindurch stochern die Männer mit den Eisenstangen in den Kanälen. Die Temperaturen steigen weiter. Um 1.38 Uhr wird die Höchsttemperatur von 1300 Grad im Unglückskanal 20/53 gemessen.

Während der Reaktorkern brennt und Rauch aus dem Schornstein steigt, liegen die Menschen der Nachbarschaft ahnungslos in den Betten. Nur innerhalb der Anlage hat man den Notstand ausgerufen. Niemand darf die Gebäude verlassen. Der Wind weht mit 2 bis 3 Stärken aus Nordnordwest und treibt die radioaktive Wolke auf die Irische See. Der Strahlencocktail aus Jod 131, Plutonium, Cäsium und Strontium verteilt sich übers Meer.

Tuohy steht bei den Männern an den Schläuchen. Der Löschversuch mit Kohlendioxid hat unnötig Zeit gekostet. Draußen zieht ein milder Tag herauf, drinnen bleibt den Rettungsmannschaften eine letzte Option: Wasser! Genau davor haben sie alle Angst. Wird der Reaktor explodieren? Wird die Wasserstoffexplosion den Betonschild zerfetzen und das radioaktive Inventar in die Atmosphäre schleudern? Wird Cumbrias Küste zum radioaktiven Grab?

Tuohy verdrängt solche Gedanken. »Uns blieb nur noch das Wasser. Ich musste das nicht mehr diskutieren, ich habe es einfach getan.« Eilig werden die Wasserschläuche an die Gerüststangen gebunden, um die Schlauchenden gezielt an den Einsatzort zu balancieren. Dann entfernen die Arbeiter die Verschlüsse oberhalb des vermuteten Brandherdes. Wie Infusionsnadeln schieben sie die Lanzen mit den Schläuchen in den Reaktor. Tuohy lässt die Arbeitsbühne räumen. Er selbst flieht ebenfalls aus der direkten Gefahrenzone. Alle warten auf das Kommando.

Es ist 8.55 Uhr, Freitag, 11. Oktober 1957. Die Feuerwehr dreht die Hähne auf. 3600 Liter Wasser pro Minute schießen auf den glühenden Reaktor. Tuohy kauert mit eingezogenem Kopf hinter einer Stahltür. »Ich hatte den Leuten gesagt, sie sollten mit einem geringeren Druck anfangen. Da saß ich hinter meiner Tür und wartete auf Geräusche. Aber da kam nichts. Also habe ich den Druck erhöht – bis zum Maximum, bis die Pumpen nichts mehr hergaben.«

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Die Explosion bleibt aus. Aber das Feuer brennt weiter. Das Wasser schießt durch den Reaktorkern. Tuohy klettert über ein Metallgerüst auf die Decke des Reaktors. Dort befinden sich vier gullydeckelgroße Inspektionslöcher. Es gelingt ihm, die Luke auf der Ostseite zu öffnen. »Ich sah nichts als Flammen, es war nicht zu erkennen, aus welchen Kanälen sie kamen, ein Flammenmeer.«

Ist alles umsonst? Tuohy zieht seine Gasmaske vom Gesicht, nimmt das Telefon und gibt Anweisung, den Druck auf die Hälfte zu drosseln. Jetzt schießt das Wasser nicht mehr durch den Brandherd durch, sondern plätschert am Grafitblock hinunter, um zischend zu verdampfen. Eine riesige Wolke schwebt über dem Reaktor. Es ist 9.56 Uhr. Das Feuer brennt weiter. Aber das Wasser kühlt, der Feind ist geschwächt.

Der Untersuchungsbericht bleibt unter Verschluss

Soll Tuohy dem Feuer die Luft abdrehen? Bisher war an ein Ausschalten der Luftkühlung nicht zu denken, aber jetzt kühlt das Wasser. Es ist 10.10 Uhr. Er ruft in Daveys Büro an und schlägt vor, die Ventilatoren abzuschalten, um das Feuer zu ersticken. Die Wirkung ist durchschlagend. Noch während die Ventilatorschaufeln austrudeln, läuft Tuohy zu seinem Inspektionsloch und versucht, den Deckel zu heben. Der wehrt sich. Das Feuer japst nach Luft und will den Deckel festhalten. Mit einer Eisenstange hat er schließlich Erfolg. Unter ihm schlagen noch immer die Flammen aus dem Grafit. Aber ihnen fehlt die Nahrung: »Ich sah das Feuer buchstäblich wegsterben – eine Sache von Minuten.«

Am nächsten Nachmittag um 15.10 Uhr dreht die Werksfeuerwehr das Wasser ab. Der Reaktor ist kalt.

Was in diesen Stunden wirklich passiert ist, wird die Öffentlichkeit erst 30 Jahre später erfahren. Premier Harold Macmillan entscheidet, dass der am 26.Oktober fertiggestellte Untersuchungsbericht geheim bleiben muss. Aber schon am 15. Oktober wird ein Verkaufsverbot für Milch aus der Region ausgesprochen. Es bleibt bis zum 23. November in Kraft.

Bis zum Jahr 1990 werden 70 Untersuchungsberichte geschrieben. Die Forscher versuchen, die freigesetzte radioaktive Wolke mit ihrer gewaltigen Strahlung von allein 20000 Curie Jod 131 in Krebstote umzurechnen; man einigt sich schließlich auf 100 Opfer. Eine Leukämiewelle in dem Ort Seascale sorgt in den achtziger Jahren für neue Aufregung, bis die Erinnerung an den Unfall allmählich verblasst. Heute ist Windscale auch sprachlich entsorgt. Der Atomkomplex an der Irischen See heißt jetzt Sellafield.

Und Tom Tuohy? Zwei Dinge sind ihm geblieben: der Ärger, dass auch die Briten nicht gelernt haben, die Atomkraft zu lieben. Und der Verdacht, dass seine zwei Krebserkrankungen eine Folge des Unglücks sein könnten. »Das ist doch alles schon so lange her«, sagt er verunsichert. Dann rollt wieder die Billardkugel.

Die Autoren sind Journalisten und leben in Berlin