Willkommen in der Diktatur – Seite 1

Wo bleibt der Eklat? Immerhin haben die Reiseprospekte das Blaue vom Himmel versprochen. Birma, »ein tief religiöses, buddhistisches Land«, »eines der letzten und liebenswertesten Geheimnisse«, »eine weitgehend unberührte Welt«, wo sich »auf wunderbare Weise ein traditionsreiches Stück Asien erhalten hat«. Und nun das. Aber die Empörung wäre geheuchelt. Jeder, der sich für diesen Teil der Welt interessiert, wusste, dass der Vielvölkerstaat zwischen Thailand, Indien und China seit 45 Jahren von einer brutalen Militärdiktatur beherrscht wird und die entmachtete Opposition zum touristischen Boykott aufruft. Es fragt sich also, warum Touristen ihren Urlaub in einem Land verbringen, aus dem viele Einheimische am liebsten flöhen. Und warum die Reisebranche sie darin bestärkt.

Birma betrat die Welt der Hochglanzprospekte um 1996, als die Militärregierung nach Jahren der Isolation zum Besuch des Landes aufrief. Immer mehr Urlauber folgten der Einladung, zuletzt über 264000 im Jahr, davon 18000 aus Deutschland. Viele konnten Gutes berichten. Bequeme Einreise mit dem Billigflieger aus Bangkok nach Rangun. Hilfsbereite Behörden. Keine Militärpräsenz auf den Straßen, kein größenwahnsinniger Despot, der das Land mit seinem Konterfei pflastert. Dafür prächtige Pagoden, Klöster und Kolonialbauten ohne die üblichen knipsenden Massen.

Freilich war der Diktatur nicht an einer Öffnung gelegen, sondern nur an Devisen. Für Menschenrechtsorganisationen war klar, wie die touristischen Einrichtungen so schnell entstanden waren: durch Zwangsumsiedlungen und Zwangsarbeit. Seitdem wurde gehadert: Soll man da hin? Ja, weil es die Privatwirtschaft stärkt und kulturellen Austausch ermöglicht. Nein, weil vor allem das Regime abkassiert, das sich durch die Zusammenarbeit mit westlichen Reiseunternehmen den Anschein der Rechtmäßigkeit gibt. Unterdessen folgten die Veranstalter dem Credo, dass man Reisende nicht aufhalten soll. Ob Neckermann oder Studiosus, fast alle stiegen ein. (Auch der Zeitverlag bietet eine Leserreise an.) Südostasien war im Kommen. Vietnam hatte es binnen weniger Jahre vom Geheimtipp unter Rucksacktouristen zum Massenreiseziel gebracht. Selbst das geschundene Kambodscha entwickelte sich gut. Warum also nicht auch Birma?

Man kann die Debatte beim aktuellen Stand wieder aufnehmen. Vielleicht sind einige der Gewehre, die jetzt Birmanen töten, von unserem Urlaubsgeld bezahlt. Vielleicht ist es aber auch so, dass wir das Unrecht dort nur bemerken, weil die Reisebranche unser Interesse geweckt hat. Der Wahrheit am nächsten kommt wohl die Antwort, die uns am wenigsten gefällt: Es macht politisch keinen Unterschied, ob wir hinfahren oder nicht. Kundenboykotte sind eine stumpfe Waffe, im Fremdenverkehr erst recht. Nur ein einziges Mal, bei der Abschaffung der Apartheid in Südafrika, haben sie etwas bewirkt. Aber die birmanische Junta, die nur wenige Prozent ihrer Einkünfte aus dem Tourismus nimmt und auf ihren Ruf nichts gibt, ist auf diese Art nicht unter Druck zu setzen.

Nun gut, könnte man sagen: Birma ist der tourismusethische Extremfall, eine gastfreundliche Diktatur. Interessant für Gedankenspiele, aber zahlenmäßig ohne Bedeutung. Doch auch in anderen Ländern sind wir die Zuschauer, obwohl das, was hinter der Bühne gespielt wird, alles andere als schön ist. Einige der beliebtesten Fernreiseziele der westlichen Welt pfeifen auf westliche Werte.

Da gibt es zum Beispiel die Strand- und Safari-Diktaturen, deren trauriger Alltag nicht weiter auffällt, weil der Urlauber Einheimische nur als lächelnde Bedienstete trifft. Gern plappern da selbst Reisejournalisten nach, die Malediven seien demokratisch; und niemand wundert sich, warum der Präsident seit bald dreißig Jahren jede Wahl mit überwältigender Mehrheit gewinnt.

