Mein Leben habe ich den Worten hingegeben… // Ich tauchte meine Hände in das geheimnisvolle / Gold meiner katalanischen Sprache, und heute zeige ich / sie dir, blank, ohne jeden Gewinn…. // Jetzt tanze ich mit Schmerzen, damit die Gurgeln lachen, / ich den Applaus bekomme tausendfachen Gekläffs / und sie mich schließlich krönen mit einer Schellenkappe.«

Diese Zeilen aus Salvador Esprius Gedicht Dem Cerberus dargebracht verraten, wie es um das Selbstwertgefühl nicht nur dieses Dichters, sondern der meisten katalanischen Autoren bestellt ist. Will man ihnen und insbesondere Espriu einigermaßen gerecht werden, muss man ein wenig ausholen.

Das erste Missverständnis, das es auszuräumen gilt, ist die Vorstellung, es handle sich bei der katalanischen Literatur um eine Regionalliteratur. Doch sprechen und lesen fast elf Millionen Menschen Katalanisch; vergleichsweise sind also etwa die finnische, dänische, norwegische, slowenische oder litauische Literatur kleine Literaturen, die katalanische aber eine große. Dass dies bei uns kaum je wahrgenommen wurde, hat nicht nur damit zu tun, dass das Katalanische in Spanien nie zur Staatssprache wurde und unter der Herrschaft Francos in der Öffentlichkeit in jeder schriftlichen Form sogar verboten war, sondern wohl auch mit einem Versäumnis unserer bedeutendsten Romanisten: Karl Voßler und Ernst Robert Curtius ignorierten katalanische Literatur ebenso wie Hugo Friedrich, in dessen Struktur der modernen Lyrik kein einziger katalanischer Dichter auftaucht; und selbst der rebellische Werner Krauss, den doch schon der faschistische Versuch, das Katalanische auszulöschen, zu dessen Fürsprecher hätte machen müssen, erzählte seinen Leipziger Studenten offenbar kaum je ein Wort über katalanische Literatur. Rühmliche Ausnahmen bleiben Johannes Hösle, der 1970 zusammen mit Antoni Pous eine kleine Anthologie moderner katalanischer Lyrik in der Schriftenreihe der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur herausgab (und wohl auch dafür verantwortlich war, dass die Universität Tübingen Salvador Espriu 1971 mit dem Montaigne-Preis ehrte), sowie Tilbert Stegmann, der 1987 bei Reclam Leipzig eine etwas umfangreichere und kostbar aufgemachte katalanische Lyrik-Anthologie besorgte, die in Lizenz gleichzeitig bei C. H. Beck in München erschien.

Die beiden Portalfiguren der katalanischen Literatur, auf die sich bis heute viele Dichter Kataloniens beziehen, waren der auf Mallorca geborene Ramon Llull (1235 bis 1316), der als Erster aus dem Lateinischen ausbrach und für die katalanische Literatursprache so bestimmend wurde wie der dreißig Jahre später geborene Dante für die italienische, sowie der in Valencia beheimatete Ausiàs March (1397 bis 1459), den man den »letzten Troubadour« oder auch den »Petrarca der Troubadoure« genannt hat, obwohl March die Liebe nicht nur pries, sondern als Ursache vielfältigster Erniedrigung auch verdammte. Wie groß der katalanische Sprachraum einmal war und immer noch ist, zeigt sich schon darin, dass es bis heute katalanisch schreibende Dichter in Valencia und auf den Balearen gibt (wohin nach dem Verlust der Provence, die einmal bis Perpignan katalonisch war, viele Katalanen flohen und wo bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Katalanisch noch Amtssprache war). Einer von ihnen, Vicent Andrés Estellés (1924 bis 1993), zählte zu den kühnsten katalanischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts, dem auch Salvador Espriu, der viele Gedichte an befreundete oder verehrte spanische Dichter wie etwa Antonio Machado, Jorge Guillén, Miguel Hernández oder Rafael Alberti gerichtet hat, mit einer Eloge huldigte (im Axel Schönberger Verlag, Frankfurt am Main/Berlin erschien 1996 eine von Hans-Ingo Radatz verantwortete Auswahl von Estellés-Gedichten, die es immerhin auf zwei Auflagen brachte).

Während sich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert die Oberschicht Kataloniens mehr und mehr vom Katalanischen abwandte, was sich auch in einer Verarmung der Literatur niederschlug, begann mit der sogenannten Renaixenca (von 1833 an) wieder ein erstaunlicher Aufschwung der katalanischen Literatur, zuerst in der Lyrik, später auch im Roman, der sofort die Einflüsse der großen französischen, englischen und russischen Literatur aufnahm. Der 1860 in Barcelona geborene und 1912 dort gestorbene Joan Maragall galt noch einem Unamuno als der bedeutendste spanische Lyriker der Gegenwart überhaupt; dass Maragall katalanisch schrieb, ignorierte der radikale Separatismus-Gegner Unamuno. Wer auch nur Maragalls Ode an Spanien oder seine Neue Ode an Barcelona gelesen hat (die beide in der Hösle-Anthologie abgedruckt sind), wird sofort erkennen, dass dieser universal gebildete Dichter (der übrigens eine besondere Affinität zum Deutschen hatte und Goethe, Novalis und Nietzsche ins Katalanische übersetzte) tatsächlich in die stolze Ahnenreihe der spanischen Moderne gehört, die von Jiménez, Dámaso Alonso, Lorca, Machado und Alberti bis zu Cernuda und Salinas reicht.

Maragall, dem seinerzeit eine große iberische Föderation vorschwebte, in welcher das Kastilische, Katalanische und Portugiesische als drei gleichberechtigte Sprachen nebeneinander bestehen sollten, hat in seiner Ode an Spanien mit dem Pathos eines Walt Whitman Spanien und seine Politik angeklagt: »Höre, Spanien, die Stimme eines Sohnes, / der mit dir eine Sprache spricht, die nicht kastilisch ist; / ich rede in der Sprache, die mir das rauhe Land / gegeben hat: / in dieser Sprache haben wenige mit dir geredet; / in jener anderen allzu viele. // Zuviel hast du gedacht an deine Ehre / und viel zu wenig an dein Leben / …und deine Feste waren Begräbnisse, / trauriges Spanien! // Wo bist du Spanien? Ich sehe dich nirgends. / Verstehst du diese Sprache nicht, die in Gefahren sich an dich wendet? / Hast du verlernt, die eigenen Kinder zu verstehen? / Adieu Spanien, leb wohl!« Leider hat sich bisher kein deutschsprachiger Verlag des Werkes Maragalls angenommen, der zuletzt zu einer fast franziskanischen Haltung fand, die sich am bewegendsten in seinem Geistlichen Lied niederschlug, das immerhin Albert Camus und Eugenio Montale für wert hielten, es in ihre Sprachen zu übertragen, und das so anhebt: »Da die Welt schon so schön ist, Herr, wenn sie / mit deinem Frieden sich in unserem Auge spiegelt, / was kannst du uns in einem anderen Leben dann noch geben?«