Vor dem Ersten Weltkrieg kamen 80 Prozent der abendländischen Musikinstrumente aus dem Vogtland, in Markneukirchen gab es 15 Millionäre und sogar ein US-Generalkonsulat. Die prachtvollen Fassaden der Neobarock- und Jugendstilvillen sind ein Zeugnis der guten alten Zeit. Die pompösen Bürgerhäuser schmiegen sich an die bewaldeten Berge ein eher untypisches Bild im sächsischen Hinterland. Kein Krieg, keine Weltwirtschaftskrise und auch nicht der Sozialismus taten dem Erfolg der vogtländischen Instrumente in den Folgejahren Abbruch. Der große Einschnitt kam erst mit der Wende und der Währungsumstellung.

Westliche Grossisten zogen osteuropäische und asiatische Billigware vor. Der Weltmarktanteil der Vogtländer schmolz auf 1,5 Prozent zusammen. Rund 5000 Stellen im Musikinstrumentenbau wurden in den vergangenen fünfzehn Jahren abgebaut. Besonders betroffen waren industrielle Fertigungen und Großbetriebe. Bis heute balancieren einige am Abgrund. So wie die Harmona-Werke in Klingenthal, die nach eigener Aussage die älteste Akkordeonfabrik der Welt sind.

Der Schriftzug ist verwittert, die Gleise auf dem Gelände mit Unkraut überwuchert, die Zahlen auf der Uhr an der Außenwand der Fabrik sind unsichtbar geworden, so als gäbe es keine Zeit mehr. Es riecht nach PVC und Staub. Dreimal haben die Harmona-Werke nach der Wende den Besitzer gewechselt. Zuerst hatte der größte westdeutsche Konkurrent Hohner die Werke übernommen, danach der Musikschulbetreiber Dieter Fröhlich. Jetzt versucht sich die hessische Unternehmensberaterin Gabriele Herberger an der Manufaktur. Es soll ihr letztes großes Abenteuer vor der Rente werden. " Wenn die Harmona zugrunde geht, geht auch das Wissen um die manuelle Akkordeonproduktion in Deutschland für immer verloren", sagt sie. " Das hier zu erhalten ist für mich eine kulturelle Aufgabe." Herberger weiß: Der Markt ist rückläufig, und China deckt fast den kompletten Niedrigpreissektor ab. Aber sie hat auch in die Augen der Menschen gesehen, die sich eine "Weltmeister" auf die Knie gesetzt haben. Das hat sie überzeugt. Jetzt will sie die Produktion umstrukturieren, individuelle Fertigungen zum wichtigsten Geschäftsfeld ausbauen. Den Export nach Osteuropa stärken, Marketinginstrumente einführen, Touristen durch die musealen Produktionsstätten führen. " Wenn das hier eine durchgestylte Firma gewesen wäre, hätte mich die Aufgabe nicht gereizt. Aber hier kann ich viel machen."

In den leeren Hallen der Harmona-Werke trifft sich jeden Montag das Akkordeonorchester Klingenthal. Wenn die 15 Männer, Frauen, Jungen und Mädchen ihre "Weltmeister" geschultert haben, heben sie zu einem Marsch an, der in den Klingenthaler Bergen geschrieben wurde. Früher waren sie das Werbeorchester der ansässigen Musikindustrie. Heute spielen sie nur noch in Kirchen oder auf Dorffesten. In der Region, die sich vom Musikwinkel zum Musicon Valley wandelt, ist es stiller geworden.