Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Historiker Saul Friedländer lenkt die Aufmerksamkeit auf ein herausragendes wissenschaftliches Werk, das sich vor allem einer Frage gewidmet hat: Wie war es möglich? In seinem zweibändigen Opus magnum Das Dritte Reich und die Juden, das in diesen Tagen in einer einbändigen Sonderausgabe erscheint (aus dem Englischen von Martin Pfeiffer; C.H. Beck, München 2007; 1317 S., 38,–€), zieht Friedländer eine Summe seiner Forschungen – die erste wirkliche Gesamtgeschichte des Holocaust, die alle Aspekte und Perspektiven integriert. Wer den Autor und sein Werk verstehen will, sollte zur Autobiografie aus dem Jahre 1978 greifen, die jetzt auch in einer gebundenen Ausgabe vorliegt: Wenn die Erinnerung kommt (aus dem Französischen von Helgard Oestreich; C.H. Beck, München 2007; 192 S., 16,90€). Auf anrührende Weise beschreibt Friedländer, wie er, das Kind deutschsprachiger Prager Juden, in einem katholischen Internat in Frankreich überlebte.

Zwei Bücher Friedländers, die lange vergriffen waren, sind nun neu aufgelegt worden: zum einen die zuerst 1967 erschienene Studie Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten (aus dem Französischen von Jutta und Theodor Knust; C.H. Beck, München; 208S., 12,95 €) – die Geschichte des SS-Offiziers, der Augenzeuge der Massenvergasungen in Belzec und Treblinka wurde und die Alliierten darüber informierte. Zum anderen der Essay von 1982 Kitsch und Tod (Der Widerschein des Nazismus; aus dem Französischen von Michael Grendacher und Günter Seib; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2007; 144S., 9,95€). Darin unterzog er Filme und Romane der 1970er Jahre, die der ästhetischen Faszination des Nationalsozialismus nachgingen, einer scharfsinnigen Kritik.

Im November 1998 erhielt Friedländer den Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München. Die Laudatio Jan Philipp Reemtsmas und die Rede des Preisträgers kann man immer noch nachlesen: Gebt der Erinnerung Namen (Zwei Reden; C. H. Beck, München 1998; 63 S., 5,–). Eine Sammlung von Aufsätzen Friedländers, die im Laufe der letzten zwanzig Jahre entstanden sind, präsentiert der Band Nachdenken über den Holocaust (C.H. Beck, München 2007; 201 S., 12,95 €). Er enthält auch den berühmten Briefwechsel mit Martin Broszat über die "Historisierung des Nationalsozialismus" aus dem Jahre 1987. Das Kernproblem benennt Friedländer im Vorwort: Wie lässt sich die Geschichte des Holocaust "nach allen Regeln strengster Wissenschaft" schreiben, ohne "das anfängliche Gefühl der ›Fassungslosigkeit‹ zu unterdrücken, das diese Geschehnisse auslösen".

2006/07 war Friedländer der erste Gastprofessor des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seine öffentlichen Vorträge und Gespräche aus dieser Zeit finden sich versammelt in dem Band Den Holocaust beschreiben (Auf dem Weg zu einer integrierten Geschichte; Wallstein Verlag, Göttingen 2007; 173 S., 15,–€). Die Bibliografie im Anhang zeigt eindrucksvoll, in wie viele Sprachen der Welt das Werk Saul Friedländers übersetzt worden ist. Volker Ullrich