Dann die verbliebenen kommunistischen Regime wie Vietnam oder Kuba. Uns machen sie keine Angst mehr. Manchen ihrer Bürger schon.

Willkommen in der Diktatur – Seite 2

Auch Wohlstand löst nicht alle Probleme. In den Vereinigten Arabischen Emiraten lebt ein Großteil der Bevölkerung als Gastarbeiter nahezu rechtlos. Singapur verdankt seine Ordnung drakonischen Gesetzen aus der Kolonialzeit, Schläge inbegriffen. Touristen kaufen T-Shirts mit einer Auflistung der absurd hohen Strafen. Für die, die unter ihnen leben, ist es weniger lustig.

Manche Reiseländer sind instabil. Auf Sri Lanka herrscht seit Langem Bürgerkrieg. Thailand ist seit dem Staatsstreich vor einem Jahr im verfassungsrechtlichen Chaos. Im Süden des Landes kämpft das Militär gegen rebellierende Muslime.

All das ist wohlbekannt. Man weiß auch, welche Menschenrechtsverletzungen Angela Merkel China und Russland ankreidet und warum die Türkei so bald nicht in die EU kommt. Trotzdem fahren wir gern hin. Auch schlechte Herrscher können gute Gastgeber sein.

Das weckt einen bösen Verdacht. Arrangieren sich Tourismus und Diktatur bloß miteinander, oder sind sie stille Komplizen? Denn so zynisch es klingt, der autoritäre Staat hat dem Urlauber vieles zu bieten.

Erstens: Er hält die Preise niedrig. Freiwillig, indem er seine Bevölkerung ausbeutet. Oft auch unfreiwillig dadurch, dass er auf den Devisenmärkten nicht mithalten kann. Schwache Währung heißt nun mal: hohe Kaufkraft für den Besucher.

Zweitens können autoritäre Staaten Urlaubern ein Gefühl der Sicherheit geben, weil die Polizei üblicherweise sehr stark ist und vermeintlich »asoziale Elemente« hart angefasst werden, auch wenn sie noch gar nichts getan haben. Wenn etwa Ägypten trotz der Anschläge auf Ferienanlagen als sicheres Reiseland gilt, dann gewiss auch wegen der Notstandsgesetze, die seit einem Vierteljahrhundert in Kraft sind.

Drittens kommt der Geschmack vieler Diktatoren – Prachtbauten, Feste, schöne Fassaden – dem touristischen Blick entgegen. Und Sehenswürdigkeiten entstehen nun mal gerade da, wo das Wohlstandsgefälle am größten ist.

Willkommen in der Diktatur – Seite 3

Viertens werden viele Regimes durch schieres Unterlassen denkmalpflegerisch tätig. Sie bewahren das Alte (weil für Neues das Geld fehlt) und das Landestypische (weil die Bevölkerung von der internationalen Entwicklung abgeschottet wird). So kommen die beliebten Oldtimer nach Havanna. Und nichts anderes ist auch gemeint, wenn es in den Prospekten um das »unberührte«, »ursprüngliche« Birma geht.

Gerade Kulturreisende sind empfänglich für den Reiz des Autoritären. Es ist aufregend, Orte zu erkunden, wo es noch kein Starbucks gibt. Wo die Kinder einen anstarren wie einen Marsmenschen. Reich zu sein. Die Lebenskunst der Einheimischen zu bewundern. Sich auszumalen, wie es auch bei uns einmal aussah – vor der Industrialisierung. Über das Imponiergehabe der Staatsmacht zu lachen. Man ist ja nur bei ihr zu Gast und bald wieder glücklich daheim.

Ist das verwerflich? Nein, das ist reisen. Das Fremde suchen. Schönes erleben, das man nicht festhalten, und Schlimmes, das man nicht ändern kann. Neu ist nur, dass die Weltreisenden unserer Tage kaum mehr fürchten müssen, das Schicksal der Einheimischen zu teilen. Denn einer Sache nützt der Tourismus in Diktaturen doch: dem nachfolgenden Tourismus. Er befestigt die Korridore, auf denen wir uns relativ sicher bewegen. Selbst dort, wo scheinbar wahllos geschossen wird, gerät kaum je ein Tourist zwischen die Fronten. Auch die Soldaten in Birma, die außer vielen ihrer Landsleute nun wohl auch einen japanischen Pressefotografen auf dem Gewissen haben, sind offenbar auf das Wohl ihrer Urlauber bedacht. Versuchen wir, darin einen Fortschritt zu sehen.