Das Kapitel "K" der neueren Musikgeschichte beginnt und endet mit Kagel, Mauricio. Er belegt den Buchstaben durch die Erfindung der Kagelschen Dreifaltigkeit von "Konzept – Komödie – Karteikarte" – so titelte jedenfalls einmal ein naseweiser Kritiker. Mauricio Kagel, am Heiligabend 1931 in Argentinien geboren, kam Mitte der fünfziger Jahre als Avantgardist aus Argentinien nach Deutschland. In Köln bastelte er im elektronischen Studio an Tonbändern – Transición II für Klavier, Schlagzeug und Tonband (1958) entstand – und produzierte eine bis heute nicht abreißende Kette von Hörspielen für den WDR, darunter bedeutende Sachen, die zur Neudefinition der "Akustischen Kunst" beitrugen.

Bekannt geworden ist er aber durch sein Konzept des "Instrumentalen Theaters" – einer Form des Musiktheaters, für die es kein Libretto mehr gibt (und meist auch keinen Gesang). Kagel erweitert den Musikbegriff auf nicht klingende Aktionen der Ausführenden: Die zur Tonerzeugung notwendigen Bewegungen der Instrumentalisten verselbstständigen sich. Stumme theatralische Gesten und slapstickartige Einlagen werden, wie die Töne selbst, zum Bestandteil des kompositorischen Materials. Zwei Streichquartette von 1967 nehmen den Charakter dadaistischer Kleinkunst an, wenn der Primarius verspätet auftritt, eine Zigarette zückt, sich Feuer geben lässt und erst einmal eine raucht, während die Kollegen betriebsam ihr Instrument mit avancierten Spieltechniken examinieren.

Mauricio Kagel hat der in ihren Grundfesten tiefernsten Neuen Musik die Spielarten des Komischen erschlossen. Der Schalk komponiert bei ihm immer mit: In seinem Musiktheaterwerk Staatstheater von 1971 führt er die Zwänge und die Selbstverkeilung des Theaterapparates ad absurdum. In seinem Film zum Beethovenjahr 1970 mit dem Titel Ludwig van spielt er surreal mit Rezeptionsklischees und dem Beethoven-Jubelfeier-Rummel. In seiner Sankt-Bach-Passion nimmt er die Heiligsprechung des heiligen Johann Sebastian aufs Korn.

Kagels Witz ist variantenreich: Mal verknotet er sich in dialektischen Eulenspiegeleien, mal reitet er die offene Kalauer-Attacke. Hier höhlt er den Ernst mit leiser Ironie aus, dort entschwebt er in die höheren Sphären des Surrealen. Das produktive Scheitern der Protagonisten erweist sich dabei immer wieder als ein Kennzeichen der Kagelschen Szenerien: In Exotica für sechs Instrumentalisten und außereuropäische Instrumente etwa mühen sich die hochversierten Westmusiker vergeblich mit einem exotischen Instrumentarium ab, das sie nicht kennen, und verheddern sich in einem skurril tönenden Diskurs über das Fremde und das Eigene.

So viel Klamauk hat es vor Mauricio Kagel auf der Bühne der Neuen Musik nicht gegeben. Auf diesem Betätigungsfeld hat er ein Monopol, hier räumt er ab – auch nach dreißig Jahren noch.

Mauricio Kagel: Exotica (Deutsche Grammophon 445252)

Alle Klassiker der modernen Musik finden Sie auf unserer Themenseite "