Eigentlich hat der Mann uns alles Notwendige selbst gesagt. Als er 1892 einen der Proustschen Fragebögen ausfüllte, firmierten Attila, Napoleon und Cäsar als seine Lieblingshelden in der Geschichte - gegen »Pedanterie und Ordnungssinn« war er empfindlich, und »Wandelbarkeit« kennzeichnete sein Temperament. Dass Rudolf Steiner (1861 bis 1925) sich selbst nicht erforscht hätte, kann man nicht behaupten. Dennoch steht der Begründer der Anthroposophie, der Lehre von der Selbst, Welt- und All-Erkenntnis des Menschen, im Ruf eines zweifelhaften Gurus, und seine Anhänger werden gern als Spinner abgetan.

Entsprechend hymnisch fiel die publizistische Begleitmusik zu einer Veröffentlichung aus, noch ehe sie überhaupt erschienen war, Helmut Zanders zweibändige Studie Anthroposophie in Deutschland.

Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 18841945«: Endlich ein seriöser Wissenschaftler, der den ganzen Steiner-Hokuspokus entzaubert! Dass, wie Zander selbst erklärt, auch liberale Anthroposophen ihren Urvater gehörig zausen, hat offenbar außer ihm niemand zur Kenntnis genommen. Stattdessen reiten die Zeitungen seit Monaten Attacken gegen Steiners pädagogisches Erbe, die Waldorfschulen, und verdrehen dabei so lange munter Fakten und Fiktionen, bis selbst der Kronzeuge der Anklage, der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer, öffentlich widersprach: Ein Hort der Gewalt sind diese Schulen nicht!

Wollte Steiner nur Macht um der Macht willen?

Dem Historiker Helmut Zander also sind die Lorbeeren sicher, noch ehe sich die Rezensenten durch die knapp 1900 Seiten seines Mammutwerkes geackert haben. Dem Grundsatz nach ist dieses Lob verdient: Zander füllt programmatisch eine Forschungslücke, deren Umfang Steiners Nachlassverwalter im schweizerischen Dornach nicht annähernd vermessen haben. Der Berliner Wissenschaftler unternimmt den Versuch, Steiners voluminöses Werk die unabgeschlossene Gesamtausgabe umfasst derzeit knapp 400 Bände systematisch zu kontextualisieren, also Querverbindungen aufzuzeigen und auf diese Weise die Vernetzung Steiners mit anderen Denkern und Denkmodellen der Jahrhundertwende zu beleuchten.

Zwei Kernbegriffe prägen Zanders Darstellung, so weit sie die Geburt der Anthroposophie betrifft: Macht und Pluralisierung. Als Generalsekretär der deutschen theosophischen Gesellschaft beschwört Rudolf Steiner, wie Zander meint, 1912 die Abspaltung seiner Sektion von der internationalen Theosophie herauf. Steiner bringt seine esoterische Christus-Lehre gegen die buddhistisch-hinduistischen Formeln der Dachorganisation in Stellung, baut also eine inhaltliche zur »bruchfähigen« Differenz aus. Das Motiv liegt für Zander auf der Hand Steiners absoluter Wille zur Macht ebnet der anthroposophischen Bewegung, die aus dem Zerwürfnis hervorgeht, den Weg.

Dass Rudolf Steiner Stichwort Attila, Napoleon und Cäsar für Menschenführung etwas übrig hatte, wird niemand bestreiten. Infrage aber steht, ob Steiner hier eigenen Überzeugungen gefolgt ist oder ob er, wie Zander unterstellt, diese Überzeugungen seinen Machtambitionen untergeordnet hat. Zander selbst liefert etliche Indizien, die seiner Hypothese widersprechen. Seit seinem Einstieg in die Theosophie machte Steiner keinen Hehl daraus, dass er eher an abendländische als fernöstliche Wurzeln anknüpfte - bei der Übernahme des Generalsekretärspostens der deutschen theosophischen Gesellschaft musste er 1902 förmlich zum Jagen getragen werden - schon Jahre vor der Trennung hat Steiner seine Schriften mit christlich-evangelikalen Hinweisen unterfüttert was summa summarum nicht dafür spricht, dass er Macht um der Macht willen anstrebte. Ganz sicher war Rudolf Steiner eine charismatische Persönlichkeit - aber ebenso sicher hielt er seinen Überzeugungen die Treue, was manchmal ein ziemlich unbequemes Geschäft war.