Er sei »ein schlanker, hochgewachsener junger Mann« gewesen, »der älter aussah als seine einundzwanzig Jahre. Die schönen, großen, graublauen Augen hatten einen traurigen, klugen, äußerst empfindsamen Ausdruck.« So beschreibt der Pianist Arthur Rubinstein seine erste Begegnung mit Karol Szymanowski, der ihm lebenslang zum »teuersten meiner Freunde« wurde. Fotografien von dem polnischen Komponisten vermitteln einen ähnlichen Eindruck: Man sieht einen ernsten, aristokratisch, doch irgendwie verloren wirkenden Mann, bei dem sich das Gefühl aufdrängt, er sei niemals so richtig in der Wirklichkeit angekommen. Szymanowksi war ein feingeistiger Bohemien und Außenseiter, eine »sensitive, zarte Natur voller Komplexe«, wie Rubinstein in seinen Memoiren schreibt, die Gesellschaften verabscheute und sich davor »fürchtete, unbegleitet in einem Konzertsaal zu sitzen«.

Zur Musik des bedeutendsten polnischen Komponisten zwischen Frédéric Chopin und Witold Lutoslawski will das nicht recht passen. Die ist alles andere als asketisch. Eine schwere, narkotisierende Süße etwa durchzieht das erste Violinkonzert aus dem Jahr 1916 ein Triumph des Sensualismus. Über flirrenden, immer neu eingefärbten Klangflächen zeichnet die Solovioline ins Unendliche strebende Linien. Oder die im selben Jahr entstandene dritte Sinfonie mit dem bedeutungsschweren Titel Das Lied der Nacht: Das Stück ist ein Fest entfesselter Sinnlichkeit, komponiert auf die erotischen Verse eines persischen Dichters. Wie im Rausch treibt Szymanowski Chor und Solisten, vielfach geteilte Streicher, einen riesigen Bläserapparat, Harfen, Klavier und Orgel zu grandiosen Höhepunkten. Eine wuchernde, in allen Farben schillernde Musik, die der Faszination durch Nietzsches Geburt der Tragödie und den Exotismen des Orients entsprungen ist. Sergej Rachmaninow hat einmal auf die Frage, ob ihm die Musik von Karol Szymanowski gefalle, geantwortet: »Ach was, sie ist Scheiße, aber als Mensch ist er ganz reizend.« Wahrscheinlich komponierte Szymanowski für den erzkonservativen Geschmack des Russen einfach zu avanciert, obwohl der Weg von Szymanowski zu einem Komponisten wie Alexander Skrjabin nicht sonderlich weit ist, und den verehrte Rachmaninow tief.

Szymanowskis 1926 uraufgeführtes Hauptwerk ist die Oper Król Roger (König Roger), sie kreist um den entscheidenden Konflikt in seinem Leben. Erstmals klang der in seinem 1918 geschriebenen, stark homoerotisch gefärbten Roman Ephebos an: Zeitlebens schwankte der homosexuelle Szymanowski zwischen gesellschaftlicher Konvention und trunkener Selbstentgrenzung, zwischen christlich dogmatischer Askese und dionysischem Freiheitsrausch. Nach mehreren Afrika- und Italienreisen hatte sich Sizilien als Schnittstelle zwischen den Kulturen zum utopischen Fluchtpunkt seiner geistigen wie erotischen Sehnsüchte entwickelt, auch dies lässt sich bei Rubinstein nachlesen: »Karol hatte sich verändert als er aus Italien zurückkam Er schwärmte von Sizilien, insbesondere Taormina hatte es ihm angetan.

Ich habe dort junge Männer baden gesehen, die sehr wohl Modell für den Adonis hätten stehen können, und ich konnte einfach meine Blicke nicht losreißen. Er war nun manifest homosexuell und eröffnete mir das auch mit funkelnden Augen.«

Auf Sizilien spielt denn auch Król Roger: Ein geheimnisvoller Hirte predigt den unbedingten Glauben an Freiheit, Schönheit und Liebe und bringt damit die starren gesellschaftlichen Normen am Hof des mittelalterlichen Normannenkönigs Roger zum Einsturz. Rogers Frau Roxane erliegt den Heilsversprechen des Hirten, der kein anderer als Dionysos ist. Auch der König fühlt sich stark zu dem Hirten hingezogen, verweigert sich jedoch im grandiosen, in den Ruinen eines antiken Theaters angesiedelten Schlussbild der dionysischen Irrationalität und entscheidet sich stattdessen für die lichtdurchflutete Welt Apolls. Szymanowskis neunzigminütige handlungsarme Oper lebt ganz aus der Musik von den archaischen modalen Harmonien des byzantinischen Kirchenchores zu Beginn über die sinnlich schillernden Vokalisen der Roxane bis zu den gleißend hochschießenden Schlusstakten der finalen Sonnenanbetung. Mit ihnen stürmt Szymanowski ins Offene einer utopischen Freiheit, in deren Nähe er im richtigen Leben nie kam.

Die Oper ist ein auskomponiertes Coming-out und doch viel mehr, denn die Sehnsucht nach Freiheit ist auch eine musikalische. Szymanowski ging es um die völlige Neuorientierung der polnischen Musik. » Möge sie national sein, aber nicht provinziell. Zerstören wir die gestrigen Dämme«, schrieb er 1920 und machte sich damit zwangsläufig nicht nur Freunde. Die Radikalität, mit der er die polnische Musik vom Mief der »Nationalfolklore« reinigen wollte, sie in jungen Jahren für die Einflüsse durch Strauss, Schreker, Skrjabin, Debussy und den »genialen« Strawinsky, natürlich auch für seinen eigenen, klanglich raffinierten wie expressiven Personalstil öffnen wollte, verstörte manchen. Als man ihm 1927, ein zweites Mal 1930 die Leitung der Warschauer Musikakademie anträgt, ist das doppelte Scheitern an den verkrusteten Strukturen praktisch vorprogrammiert.

Dabei entwickelt sich gerade die Volksmusik in späteren Jahren zur entscheidenden Inspirationsquelle Szymanowskis. Mitte der zwanziger Jahre lichten sich die komplexen Strukturen und seine wuchernde Chromatik auf - er beginnt mit volksmusikalischen Skalen zu arbeiten.