Wer je sich mit der Arbeit von Sarah Kirsch beschäftigt hat, bekommt den Ton ihrer Gedichte nicht mehr aus dem Ohr; es ist gleichsam ein Lyrik-Tinnitus. Dieser wundersame Klang, Gemisch aus zarter Härte, bissiger Wehmut und dem hauchdünnen Faden Glück: ein hexisches Spinnweb. Hexisch? Der Spinne gleich lauert sie auf ihr Opfer, mit spähender Geduld, um es plötzlich zu erjagen. Das Opfer ist das Wort.

Meine Haarspitzen schwimmen im Rotwein,
mein Herz
Sprang, ein Ei im kochenden Wasser,
urplötzlich
Auf und es fiel, sprang wieder, ich dachte
Wo du nun wärest, da flogen
die Schwäne dieses
Und auch des anderen Spreearms schnell übern
Himmel.

Wie macht man solche Gedichte? Sarah Kirsch hat das einmal beschrieben: "Wann genau bei mir ein Gedicht losgeht, ist im nachhinein schwer zu sagen. Das hat bei mir meistens mit optischen Eindrücken zu tun. Da ist irgendwann mal ein Anfang oder eine Zeile, die ich etwas später in die Mitte eines Textes einbaue; der Anlaß kann durchaus trivial sein, kann etwa von einem Fernsehbild herrühren. Und dann ist es, glaube ich, so, daß man schon irgend etwas gespeichert hat, Material, das nur irgendeines Auslösers bedarf."

Dieses ihr poetisches Verfahren hat sie nun in einem wunderschön einprägsamen Band mit Tagebuchprosa noch einmal ganz deutlich gemacht. Es sind dünne Späne vom Baum ihres Lebens in Tielenhemme an der Eider, das die Sprachspielerin gern nach "Schließlich-Holzbein. Meerumschlungen" verlegt, dorthin, wo der Wind die Wolken küsst und der Nebel Märchen erzählt, "klarlichte Dunkelheit". Doch durchaus nicht will diese Zauberspruch-Dichterin das Land der Kühe mit der Seele suchen. Wovon sie berichtet, das ist nicht Lebenskulisse. Es ist ihr Leben. Sie spielt nicht wie weiland der genialisch-patzige Horst Janssen den Gummistiefel-Clown, um die Nerz-Damen der Elbchaussee – "Huch, so sind die Künstler" – das Förchten zu lehren. Sie ist Teil dessen, was um sie herum west und webt – und alles ist zugleich Material für ihr Gedicht: "17 Uhr war ich spazoren. Da stieg die Kälte bereits aus den Gräben. Hab mich mit den jungen Kühen unterhalten, die hinter dem Reiherbaum mit ihrem Stier auf der Weide sind. Er stellte sich schützend vor seine Damen. Entzückende Farben, durchsichtiges Licht."

Lyrische Prosa. Wenn sie beobachtet: "mitunter schneit es ja Federn mein Fenster entlang. Das macht es der Falk seinen Fressplatz über mir auf dem First", dann spricht sie ja zugleich von ihren Schreibfedern. Ob die nasse Katze, die sich verfärbenden Beeren am Baum oder – "neben den Schreibzeiten" – der Weg bis in die Geest oder zu den Torfstichen: Es sind Augen-Blicke einer Künstlerin, sehr wach und gar nicht heimelig, die die Welt prüft auf Literaturfähigkeit. Natur als Vor-Kunst. Unentwegt erinnert man sich an Gedichtzeilen von ihr:

Es könnte ein Auto sein
Das schneidet die Kurven, aussteigt der
grauäugig Fahrende
Er schwitzt sich Edelsteine in den feurigen Bart
so schnell
Ist er gefahren er hat einen schönen Mund
halblanges Haar
Zieht einen Watteanzug an Gummistiefel
Weil schlechtes Wetter ist er stapelt Briketts
Alle sehn ihn wie ich ihn beschrieb er steht
In ihren Köpfen
Ich habe ihnen was eingeredet.

