Manche sagen, Mikhailov habe die Ärmsten ausgenutzt. Es ist das einzige Mal in diesem Gespräch, dass er scharf wird. "Das ist Unsinn", sagt er, "ein Fotograf benutzt alles. Reichtum, Armut und Liebe. Und auch das Unglück." Als moralisch besonders heikel wurde empfunden, dass er die Obdachlosen bat, sich zu entblößen. "Das war unvermeidlich", sagt Mikhailov, der auf die Sofakante gerutscht ist. Er will erklären, dass diese Menschen in ihren Kleidern für die anderen transparent waren, dass die Blicke durch sie hindurchgingen. Und die Erklärung wird zum Appell, ihm doch zu glauben. "Erst durch die Nacktheit habe ich sie wieder sichtbar gemacht."

Mikhailov wird wieder ruhiger. "Der Kommunismus hatte keine Religion, mit der er den Menschen Angst machen konnte, so hat er uns die Nacktheit verboten, nicht aus irgendeiner Moral heraus, sondern einfach, damit wir uns unserer selbst schämen. Es war die Zeit der sexuellen Befreiung in vielen Teilen der Welt, und bei uns verlor man seine Arbeit, kam sogar ins Gefängnis, wenn man seine Frau nackt fotografierte."

Er arbeitete in Charkow als Ingenieur, als er in den sechziger Jahren zu fotografieren begann; es war nicht mehr als ein Hobby. Doch dann machte er Aktfotos von seiner Frau und entwickelte sie in der Dunkelkammer seiner Fabrik. Der KGB kam ihm auf die Schliche, er wurde verhört, verlor seine Anstellung, durfte nicht mehr fotografieren. Von da an nahm er die Fotografie ernster.

Das heißt nicht, dass er nur das Elend gezeigt hat, das kam erst Ende der neunziger Jahre. Vorher hat er das Leben in der Sowjetunion fotografiert: Badende, Tiere, Verliebte, Soldaten, schöne Frauen und immer wieder sich selbst. Er hat eine Serie namens Sandwich gemacht, Doppelbelichtungen, die verschiedene Zeitschichten verschmelzen, sich überlagernde Erinnerungen, witzig und melancholisch. Sein Werk hat wenig mit journalistischer Dokumentarfotografie zu tun. Sein eigener Blick ist immer präsent, gibt den Bildern etwas Poetisches, mitunter Verrücktes.

Vor Gorbatschow hatte er nie eine Ausstellung in Russland, und noch 1994, als er in einer Vernissage Nacktbilder von sich selbst zeigte, wurde die Galerie am nächsten Tag geschlossen. "Es war nicht einfach", sagt er. "Aber heute ist es zu einfach, das ist auch nicht gut." Er lacht. Die Verbote hätten die Künstler stets angetrieben, neue Wege zu finden.

Er fährt immer noch oft in die Ukraine, die Arbeiten von dort verkaufen sich besser. Mit ihnen wird sein Name verbunden. Aber die Motive haben sich geändert, wie die Lage dort, die sei besser geworden in den vergangenen Jahren, sagt er.