Seit damals glaubt Boris Mikhailov, dass alles passieren kann. "Nichts ist sicher." Auch sein Lächeln nicht. Sein heller Blick ist doppelt aufmerksam, als schaue er zugleich nach innen und nach außen. Sein Blick, seine außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeit sind das, was er dem Chaos der Welt entgegensetzt. Ja, er habe Angst, dass er so ende wie die Menschen, die er fotografiere, sagte er einmal. Deshalb fotografiere er sie.

Eine seltsam sensible, fast flirrende Erscheinung ist dieser Mann, einer, dem das Alter, 69 Jahre, die Sinne noch geschärft hat. Den Bauch unter dem weiten Hemd ahnt man nur, weil man die Fotos gesehen hat, auf denen er sich selbst nackt porträtiert. Er tritt sehr bescheiden auf, als sei er bei sich selbst zu Besuch.

Sein Zuhause ist seit ein paar Jahren ein Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf, ein Bau mit niedrigen Decken aus dem Wiederaufbauprogramm der fünfziger Jahre. Laminat auf dem Fußboden, ein schönes neues Sofa, ein paar Schränke mit Bildbänden, hinter dem großen Fenster schwankende Baumkronen im Wind. An den Wänden des Wohnzimmers hängen plakatgroß seine Arbeiten, die zeigen, was mit Menschen geschehen kann, wenn alles zusammenbricht.

Seine alte Heimat ist die Ukraine, wo in den neunziger Jahren die gesamte Mittelschicht abgerutscht ist. Jene, die am tiefsten gefallen sind, die auf der Straße gelandet sind − Alte, Kranke, Kinder −, hat er fotografiert. Seine Bilder machen besser als Worte deutlich, was der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutet hat. Als er 1996 mit einem Stipendium in Berlin ankam, transportierte er seine Abzüge in einer Schachtel und zeigte sie am Checkpoint Charlie her. Heute gilt Mikhailov als einer der angesehensten Künstler aus der ehemaligen Sowjetunion. Einige Museen haben für seine alten Originalserien 100000 Euro gezahlt.

Eine Frau zeigt sich nackt; alterslos, mit zerstörtem Gesicht steht sie vor einer Mauer im Schnee. Auch ihr Körper ist verwüstet, ihr Bauch mit einer langen senkrechten Narbe wie ein Zipfel vorgestülpt, ihre Kleider hängen in den Kniekehlen, von hinten umfasst sie hilflos ein Mann. Zwei, die sich im tiefsten Unglück aneinander festhalten, sich vielleicht genauso an einen Baum oder ein Tier klammern würden. Mikhailov zeigt in seiner großen, 400 Bilder umfassenden Serie Case History (Fallstudien) die pure Existenz, das, was vom Leben bleibt, wenn es keinerlei Sicherheit mehr vom Tod trennt. Man glaubt etwas Existenzielles zu begreifen, wenn man sie ansieht, etwas, das über das Erschrecken angesichts des Elends hinausgeht: dass da jemand ist, der die Verlorenen anschaut − sein Blick hebt sie aus ihrer Verlorenheit heraus, wenn es für sie selbst auch nur ein kurzer Augenblick war.

"Sie haben sich gefreut, dass ihnen jemand Aufmerksamkeit schenkte, sie für wert hielt, fotografiert zu werden. Ich habe ihnen Geld gegeben. Sie haben posiert wie Models." Das war sehr russisch, sagt er, diese Duldsamkeit, er habe nie Wut bei ihnen gesehen. Weil sie immer nur getreten worden waren, war keine Wut mehr übrig. Auch Boris Mikhailov ist nicht wütend, er führt keinen Kampf, er ist ein Anthropologe mit einer Kamera. Aber dann sagt er, dass die meisten Obdachlosen, die er im ukrainischen Charkow fotografiert habe, heute, knapp zehn Jahre später, nicht mehr am Leben seien. Und man merkt, seine Erfahrung, dass alles passieren kann, wirft ihn manchmal fast aus der Bahn. "Der Zusammenbruch des Staates war auch ein Zusammenbruch der Zivilisation", sagt er. Es sei ein völlig neuer Mensch entstanden, ein neuer Typus, mit zerbrochenem Gesicht, wie man es bisher nur aus den ärmsten Regionen der Welt kannte. "Aber manchmal waren in diesem Gesicht noch Spuren der vernichteten Intellektualität zu sehen."