Denn was wir hier lesen, sind ungeborene Gedichte; vieles wirkt wie das geknetete Wachs, bevor es verbrennt und der Ton geformt wird. Es bedürfte nur eines anderen Zeilenumbruchs, und wir hätten den "Guß", will sagen, eines ihrer klingenden Gedichte in der Hand: "Heut hab ich Frau Callas auffem Teller mit Lucia di Lammermoore. Zwei CDer sind es, das reicht for ne Woche. Ein Schwarm Schwanzmeisen hängt in den Ästen der kleinen Ulme vor meinem Schreibzimmerfenster. So etwas Niedliches diese hellen wolligen Thiere."

Doch kein Irrtum. Wir haben es nicht zu tun mit einem idyllisierenden Schwarmgeist. Das Bewundernswerte an Sarah Kirschs Formensprache ist vielmehr ihre Montagetechnik, mit der sie das Widerwärtige unserer Gegenwart einschießt ins nur scheinbar Behagliche. Unvergesslich des Kollegen Rolf Michaelis trotzige Laudatio zur Büchnerpreisverleihung im Jahre 1996 – das "Un-Sozial-Jahr" nannte er es –, in der er schallend an jenes "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" des Hessischer-Landbote- Autors und an das politische Element im Werk der Sarah Kirsch erinnerte: "Aber mit dem politischen Anspruch der Poesie von Sarah Kirsch, der sie mit dem Namenspatron des heute zu verleihenden Preises verbindet, meine ich anderes, besseres – ja: innigeres. Mit Meisterschaft – und Diskretion – gelingt ihr die Engführung privater und politischer Themen, Gleichauf von Bewegungen in Natur und Gesellschaft, Spiegelung innerer Vorgänge in äußeren Erscheinungen."

Wohl wahr. Der schmale Regenkatze- Band widerlegt in vielen Eintragungen das törichte Klischee von der Heimatdichterin. Hic et nunc sind für Sarah Kirsch keine Fremdworte. "Schwere Gefechte im Irak. Es ist ne Art Vietnam geworden": Derlei ist nur einer ihrer gespitzten Pfeile. Ihr Ekel kann auch ausführlicher werden: "alles kann ich finden, aber auch den Brechreiz der Talkshows, will ja wenigstens ahnen, wie 70 Prozent meiner Mitbürger sich durch die Zeiten bewegen und niemals erwachen. Wie alles an denen abprallt. Zum 250. Geburtstag von Göthen, als es wirklich ein ganzes Jahr um den Geheimrat ging, fast täglich uff allen Kanälen, im Radio, in den Zeitungen, und dann machen sie in Weimar eine Straßenumfrage, fragen wer das wohl war, nie gehört, keene Ahnung, vielleicht ein Rapper? Da amüsier ich mir und hab nahezu ne Hochachtung for soviel Dickfelligkeit."

Applaus. Immer indes mag man den nicht spenden. Vielleicht ist Sarah Kirschs Vorliebe für Sprachverdrehungen, die doch arg am Kalauer entlangschrammen, noch eine lässliche Sünde. Aber "Halftown" statt Halberstadt? Frau Lupus statt Christa Wolf? Ein Herr Enziansberger? Da raschelt die Schülerzeitung. Kratzig wird es, wenn Katze Kirsch die Krallen ausfährt – es bleibt kaum ein Zeitgenosse ohne Schrammen. Günter Grass und Reich-Ranicki ohnehin (auch der Herr Raddatz bekommt seinen Striemen). Doch der Schnödigkeitsgalopp irritiert: Joyce Carol Oates "kann die Dinte nicht halten"; Alexander Kluge – "literarischer Kwalm"; Christoph Hein – "fürchterlich, fürchterlich isses"; Christa Wolfs Ein Tag im Jahr – "Also ich sach mir die hat sie nicht alle."

Das ist hochnäsig. Und Proust gut zu finden, welch überraschende Einmaligkeit, ist wohl doch kein Äquivalent. Am besten, man liest die Texte der Schriftstellerin Sarah Kirsch voller Genuss – und lässt die Schnippischkeiten außer Acht.