Jetzt, liebe Brüder und Schwestern, wollen wir beten«, sagt Abdul Adhim. »Oder gibt es noch jemanden, der konvertieren will?« Eine Frau mit Kopftuch gibt ihm ein Zeichen. »Aha, es gibt eine Frau, die Inschallah heute zum Islam kommen will. Der sollten wir schnell die Chance geben, damit sie dieses gemeinsame Gebet schon angerechnet bekommt«, sagt er. Der schlanke 30-Jährige mit weißem Turban und weichem Bärtchen schreitet durch den Gebetssaal. Die Männer – rund 300 sind heute in die Berliner Al-Nur-Moschee gekommen – machen ihm Platz. Abdul Adhim geht zur Treppe, in Richtung Frauentrakt. Zögernd tritt ein Mädchen vor. Sie trägt ein enges braunes Top und ein nach der letzten Mode gebundenes Pailletten-Kopftuch. Sie ist 16 Jahre alt, Gymnasiastin aus Charlottenburg. Abdul Adhim, der marokkanische Prediger, schenkt ihr ein Lächeln: »Bist du bereit?« Das Mädchen nickt und schluckt. Dann spricht sie das Glaubensbekenntnis der Muslime, erst auf Deutsch, dann auf Arabisch – mehr braucht es nicht, um eine Muslimin zu werden. Die Frauen klatschen und drängeln sich, die neue Schwester zu umarmen. Warte nur, scheinen ihre Augen der Neuen zu sagen, dein enges Top, dein Make-up, das wird dir noch vergehen!

Wenn er predigt, zieht Abdul Adhim manchmal die Augenbrauen zusammen. Mit Turban und Bart sieht er dann aus wie jemand auf einem Fahndungsfoto. Im nächsten Moment lächelt er wie ein Schuljunge und zwinkert verschmitzt – offenbar eine erfolgreiche Mischung. Allein in der Al-Nur-Moschee konvertieren bis zu fünf Gläubige pro Woche zum Islam. Bei den Kindern aus christlichem oder atheistischem Elternhaus ist nicht der lebensfrohe Sufismus oder der coole Pop-Islam angesagt, ja nicht einmal der ganz normale, gut mit dem Alltag in Deutschland zu vereinbarende muslimische Glauben. Ein bisschen beten, ein bisschen fasten – das reicht den Konvertiten nicht. Zulauf haben die strikten, am Wortlaut des Korans orientierten Richtungen. Wer hier mitmacht, muss sein Leben umkrempeln.

Warum lockt gerade diese kompromisslose Form des Islams die Jugend in Scharen? Die einfachste Antwort lautet: Weil Prediger dieser Richtung anbieten, was in deutschen Moscheen Mangelware ist – islamische Glaubenskunde in deutscher Sprache. Fundiert, verständlich und noch einmal zur Nachbereitung als Video im Internet. In den meisten Moscheen wird dagegen allein in den Heimatsprachen der Gläubigen gepredigt, und die Imame haben oft keine Ahnung vom Leben in Deutschland.

Eine Handvoll charismatischer Selfmade-Scheiks stößt in diese Lücke. Quasi konkurrenzlos können sie ihre Lehre verbreiten: eine strikte Trennung der Geschlechter; Verschleierung für Frauen, je mehr, desto besser; keine Musik. Anpassungen der religiösen Lehren an das moderne Leben sind nur da erlaubt, wo es nicht anders geht. Der Prophet und seine Gefährten sind nicht nur im übertragenen Sinne Vorbilder; was sie getan und gesagt haben, gilt – und das wörtlich. Nach diesen al-Salaf al-Sahih, den rechtgeleiteten Gefährten, nennen sich die Anhänger dieser Bewegung Salafisten. Viele von ihnen sind in Saudi-Arabien zur Schule gegangen oder wurden von wahabitischen Gelehrten geprägt. Ihre Bewegung boomt weltweit.

Hierzulande allerdings verwahren sich viele ihrer Anhänger gegen die Bezeichnung Salafist. Zu sehr klingt Salafist nach Terrorist. Tatsächlich sind alle sunnitischen Terroristen Salafisten, aber längst nicht alle Salafisten halten Gewalt im Namen des Islams für gerechtfertigt. Der Prediger Abdul Adhim beispielsweise wird nicht müde, in seinen Predigten Selbstmordattentate zu verurteilen. »Wer so etwas tut, verstößt gegen die Gebote des Islams!«, sagt er. Gott entscheide, wann ein Mensch sterbe. Diese Entscheidung darf der Mensch nicht vorwegnehmen.

Auch Pierre Vogel, der Superstar dieser neuen Welle radikaler islamischer Frömmigkeit, spricht sich gegen Gewalt aus. 2001 kam der gebürtige Bonner zum Islam. Damals war er 22 und Profiboxer. Nach zwei Jahren Sprachstudium in Mekka begann er 2006 mit seinen Predigten – seine Legitimation ist sein Erfolg. Er hat keinen festen Termin in einer Moschee wie Abdul Adhim, der jeden Sonntag Hunderte ins Industriegebiet hinter Neukölln lockt. Pierre Vogel tritt auf, wo immer er eingeladen wird und die Veranstalter auf seine Bedingungen eingehen: Die Halle muss respektabel sein, damit sich auch Nichtmuslime hineintrauen. Und der Raum muss teilbar sein, um Frauen und Männer trennen zu können.

Vogels wahre Bühne ist jedoch das Internet. Fünf Millionen Zugriffe in eineinhalb Jahren – darauf ist Pierre Vogel stolz. Was macht ihn so attraktiv? Gebürtige Muslime finden den breitschultrigen Deutschen mit dem rotblonden Bart, der ohne Stocken arabische Suren schnurren kann, einfach cool. Vogel weiß, wie das Leben als Jugendlicher in Deutschland ist. »Ich kenne das alles: Spielhallen, Discos, Frauen. Und ich weiß auch, wieso es besser ist, das andere Leben zu leben, in dem man keusch ist und dann heiratet«, erklärt er. Auf jeden der zahlreichen Konvertiten kämen zehn bis zwanzig gebürtige Muslime, die im Moment über ihn oder andere vergleichbare Prediger zum Islam zurückfänden.