In einem Moment der Verzagtheit während des Kosovokriegs, als die In-Group wieder einmal deprimiert herumsaß bei Schröder, habe der "wie ein Fels in der Brandung" gestanden, bescheinigt der Vize dem Chef. An der Bündnisloyalität müsse unverbrüchlich festgehalten werden, fanden beide, auch wenn es brodele in den Parteien. Schröder habe zielstrebig entschieden, den Koalitionsstimmungen getrotzt und die Reihen neu geschlossen. "Seit jenem Abend im Bonner Kanzlerbungalow wusste ich auch, was letztendlich einen Kanzler ausmacht." Kein schlechter Satz für einen, der nicht gern gebosst wird.

Joschkas Frühmemoiren also, und nur der Anfang, Band 1: Er wollte Lafontaine, bekommen hat er Schröder. Und verteidigt ihn aus Überzeugung. Nach Lektüre von Schröders Erinnerungen war Fischer rasch klar, dass der "Boss" ihm mindestens das Feld des Narrativen überlassen hatte. Und die Chance nutzt er. Fischer erzählt aus seiner Sicht, und der rote Faden bleibt die Außenpolitik, trotz gelegentlicher Rückblicke und Abschweifungen auf die prekäre innenpolitische Lage, aus der die rot-grüne Koalition eigentlich nie herausfand. Natürlich kommt nicht zu kurz, wie er gelitten hat, zumal an seiner Partei, zu der er ewig Distanz verspürte. Heimat, sagt er, seien ihm stets nur Frankfurt und Hessen geblieben. Auch die sogenannte grüne Streitkultur habe ihn nie so richtig überzeugt. Aber seltsam: Für Fischer waren die Grünen-Parteitage in Magdeburg im März 1998 und in Bielefeld während des Kosovo-Streits fast existenzielle Momente, Stunden der wahren Empfindung.

27. Oktober 1998, Schröder ist soeben zum Kanzler gewählt. Was tun? Laut getönt hatten sie vor dem Machtwechsel und der Abwahl Kohls von der "Berliner Republik", die nun entstehe und der sie Kontur geben wollten. Wie vollmundig das war, zeigte sich jetzt. Fischer rückblickend: Kohl hat es so falsch nicht gemacht, also Kontinuität wahren, sagt sich der Novize Außenminister.

Der Vormund wird Mündel, Fischer im Amt: Prompt macht er seinen ersten Fehler. Nach dem Motto "Her mit der Berliner Republik!" hatten sie ins Koalitionsprogramm geschrieben, Deutschland werde sich "für den Verzicht auf den Erstschlag von Atomwaffen einsetzen". Gute Idee! Seinen Beamten freilich schwant, welchen Ärger das bei den Nuklearmächten der Nato hervorrufen würde. Von Washington kommend, bricht innerhalb von Stunden ein "publizistischer Sturm" über Fischer herein. Die neue Regierung steht "isoliert" da. Der große Fischer, klein?

Andere Gelegenheit, gleiches Muster: Zwei Tage lang wähnten Schröder und Fischer nach einem Washington-Besuch sich sicher, Clinton werde auf eine Kosovo-Entscheidung der Neuen in Deutschland verzichten, dann widerrief er unversehens. Die Nato würde gespalten, drängte der US-Präsident, wenn Deutschland nicht entschlossen aufträte im Bündnis gegen Milošević. Fischer: "Das Regieren ließ sich ja gut an. Wie gewonnen, so zerronnen, schien zu unserer Devise zu werden." Das war keine Ausnahme. Fast immer kam es anders, als sie dachten. Die Leitwölfe regierten, aber Regie führten andere.