Als 1956 in Montreal die Polizei streikte, stieg die Kriminalitätsrate sprunghaft an. Und das war kein kanadisches Phänomen; es ließ sich in anderen Ländern genauso beobachten: Glänzten Ordnungskräfte durch Abwesenheit, fühlten sich die Bürger animiert, vermehrt zu meucheln und zu stehlen.

Der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer und der Zürcher Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr glauben, dass Menschen tatsächlich nur dann brav sind, wenn ihnen auf die Finger geschaut wird. "Alle bekannten Gesellschaftsordnungen gründen darauf, dass die Verletzung sozialer Regeln bestraft wird", schreiben sie diese Woche in der Fachzeitschrift Neuron. Nur wenn Strafe droht, kontrollieren wir die spontanen Regungen und verhalten uns regelkonform: Eigennutz ist der vorherrschende Impuls.

Dieser erschütternden Erkenntnis kamen die Forscher im Kernspintomografen auf die Spur. Sie ließen Probanden paarweise ein Kooperationsspiel spielen und steckten jeweils einen in den Tomografen, um seine Hirnaktivität zu messen. Der Proband in der Röhre musste nach Gutdünken 100 Geldeinheiten zwischen sich und dem Mitspieler aufteilen. Dabei hatte er es mit einem unterschiedlich wehrfähigen Gegenüber zu tun. Mal war der zweite Teilnehmer der Entscheidung ausgeliefert, mal konnte er sich revanchieren: Fühlte er sich unfair behandelt, konnte er sich wehren, indem er von seinem kläglichen Anteil etwas opferte, was wiederum den Gewinn des Spielers im Tomografen um den fünffachen Betrag schmälerte. Im Extremfall konnte die Strafe so drakonisch sein, dass der geldverteilende Spieler in der Röhre leer ausging. Der Test blieb nicht virtuell. Am Ende wurden die Geldeinheiten in Euro-Cent mit dem ganz realen Probandenlohn verrechnet.

Wie fair, fragten sich Spitzer und Fehr, würden die Geldverwalter im Tomografen agieren? Hatten es diese mit einem wehrlosen Empfänger zu tun, nutzten sie das beim "Teilen" schamlos aus; sie steckten im Schnitt 90 Einheiten selbst ein. Wirtschaftlich betrachtet, mag das vernünftig sein, verletzt aber eine klare soziale Norm: Die meisten Menschen halten es für gerecht, 50:50 zu teilen. Diesem Ideal kamen die Egoisten im Scanner erst dann näher, wenn Bestrafung drohte. Dann gaben sie im Durchschnitt 40 Einheiten ab.

Der Magnetscan offenbarte, was beim Geldverteilen im Hirn passierte. Das Gerät misst, in welchen Arealen viel Sauerstoff verbraucht wird. Drohte die Rache des anderen, waren im Verteilerkopf zwei Bereiche des Frontalhirns besonders aktiv. Einer davon, der äußere Teil des vorderen Frontallappens, wird mit der Unterdrückung spontaner Impulse in Verbindung gebracht. Der andere Teil, der orbitofrontale Cortex (OFC), liegt seitlich oberhalb der Augenhöhlen. "Ich vermute, dass das der Ort ist, an dem wir Werte speichern, also unser Wissen darüber, was richtig und falsch ist", sagt Spitzer. Wobei diese Werte aber kaum um ihrer selbst willen gespeichert werden. Vielmehr sind sie dazu da, uns vor den negativen Gefühlen zu warnen, die eine Strafe mit sich bringt. Der OFC rechnet also kühl durch, ob Kooperation sich lohnt.

Ob sich einer benehmen konnte, hing auch von der Persönlichkeit ab. "Machiavellisten", die selbstsüchtiges Verhalten mit geschickter Wahrung der sozialen Normen kombinierten, waren wirtschaftlich am erfolgreichsten: Drohte keine Strafe, behielten sie von allen Teilnehmern das meiste Geld für sich. Drohte Vergeltung, zeigten sie sich so fair wie die anderen. Bei ihnen wurde auch auffällig viel Aktivität im OFC gemessen.